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Esoterik- und Psychomarktkritik - Presseschau und Kurznachrichten




Autor / Datum / Thema /Status Stamm, Hugo / 2019-04-03 12:55 / Aufklärungsarbeit in der Sackgasse ? / INFOTHEK printer Beenden
Zusammenfassung

(sektenwach) Aufklärungsarbeit ist immer von der öffentlichen Wahrnehmung abhängig. Aktuell liegen Sektenfragen nicht im Trend, die Aufklärung über radikale religiöse Gruppen stockt erheblich – sieht man von islamistischen Entwicklungen ab. Dies ist umso verhängnisvoller, als die Sensibilisierung der Öffentlichkeit dringender denn je wäre. Denn sektenhafte Entwicklungen beschränken sich in unseren Tagen nicht mehr nur auf radikale Glaubensgemeinschaften, sondern stoßen in verschiedene Lebensbereiche vor. Das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Gefahren der Vereinnahmung schrumpft, was für Politik und Gesellschaft gravierende Folgen zeitigt. Man kann die Sektenfrage mit der Drogenproblematik vergleichen: Einst wollte die Politik die Rauschmittel verbannen, doch diese sind längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen und nicht mehr zu verdrängen. Damit hat man sich heute weitgehend abgefunden. Eine ähnliche Einstellung beobachte ich bei der Sektenfrage. Man könnte zynisch sagen: Jede Gesellschaft hat die Sekten, die sie verdient.

 



Hugo Stamm

AUFKLÄRUNGSARBEIT IN DER SACKGASSE?!

Erfahrungen aus 40 Jahren publizistischer Arbeit –Bilanz und Prognosen / sektenwatch Jahresfachtagung 2018

 

Ich beschäftige mich seit über 40Jahren publizistisch mit problematischen oder radikalen religiösen, spirituellen und weltanschaulichen Bewegungen und Gruppen und möchte Ihnen anhand meiner subjektiven Erfahrungen einen Überblick über die Entwicklung der „Sektenlandschaft“ geben und am Schluss einen Ausblick wagen. Ich bin einer der wenigen Journalisten, die sich fast ausschließlich diesem Minderheitsthema widmen konnten. Ich habe aber auch intensive Erfahrungen in der Beratungstätigkeit, wendeten sich doch viele Leserinnen und Leser hilfesuchend an mich. Um als Journalist glaubwürdig zu bleiben, habe ich dafür nie Honorare angenommen. Soviel zu meinem Hintergrund.

 

 Aufklärungsarbeit ist immer von der öffentlichen Wahrnehmung abhängig. Ein Problem wird nur als solches wahrgenommen, wenn es in den Medien thematisiert wird.

 

Aktuell liegen Sektenfragen nicht im Trend, die Aufklärung über radikale religiöse Gruppen stockt erheblich – sieht man von islamistischen Entwicklungen ab. Da wir in unserer Arbeit von der öffentlichen Aufmerksamkeit abhängig sind, erleben wir eine nachhaltige Durststrecke. Unsere Themen und Anliegen sind für die Medien nur noch selten «sexy». Würde Scientology (BILD Trump/Hubbard) nicht gelegentlich für Schlagzeilen sorgen, wären Sektenthemen nur noch selten auf dem Radar der Medienschaffenden. Dies ist umso verhängnisvoller, als die Sensibilisierung der Öffentlichkeit dringender denn je wäre. Denn

 

sektenhafte Entwicklungen beschränken sich in unseren Tagen nicht mehr nur auf radikale Glaubensgemeinschaften, sondern stoßen in verschiedene Lebensbereiche vor, wie ich noch zeigen werde. Das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Gefahren der Vereinnahmung schrumpft, was für Politik und Gesellschaft gravierende Folgen zeitigt.

 

Ich begann mich 1974 als Journalist des Zürcher Tages-Anzeigers mit Scientology (BILD SC-Zentrum) zu befassen. Ein deutscher Aussteiger vermittelte mir eine Innenansicht und weckte meine journalistische Neugier. Die Sekte hatte in diesem Jahr ihre erste «Kirche» in ein paar kleinen Büroräumen in Zürich eröffnet. Bei den Recherchen stieß ich auf weitere sektenhaften Gruppen, die verharmlosend Jugendreligionen genannt wurden. Verantwortlich dafür waren primär Pfarrer der Landeskirchen. Verzweifelte Eltern, deren Töchter oder Söhne von Dianetik oder anderen Heilsvorstellungen fasziniert waren, suchten bei diesen Rat. Da die Geistlichen Organisationen wie Scientology, Jesus People, Hare Krishna, Kinder Gottes, Vereinigungskirche (Moonies), Sri Chinmoy usw. höchstens vom Hörensagen kannten, stuften sie diese verharmlosend als Jugendreligionen ein. Der Hauptgrund war, dass sich die Gruppen bei ihrer Missionsarbeit damals vorwiegend auf Jugendliche konzentrierten. Manche Pfarrer fügten an: Hauptsache, ihr Sohn oder ihre Tochter glauben an etwas. Der Glaube an sich schien ihnen eine Qualität zu besitzen. Das galt auch für Scientology, schließlich nennt sich die Sekte «Kirche» und hält jeden Sonntag Andachten ab. Klammerbemerkung: In der Schweiz werden «ehrenamtliche Scientology-Geistliche» auch heute noch vom Militärdienst befreit, wie auch protestantische und katholische Pfarrer. Ein Skandal, der den fahrlässigen Umgang mit Sekten in unserer Zeit dokumentiert. Die reale Gefahr, die von sogenannten Jugendreligionen ausgeht, erkannte schon früh der bayerische Pfarrer Friedrich Haack BILD. Der mutige Pionier in Sachen Sektenaufklärung gründete bereits 1965 die Arbeitsgemeinschaft für Religions-und Weltanschauungsfragen. Sein erstes Buch, das 1979 erschien, trug denn auch den Titel «Jugendreligionen». Mit seinen vielen Büchern und Publikationen schärfte er das öffentliche Bewusstsein für die Gefahren problematischer Glaubensgemeinschaften. Doch auch im übrigen Deutschland wurde die Gefahr erkannt. Die Aktion Bildungsinformation ABI klagte schon 1975 gegen Scientology, weil die Mitglieder Passanten auf öffentlichem Grund zu Werbezwecken behelligten. 1978 erfolgte die Gründung der AGPF -Aktion für Geistige und Psychische Freiheit. Diese erfolgte nicht zuletzt unter dem Eindruck des Massakers von Jim Jones in Guyana mit fast 1000 Toten. Im gleichen Jahr wurde auch der ökumenisch-kommunale Arbeitskreis Essen gegründet, aus dem 1984 die Sekten-Info Essen hervorging. Da kann man nur wehmütig rufen: Das waren noch visionäre Zeiten! Ausdruck der Wertschätzung war die Ehrung von Friedrich Haack, der 1989 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Deutschland kam eine bemerkenswerte Vorreiter-Rolle zu.

 

Ein ähnliches Engagement der Öffentlichkeit oder Politik hätte ich mir damals in der Schweiz gewünscht. So begann ich als junger Journalist gegen das eklatante Informationsdefizit anzuschreiben, denn Aufklärung schien mir dringend notwendig. 1982 verfasste ich das Buch «Scientology im Würgegriff». Ich lief aber mit meinem Manuskript bei den Verlagen auf. Sie sahen keinen Markt dafür und hatten Angst vor Prozessen. Deshalb ließ ich das Manuskript auf eigene Kosten drucken. Das Buch verkaufte sich über Erwarten gut. Das war der Beginn einer ungeplanten Berufskarriere. Ich wurde zu Vorträgen eingeladen, Angehörige von Sektenanhängern suchten bei mir Rat und lieferten mir Stoff für neue Geschichten, auch über andere Gruppen. Dass die ins Visier genommenen und an die Öffentlichkeit gezerrten Bewegungen keine Freude an einer kritischen Berichterstattung haben würden, war mir klar. Dass ich aber auch auf der Redaktion und bei vielen Leserinnen und Lesern oft auf Skepsis oder gar Widerstand stieß, blieb mir lange Zeit ein Rätsel. Später erkannte ich, dass viele Leute intuitiv abwehrend reagieren, wenn religiöse Gemeinschaften mit klaren Worten kritisiert werden. Viele fühlten sich in ihrem eigenen Glauben oder ihren religiösen Gefühlen angegriffen. Glaubenskritik war damals ungewohnt. Zu spüren bekam ich dies primär bei der Kritik an den Zeugen Jehovas und den Freikirchen. (BILD Bonnke) Diese verteidigten sich mit dem Argument, sich als christliche Gemeinschaften an der Bibel zu orientieren und gottgefällig zu leben. Dass fragwürdige Bibelinterpretation, Angst einflößende Dogmen und repressive Einbindung wenig mit einem freimachenden Glauben zu tun haben, erkannte der Großteil der Öffentlichkeit nicht. Und tut es auch heute noch nicht. Letztlich ging es mir bei meiner Aufklärungsarbeit nicht um den Glauben an sich, sondern um die Indoktrination und Einschränkung der individuellen Freiheit der Gläubigen. Also um die missbräuchliche Vereinnahmung und um Machtmissbrauch. Rückblickend stelle ich fest, dass es mir einigermaßen gelang, die Gefahren einzelner sektenhaften Gruppen aufzuzeigen. Weit weniger erfolgreich war ich aber darin, die Leserinnen und Leser für die vereinnahmenden Mechanismen zu sensibilisieren. Das hat auch mit dem Wesen der Medien zu tun, die Geschichten wollen und keine psychologischen Abhandlungen. Bei meiner Arbeit stieß ich auf vielfältige Schwierigkeiten. Die Scientologen und Anhänger anderer „Jugendreligionen“ machten bald öffentlich Stimmung gegen mich. Bei Vorträgen verteilten sie diskriminierende Flugblätter und dominierten die anschließenden Diskussionen. In Leserbriefen behaupteten sie, ich selbst sei der größte Sektierer und Fanatiker. Ihre Strategie, Misstrauen zu säen und Zweifel an meiner Glaubwürdigkeit und Integrität zu streuen, ging teilweise auf. Frei nach dem Motto: Irgendetwas wird schon hängen bleiben. Und das tat es schließlich auch. Die Kampagnen wirkten, da religiöse Themen damals selten kontrovers diskutierten wurden. Ich musste gegen Vorurteile ankämpfen, mich gegen die Angriffe der sektenhaften Gruppen wehren und versuchen, meinen ramponierten Ruf zu korrigieren. Auch auf der Redaktion des Tages-Anzeigers hatte ich mit meinem Thema einen schweren Stand, weil meine Artikel «toxisch» waren. Praktisch jeder Text führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit den thematisierten Gruppen. Diese bombardierten die Chefredaktion und Geschäftsleitung mit Anrufen, Briefen, Gegendarstellungen, Prozessandrohungen. Außerdem verlangten sie klärende Gespräche, was meine Vorgesetzten ziemlich nervte. Am aggressivsten war damals schon Scientology. Die Sekte wehrte sich nach der Hubbard-Doktrin, dass alle Kritiker eine kriminelle Vergangenheit hätten. Man müsse ihre Verbrechen nur recherchieren und breitschlagen, dann erledige sich der Fall von selbst. Aber auch Hare Krishna, die Zeugen Jehovas, Sri Chinmoy, Vereinigungkirche (Moonies), Freikirchen, esoterische Gruppen und viele andere reagierten heftig auf Kritik. Es war für sie ein Schock, weil sie vom Selbstbild der einzig wahren Heilsgemeinschaft ausgingen. Dabei gab es ja schon früh Anschauungsunterricht, dass totalitäre Sektenführer den Glauben missbrauchen können, um die Mitglieder und Anhänger in eine Abhängigkeit zu ziehen. Der christliche Pastor Jim Jones (BILD) hatte es uns mit seinem beispiellosen Massaker schon 1978 eindrücklich demonstriert. Doch das dramatische Ereignis fand nicht den erwarteten Widerhall bei uns, denn es ereignete sich tief im Urwald von Guyana. Außerdem war die Berichterstattung in Europa rudimentär, weil die Medien noch nicht die Kapazität hatten, das Sektendrama gebührend aufzuarbeiten und zu analysieren. Die Wende läutete das kollektive Sektendrama der esoterischen Bewegung der Sonnentempler ein, das 1994/95 insgesamt 74 Sektenanhängern in der Schweiz, Frankreich und Kanada das Leben kostete. (BILD) Der Öffentlichkeit wurde endlich bewusst, welch zerstörerisches Potential geschlossene Gruppen entwickeln können.

 

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass das fatale Ereignis für mich die Wende brachte. Die Medien suchten Erklärungen für das unfassbare Phänomen, weshalb ich ein gefragter Interviewpartner wurde. So mutierte ich fast über Nacht vom beargwöhnten Schnüffler zum Experten, was meine Arbeit erheblich erleichterte. Nun bewegte sich auch die Politik. Genf bekam eine vom Kanton subventionierte Sektenberatungsstelle. Und die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates, der legislativen Kammer, befasste sich zwei Jahre lang mit der Sektenfrage und verfasste einen 150-seitigen Bericht. Solche politischen Aktionen sind heute schlicht undenkbar. Die Sektenfrage ist auf der Politbühne außer Abschied und Traktanden geraten. Der Reflex vieler Politiker in unseren Tagen: Nur nicht die Finger an diesem sensiblen Thema verbrennen, denn die Religionsfreiheit ist eine der letzten heiligen Kühe. Auch in Deutschland kletterte die Sektenfrage in den 1990er Jahren in der politischen Agenda steil nach oben. Eine wichtige Rolle spielte dabei Norbert Blüm (BILD), Bundestag-Abgeordneter der CDU und später Bundesminister für Arbeit. Er kämpfte wie ein Löwe gegen die Scientologen und gab den Hubbard-Vertretern in vielen Talkshows Saures. Blüm scheute sich auch nicht vor Prozessen. So nannte er beispielsweise Scientology eine «verbrecherische Geldwäsche-Organisation», wurde eingeklagt und 1996 vom Oberverwaltungsgericht Münster freigesprochen. Zwar genoss Blüm den Applaus der Medien und der Öffentlichkeit in meinen Augen etwas zu sehr, doch er sensibilisierte mit seinen plakativen Auftritten das Publikum und förderte die Aufklärung. Es ist heute sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Politiker je wieder so stark in dieser Frage engagieren und exponieren würde. Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit ging damals sogar so weit, dass viele Unternehmen von Stellensuchenden eine schriftliche Erklärung verlangten, nicht Mitglied von Scientology zu sein. Eine Aktion, die den damaligen Erfolg der Aufklärung dokumentiert. Auch dies ist heute undenkbar. Wobei ich beifügen muss, dass mir dabei stets unwohl war, denn es war schon fast so etwas wie eine kollektive Hysterie zu beobachten, auch befördert von Blüm. Noch 2007 lautete der Titel eines Talks von Sandra Maischberger: «Deutschland fragt sich: Wollen die Scientologen die Regierung unterwandern?» Aus heutiger Perspektive können wir nur den Kopf schütteln. Die reale Gefahr von Scientology wurde überzeichnet, der Sekte zu viel Bedeutung zugemessen, was sich langfristig kontraproduktiv auf unsere Arbeit auswirkte. Denn mit der Zeit realisierte die Öffentlichkeit, dass alles nicht so dramatisch ist. Zu dieser unheilvollen Entwicklung hatte auch Renate Hartwig (BILD) mit ihren reißerischen Büchern und Auftritten beigetragen. Mir fehlten damals bei der öffentlichen Diskussion die Zwischentöne und Relativierungen. Dabei ging das eigentliche Problem oft unter: Das Schicksal der einzelnen Scientologen, die ausbeutet, von der Gesellschaft entfremdet, von den Familien getrennt und übel gehirngewaschen wurden. Trotzdem hatten die reißerischen Berichte eine aufklärerische Wirkung. Sie schreckten die Öffentlichkeit auf und zerstörten das Image von Scientology und teilweise auch anderer sektenhaften Gruppen und Bewegungen nachhaltig. Dies erschwerte ihre Missionstätigkeit und bewahrte wohl etliche potentielle Opfer davor, in eine dieser Gemeinschaften abzurutschen.

 

Die öffentliche Empörung in jener Zeit rüttelte in Deutschland auch die Politik auf. Oder müsste ich besser sagen: Die Politik konnte nicht mehr wegsehen? Die Enquete-Kommission «Sogenannte Sekten und Psychogruppen» des Bundestages nahm im Mai 1996 ihre Arbeit auf befasste sich intensiv mit Sektenfragen. Manche sektenhafte Gruppe lief Sturm dagegen. Ihre Proteste schüchterten die Politiker ein, was schon im Vorwort des Berichts zum Ausdruck kam: «Sie (die Kommission, Bemerkung des Autors) wendet sich ausdrücklich gegen eine pauschale Stigmatisierung solcher Gruppen und lehnt die Verwendung des Begriffs „Sekte" wegen seiner negativen Konnotation ab.» Das ist politisch überkorrekt und Ausdruck mangelnden Mutes.

 

Der Sektenbegriff ist natürlich ein Allerweltsbegriff und sehr verallgemeinernd. Doch für die breite Öffentlichkeit ist es die einzige Metapher, die ihr eine Zuordnung und Einschätzung erlaubt. Nämlich: Sekten stellen eine wie auch immer geartete Gefahr dar. So sehr wir uns auch Differenzierungen wünschen: Sie wirken in der Aufklärungsarbeit für das breite Publikum verharmlosend. Denn es braucht Fachwissen, um differenzierte Umschreibungen einschätzen und einordnen zu können.

 

Die Krux zeigt sich beim folgendem Statement der Enquete-Kommission: «Vielmehr hat der Staat die Entscheidung eines jeden Einzelnen und sein Bekenntnis zu dem von ihm gewählten Glauben zu respektieren. Aber: Wo Gesetze verletzt werden, wo gegen Grundrechte verstoßen wird, wo gar unter dem Deckmantel der Religiosität strafbare Handlungen begangen werden, kann der Staat nicht untätig bleiben.» Das war eine Bankrotterklärung und Ausdruck der Hilflosigkeit. Womöglich fehlte der Kommission auch nur der Mut. Es scheint, als hätten die „Sekten“ sie schon im Vorfeld weichgekocht. Denn sektenhafte Gruppen verstoßen selten gegen Gesetze und Grundrechte, weil sie den Spielraum genau ausloten.

 

Wie wir wissen, ist es nicht einmal dem Verfassungsschutz geglückt, Scientology ahndungswürdige Verstöße nachzuweisen. Die Kommission hätte also ihre Arbeit nach der ersten Sitzung einstellen können. Denn bei Gesetzesverstößen braucht es keine speziellen «Sektengesetze». Da reichen Straf- und Zivilrecht. Und seien wir ehrlich: Die Kommission hat denn auch keine große Wirkung entfaltet oder Spuren hinterlassen.

 

Der Schrumpfungsprozess der großen Organisationen lässt sich am Beispiel von Scientology exemplarisch verfolgen. Der Aktionsradius der Hubbard-Kolonnen wurde im deutschsprachigen Raum kontinuierlich enger, was nicht zuletzt auch unser Verdienst ist. Darüber kann auch der krampfhafte Aufbau von sogenannten „Ideal-Orgs“ nicht hinwegtäuschen. Diese überdimensionierten „Kirchen“ sind primär strategische Projekte, die nach innen und außen die Krise verstecken und übertünchen sollen. Die lokalen Kirchen mussten jahrelang alle Energie und Finanzen in die wahnwitzigen Projekte stecken. Vom Headquarter in Clearwater gab's dafür keinen Penny. Wie sinnlose diese taktische Aufrüstung ist, zeigte sich auch bei der Eröffnung der Ideal-Org. in Basel im Jahr 2015, zu der David Miscavige BILD angereist war. Eilends mussten Mitarbeiter aus Frankreich und Deutschland abkommandiert werden, um das Soll an Staff-Members zu erfüllen. Dass das Zentrum heute oft verwaist ist, kann nicht überraschen. BILD Ohne die massive Unterstützung von scientologischen Immobilienmaklern wäre die Ideal-Org wohl nie entstanden. Das zeigt das Projekt in Zürich. Seit rund 10 Jahren quetscht die „Kirche“ ihre Mitglieder finanziell aus, doch sie ist noch weit von der Realisierung entfernt. Auch im sektenverseuchten Trump-Land krebst Scientology. Das verdanken wir primär dem Ausstieg der vielen Celebritys, die mit Büchern, Aktionen und öffentlichen Auftritten das Image der Sekte nachhaltig beschädigten.

 

Doch es ist verfrüht, das Ende von Scientology oder der meisten anderen großen Bewegungen auszurufen. Einerseits ist die Sekte auf ein immenses Finanzpolster gebettet, andererseits kennen heute viele junge Leute mangels Aufklärung die Gefahren der Sekten nicht mehr und lassen sich wieder leichter missionieren. Ein unerfreuliches Backlash, weil die öffentliche Resonanz nachgelassen hat.

 

Wie zählebig Sekten sind, zeigt sich auch bei den Kindern Gottes, auch Familie der Liebe genannt. Obwohl Heilslehre und Lebensweise der Anhänger antiquiert sind, tingeln immer noch mehrere Gruppen durch viele Länder auf mehreren Kontinenten.

 

Ein weiterer wichtiger Faktor, weshalb unser Kernthema in den Medien und der Öffentlichkeit an Bedeutung einbüßte, hat mit den Gruppen und Bewegungen selbst zu tun. Diese haben im Lauf der «wilden Jahre» die öffentliche Kritik genau verfolgt und realisiert, dass sie mit ihren repressiven Dogmen und Indoktrinationsmethoden die unrühmlichen Schlagzeilen provoziert hatten. Sie antizipierten die umstrittenen Aspekte und verkleinerten die Angriffsfläche. Tatsächlich beobachtete ich in den 1990er-Jahre bis hinein in die ersten Nuller-Jahre bei einzelnen Gruppen Anpassungen. Diese betrafen vor allem den Umgang mit ihren Anhängern und Mitgliedern, der etwas pfleglicher wurde. Die strategischen Anpassungen hatten aber auch damit zu tun, dass die autoritären Strukturen, die strikten Verhaltensnormen und repressiven Dogmen in vielen Gruppen zu internen Spannungen führten. Dabei stieg die Ausstiegsrate. Beispielhaft erlebte ich dies bei der ISCON, den Hare Krishnas. Ursprünglich war die restlose Erlösung nach dem Tod nur jenen Mönchen und Nonnen vorbehalten, die zölibatär und keusch lebten. Als sich immer mehr Adepten aus dem Staub machten, weil sie sich verliebt hatten und eine Familie gründen wollten, wurde das Dogma gekippt. Manche Führungskräfte verließen die Tempel und begannen ein bürgerliches Leben. Sie blieben aber der Bewegung eng verbunden und engagierten sich weiterhin in der Führungsarbeit.

Der Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis VPM vollzog sogar eine eigentliche Metamorphose, zumindest bezüglich Organisationsform. Um das Sektenstigma loszuwerden, löste er sich 2002 kurzerhand auf. Das Kürzel VPM, das Hunderte von kritischen Artikeln generiert hatte, wurde gelöscht. Doch der VPM wäre keine Sekte gewesen, wenn er sich in Luft aufgelöst hätte. Nein, er geistert seither als Phantom umher. Oder taktisch gesprochen: Er ist in den Untergrund abgetaucht. Die VPM-Anhänger gründeten Dutzende von Bürgerkomitees, Foren und Aktionsgruppen, und führten ihre radikale politische Wühlarbeit klandestin weiter. Sie sind seither schwer greifbar, was die Aufklärungsarbeit erheblich erschwert.

 

Die Auflösung des VPM habe ich wohl ausschlaggebend provoziert, schrieb ich doch neben dem Buch „VPM, die Seelenfalle“ mehr als 100 Artikel über die Psychosekte. Es ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass ich mir die Arbeit selbst erschwerte. Das müssen wir als Kolateralschaden der Aufklärungsarbeit abhaken.

 

Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, die Verantwortlichen (der Sekte vids) hätten die sanften Anpassungen aus Einsicht vorgenommen. Sie reagierten aus Kalkül und Taktik und hofften, vom Radar der Medien zu verschwinden und nicht mehr in die Schlagzeilen zu geraten. Was ihnen ein Stück weit auch gelang. Um die Mitglieder und Anhänger trotzdem bei der Stange zu halten, verfeinerten sie den mentalen Druck und förderten Einbindung und Abhängigkeit mit subtilen psychologischen Methoden. Indem sie zum Beispiel die Heilsversprechen erhöhten, die Ängste noch deutlicher schürten, die Sehnsüchte verstärkt weckten, die Zuwendung und soziale Einbindung weiter förderten. Kurz: Sie perfektionierten die Indoktrinationsmethoden.

 

Die Aufklärungsarbeit zeigte damals tatsächlich Wirkung, wenn auch nicht im gewünschten Umfang. Leserinnen und Leser berichteten mir immer wieder, dass sie dank der Öffentlichkeitsarbeit und den Medienberichten nicht auf die Missionsbemühungen bestimmter Gruppen hereingefallen seien. Oder Eltern erzählten mir, sie hätten ihren Sohn oder ihre Tochter davon abhalten können, eine Veranstaltung einer problematischen Gruppe zu besuchen. Die Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber unbekannten religiösen, spirituellen oder esoterischen Gruppen wuchs damals merklich. Diese gerieten in die Defensive und in einen Rechtfertigungszwang. Es entstand fast so etwas wie ein Generalverdacht. Viele Gruppen sahen sich deshalb gezwungen, sich mit ihren eigenen Sektenanteilen auseinanderzusetzen. Ein Beispiel: An einem Vortrag bei der Zürcher Freimaurerloge Alpina wurde ich gefragt, ob ich ihre Gemeinschaft auch als Sekte einschätze. Daraus entstand eine Diskussion, die den Logenbrüdern die Außensicht aufzeigte und sie für die gruppendynamischen Fallen sensibilisierte. Die Wirkung der Öffentlichkeitsarbeit ließ sich bei Scientology am besten verfolgen. Noch in den 1990er-Jahren pressten die Registrare den letzten Franken aus den Mitgliedern heraus. Wenn nichts mehr zu holen war, drängten sie ihnen exorbitante Kredite auf. Dazu diente ihnen in der Schweiz ein Scientology-nahes Finanzinstitut, das 15,1 Prozent Zins verlangte. War ein Scientologe nicht mehr kreditwürdig, wurde auch schon mal ein überhöhtes Einkommen angegeben. Einem verschuldeten Scientologen wurde beispielsweise ein Kredit über 150'000 Franken aufgenötigt. Was zu  einem Jahreszins von rund 22‘000 Franken führte, wie ich in einem Artikel aufdeckte.  Auch die Spendenexzesse waren finanzielle Fallen. In einem Bericht wies ich nach, dass mehrere Firmen von Scientologen bankrottgegangen waren und einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als einhundert Millionen Franken verursacht hatten. Dies auch, weil sie als WISE-Mitglieder Lizenzgebühren von bis zehn Prozent des Umsatzes abliefern mussten und teil-weise Hunderttausende Dollar in die Kriegskasse gespendet hatten. Diese Artikel ramponierten den Ruf von Scientology so nachhaltig, dass die Zürcher Führungscrew ihre Kreditpolitik entschärfte und Pressesprecher Jürg Stettler BILD öffentlich Fehler zugab. 

Auch bezüglich Kontaktabbruch passte Scientology ihre Politik an. Zwar müssen  Scientologen ihre Angehörigen immer noch nach der Hubbard-Policy «handhaben», aber die Sanktionen fallen bei Misserfolgen sanfter aus. Ich selbst erlebte hautnah, wie sich die Scientologen im Umgang mit mir mäßigten. Oder besser: Sie mutierten zu Wölfen im Schafspelz. In den 1980-und 90er-Jahren war ich noch Freiwild und wurde mit allen Mitteln attackiert. Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung:

 

  1. 1984 realisierte ich, dass die Chefredaktion mir gegenüber mit Misstrauen reagierte. Monate später gab mir ein Scientology-Aussteiger einen Rundbrief, der das Rätsel löste: Darin wurden die Mitglieder aufgefordert, 50 Franken für eine Aktion gegen Angreifer wie mich zu finanzieren. Privatdetektive wurden engagiert, die meine Vergangenheit recherchieren mussten. Frei nach dem Hubbard-Motto, dass jeder Scientology-Kritiker eine verbrecherische Vergangenheit habe, die recherchiert und breitgeschlagen werden müsse. Die Privatdetektive kontaktierten die Chefredaktion und Geschäftsleitung und streuten entsprechende Gerüchte. Nachdem ich den Bettelbrief erhalten hatte, klärte ich meine Vorgesetzten auf, die die Schnüffelarbeit der Detektive bestätigten. BILD Es hätte mich beinahe den Job gekostet.
  2. Scientology gründete die Tarnorganisation Selbsthilfeaktion gegen Inquisition heute (SAIH) und veranstaltete ein öffentliches Tribunal gegen mich mit dem Titel: «Dürfen Journalisten die Öffentlichkeit manipulieren?“ (BILD).
  3. .Außerdem führten sie eine bewilligte Demonstration gegen mich durch, die beim Stadthaus, dem Regierungsgebäude, begann und bei der Redaktion des Tages-Anzeiger endete, wo der Chefredaktion eine Resolution übergeben wurde. (BILD)
  4. Weiter verliehen sie mir 1991 den Hexenhammerpreis und schrieben in der Medienmitteilung, in der engeren Auswahl seien der verfemte Rechtsextremist Marcel Strebel und ich gestanden. «Obsiegt» habe dann natürlich ich. In der Laudatio hieß es, ich würde meinen persönlichen Hass gegen die religiösen Gruppen einbringen und sei ein Kreuzritter erster Klasse. (BILD)
  5. Höhepunkt der Kampagnen war eine öffentliche Aktion: Scientologen klebten in der Stadt Zürich leuchtend rote Totenkopf-Kleber an Kandelaber auf mit dem Slogan: «StammVater der religiösen Minderheitenverfolgung.» (BILD)

 

Das Ziel war klar: Jürg Stettler und seine Helfershelfer wollten mich mundtot machen und mir so lang zusetzen, bis ich einknicken würde. Als ihre Bemühungen erfolglos blieben, ließen sie solche Aktionen bleiben. Ähnliche Erfahrungen machte ich mit dem VPM. Die Psychosekte, die einst mehrere tausend Anhänger hatte, entwickelte ein pseudoreligiöses Welterlösungssystem auf der Basis extremer psychologischer Theorien und war noch radikaler als Scientology. Das besondere Merkmal: Die große Mehrheit war akademisch gebildet. Ein Großteil der Anhänger sind Deutsche, viele von ihnen zogen in die Schweiz und sind inzwischen eingebürgert. (BILDER) Die Repressionspallette gegen mich war breit. Ich wurde in Flugblättern mit Goebbels und Hitler verglichen, es gab Demonstrationen gegen mich, ich wurde während Vorträgen niedergeschrien und einmal danach niedergeschlagen. Außerdem landete morgens um zwei Uhr ein Pflasterstein in meinem Schlafzimmer usw. Zu den Repressionen kamen zahlreiche Prozesse und Dutzende von Strafanzeigen. Mitte der 1990er Jahre hatte ich gleichzeitig 13 Prozesse vom VPM am Hals. Die Klageschrift des Hauptverfahrens gegen mein Buch „VPM -die Seelenfalle“ umfasste 250 Seiten, unsere Antwort 160. Es war zermürbend und kostete mich Hunderte von Stunden Zusatzarbeit, die sich auch über die Wochenenden und oft tief in die Nacht erstreckten. Ich musste gleichzeitig mehrere Rechtsanwälte engagieren. Ohne die finanzielle Rückendeckung durch den Tages-Anzeiger hätte ich kapitulieren müssen, denn die Verfahren kosteten Hunderttausende von Franken. Wir gewannen in der Schweiz alle Prozesse, die Entschädigungen deckten aber nur einen Bruchteil der Kosten. Beim Hauptverfahren schlossen wir allerdings einen Vergleich, weil es unsinnig teuer geworden wäre. Heute treten die angeprangerten Gruppen vorsichtiger auf. Sie haben erkannt, dass der Rechtsweg aufwändig und kostspielig ist. Und oft kontraproduktiv, weil Prozesse meist schwer zu gewinnen sind und neue negative Schlagzeilen generieren. Mindestens in dieser Hinsicht wurde meine Arbeit erleichtert.

 

Ein anderer Aspekt hat sie gleichzeitig erschwert. Wie bereits erwähnt, geben sich die meisten großen Gruppen in jüngster Zeit leicht gemäßigt Deshalb ist es heute schwieriger, markige Geschichten zu schreiben. Die Redaktionen erwarten weiterhin skandalträchtige Storys, doch die großen Gruppen liefern seltener den Stoff dazu. Kurz: Wir haben die Messlatte für Sektengeschichten in eine Höhe geschraubt, die heute nur schwer zu toppen ist. Wie stark die öffentliche Aufmerksamkeit bezüglich Sektenthema gesunken ist, lässt sich auch den Buchverkäufen ablesen. Renate Hartwig (BILD) zum Beispiel verkaufte noch riesige Auflagen von ihren reißerischen Büchern, heute verstauben Aufklärungsbücher in den Regalen der Buchhandlungen. Dafür besetzt die Esoterik-„Literatur“ ganze Wände. Ich kenne die Entwicklung aus der eigenen Anschauung. Mein Buch «Sekten –Im Bann von Sucht und Macht» stürmte die Bestseller-Listen und wurde bis ins Japanische und Koreanische übersetzt. Alice Miller, eine der erfolgreichsten Autorinnen im Bereich Psychologie und Pädagogik, publizierte in der Wochenzeitung «Die Zeit» eine eineinhalbseitige Rezension mit dem Titel: „Ein Buch, das Seelen retten kann“. Das sind längst vergangene Zeiten. Heute schreibe ich keine Sachbücher mehr, weil sich der Aufwand schlicht nicht mehr lohnt.

 

Massiv erschwert hat unsere Arbeit auch die Pulverisierung der religiösen Landschaft. Als ich meine Recherchen in den 1970er Jahren begann, hatte ich – ohne Freikirchen -etwa 50 Gruppen im Archiv, zurzeit sind es wohl rund 1000 problematische Zirkel und Gruppen. Heute hat niemand mehr den Überblick über den bunten Flickenteppich. Die vielen Anfragen in der sehr verdienstvollen Klugeliste machen es deutlich. Wenn schon wir Profis den Überblick verlieren, ist die Öffentlichkeit erst recht überfordert. Hauptverantwortlich für die Pulverisierung der Sektenlandschaft ist die Esoterik. Sie hat viel zur Versektung unserer Gesellschaft beigetragen.

 

Der „Spiegel“ hat schon vor über 20 Jahren auf dem Titelblatt von einer „sanften Verblödung“ geschrieben. Sorry, liebe Kollegen, ich muss euch korrigieren: Leider war die Verblödung alles andere als sanft. Gurus und spirituelle Meister wurden salonfähig, der Aberglaube überflutete das kollektive Bewusstsein. Wir haben uns bis heute noch nicht von dieser geistigen Seuche erholt. Viel zur Segmentierung trug auch das Internet bei, das die Missionsmöglichkeiten der vielen Gruppen erheblich erleichterte. Werbung vom Bürotisch aus ist billig und wirksam geworden. Die salbungsvolle Selbstdarstellung, garniert mit Bildern von fröhlichen und glücklichen Anhängern, wirken verlockend. So werden das Anbieten von Kursen und die Bewerbung von Veranstaltungen leicht gemacht. Das Internet hat außerdem dazu geführt, dass viele Esoteriker auf den spirituellen Markt drängten. Mit ein paar Mausklicks können sie sich als übersinnliche Meister präsentieren und auf Kundenfang gehen.

 

Eine nicht zu unterschätzende Krux ist auch die Überstrapazierung der Religionsfreiheit. Dass diese für Rechtsstaaten essentiell ist, wird wohl niemand bestreiten. Solang aber beispielsweise eine Pseudokirche wie Scientology, die die Menschenrechte mit Füssen tritt, den Schutz der Glaubensfreiheit beanspruchen kann, werden unsere eh schon stumpfen Waffen noch stumpfer. So machen wir uns zu nützlichen Idioten radikaler Sekten und Glaubensgemeinschaften.

 

Denken wir nur an die Zwölf Stämme, die Colognia Dignidad oder die Smith Freunde. Wie sehr sich das Bewusstsein bezüglich vereinnahmender Bewegungen verändert hat, zeigt auch die Einstellung zum sogenannten Deprogrammieren. In den 1980er-Jahren herrschte in der Öffentlichkeit die Meinung vor, Sektenopfer müssten unter allen Umständen aus den Fängen dieser Gruppen befreit werden. Auf die «Freiheitsberaubung» durch Sekten müsse mit einer adäquaten Gegenreaktion geantwortet werden. Diese bestand aus einem regelrechten Kidnapping, der Insolation durch Einsperren, begleitet von einem Deprogramming, also der

mentalen «Löschung» der Gehirnwäsche. Das Prozedere war eine Generalstabsübung, wie ich bei einem Fall hautnah miterlebte. Eine Schweizer Studentin war in Los Angeles von den Moonies (Vereinigungskirche) missioniert worden. Ein spezialisiertes Team musste sie zuerst ausfindig machen, observieren, in einem günstigen Moment in einen Bus zerren und in ein entlegenes, sorgfältig präpariertes Haus bringen, um sie tagelang zu deprogrammieren. Ein erster Anlauf schlug fehl, beim zweiten war das Prozedere erfolgreich. Die junge Frau engagierte sich später in der Aufklärungsarbeit. Ein anderer Fall lief hingegen schief. Eltern ließen ihren Sohn, der bei den Hare-Krishna-Mönchen gelandet war, «befreien». Die ISKON-Bewegung BILD schaltete sofort die Polizei ein. Beim Verhör knickte der Vater ein und verriet das Versteck. Sein Sohn wurde durch die Polizei befreit, die Eltern von einem Gericht wegen Freiheitsberaubung verurteilt. Heute ist das Deprogramming kein Thema mehr. Einerseits aus strafrechtlichen Gründen, aber auch weil Belastung und Risiko zu groß sind. Würde aber mein Enkel in die Fänge von Scientology geraten, wäre ich bereit, ein gewisses Risiko in Kauf zu nehmen, um ihn aus seinem mentalen Gefängnis zu befreien. Eine solche Bereitschaft oder einen solchen Willen stelle ich heute bei Angehörigen nicht mehr fest. Vielmehr beobachte ich bei vielen eine gewisse Gleichgültigkeit oder einen Fatalismus. Früher sagte mir mancher Vater, er würde am liebsten eine Bombe ins Scientology-Zentrum werfen, heute zucken viele die Schultern und akzeptieren die Situation. Auch

 

die Öffentlichkeit ist weitgehend desillusioniert. Noch in den 1990er-Jahren war die Empörung über das klandestine Wirken sektenhafter Gruppen groß.  Die mentale Manipulation durch vereinnahmende Organisationen sei in einem Rechtsstaat nicht tolerierbar, lautete der Tenor. Inzwischen realisierte die Öffentlichkeit, dass es keine wirksamen Mittel gibt, die Sekten in die Schranken zu weisen. Selbst der Wunsch nach einem Missionsverbot erwies sich als Illusion. Man gewöhnte sich an das Phänomen, dass sich die Religionslandschaft im Zuge der Individualisierung und Säkularisierung zersetzte und heute von radikalen Gruppen mitgeprägt wird. Man kann die Sektenfrage mit der Drogenproblematik vergleichen: Einst wollte die Politik die Rauschmittel verbannen, doch diese sind längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen und nicht mehr zu verdrängen. Damit hat man sich heute weitgehend abgefunden. Eine ähnliche Einstellung beobachte ich bei der Sektenfrage. Man könnte zynisch sagen: Jede Gesellschaft hat die Sekten, die sie verdient.

 

Der Bedeutungsverlust zeigt sich auch daran, dass in jüngster Zeit viele Institutionen, die sich mit Sektenthemen befassen, mit Existenzproblemen kämpfen. In der Schweiz engagierten sich jahrzehntelang zwei Institutionen, die von Angehörigen und Sektenaussteigern in Fronarbeit geführt wurden. Die Aktion gegen Scientology und Dianetik (AGSD) wurde vor ein paar Monaten aufgelöst, und die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft gegen destruktive Kulte (SADK) ereilt womöglich bald das gleiche Schicksal. Auch die private, professionell geführte Beratungsstelle Infosekta kämpft dauernd mit Finanzproblemen, behauptet sich zum Glück aber gegen alle Widerstände. Die Situation in Deutschland kennen Sie besser als ich, sie ist aber auch nicht erfreulich, kommt es doch laufend zu Budget-Kürzungen oder Schließungen Bezeichnend für die Entwicklung ist die kürzliche Aufhebung der hessischen Selbsthilfeaktion Sinus. Unser Bedeutungsverlust hat auch mit unseren beschränkten Möglichkeiten zu tun. Wir erreichen jene, die primär unsere Hilfe bräuchten, nur in den seltensten Fällen: die vereinnahmten Gruppenmitglieder. Auch die ratsuchenden Angehörigen müssen wir oft enttäuschen. Sie kommen mit dem Wunsch, wir sollen bitteschön ihren Sohn oder ihre Tochter aus den Fängen der Sekte befreien. Doch sie verlassen bereits die erste Sitzung desillusioniert. Wir müssen ihnen nämlich klarmachen, dass sie lernen sollen, ihr Schicksal zu akzeptieren. Lernen, die Hoffnung zu begraben, ihre Angehörigen aus den Klauen der Sekten zu befreien. Wir müssen ihnen sogar schonend beibringen, dass sie sich möglicherweise abgrenzen sollen, um nicht co-abhängig zu werden. Wir haben anfänglich nur schlechte Botschaften für sie und stoßen bei unserer Sisyphusarbeit oft an Grenzen. Die Ratsuchenden erkennen meist erst später, dass sie ohne unsere Hilfe kapitale Fehler gemacht hätten, die ihre Situation verschlechtert hätte. Zum Schluss wage ich einen Ausblick in die nähere Zukunft.

 

Heute gehen die hauptsächlichen Gefahren nicht mehr nur von großen Bewegungen wie den Zeugen Jehovas oder Scientology aus, sondern auch von kleinen spirituellen, esoterischen oder radikalen christlichen Gruppen.

 

Die Mammutsekten sind dank Internet und Aufklärungsarbeit längst entzaubert. Sogar der «Geheimorden» Scientology steht nackt da, denn selbst die einst geheimnisumwitterte «Feuerwand» (OT 3) ist dank den Aussteigern im Internet zugänglich. Die Gruppen wurden Schicht um Schicht entblättert.

Ihr Bedeutungsverlust hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Heute sind selbst Sinnsucher meist hedonistisch und konsumorientiert. Sie wollen nicht mehr in der Masse vor einem Guru knien oder in Fußballstadien beten oder meditieren, sondern sich die Seele individuell massieren lassen. Das ist die Chance der kleineren Gruppen.

 

Tatsächlich entstehen laufend neue Minisekten, die selten auf dem Radar der Medien erscheinen. Außerdem wächst ganz offensichtlich das Potential an narzisstisch veranlagten Personen, die das Rampenlicht und den Applaus suchen. Als Pseudo-Guru, Heiler, Alternativmediziner oder spiritueller Therapeut kann man sich heute pompös ins Szene setzen. Wer seine Heilsbotschaften geschickt verkauft und sich wirkungsvoll inszeniert, kann relativ leicht eine Anhängerschaft rekrutieren, die das Bedürfnis nach Anerkennung gern befriedigt.

 

Sektenhafte Züge nimmt auch die rasant wachsende, weltumspannende und heterogene Szene der Verschwörungstheoretiker an. Die Verweigerung, Fakten zu prüfen, ist ein gefährliches Gesellschaftsspiel geworden. Das daraus resultierende Misstrauen gegenüber den staatlichen und wissenschaftlichen Autoritäten führt zu einer verhängnisvollen Entfremdung. Fassungslos nehmen wir heute zur Kenntnis, dass heute viele Menschen glauben, die Erde sei hohl oder eine Scheibe. Die Szene funktioniert ähnlich wie die Esoterik: Sie ist heterogen, weist aber ebenfalls deutliche sektenhafte Mechanismen auf. Die Hardliner unter den Verschwörungstheoretikern sind für demokratisch funktionierende Gesellschaften verloren, weil sie in ihrer geistigen Verblendung alle kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Erkenntnisse und Fakten als bewusste Manipulation verteufeln. Deshalb misstrauen sie kategorisch allen Fachleuten, Wissenschaftlern oder Politikern. In einem derart vergifteten Klima zerfallen die Gesellschaften zunehmend, weil es zur Entsolidarisierung kommt. Das Phänomen der Reichsbürger und Identitären veranschaulicht das Phänomen exemplarisch. Die sektenhaften Aspekte sind offensichtlich, auch wenn es sich bei dieser Unkultur nicht primär um religiöse Themen handelt. Analysiert man das Phänomen etwas näher, entdeckt man aber bei den Verschwörungstheoretikern pseudoreligiöse Aspekte, messen sie doch ihrer Ideologie Heilsqualitäten bei. Und: Die kruden Weltanschauungen werden von einer wachsenden Schicht frustrierter und desorientierter Menschen geradezu mit religiösem Eifer kultiviert. Die epidemische Verbreitung solch absurder Theorien ist ein weiterer Ausdruck der Versektung der Gesellschaft. Die Zwillingsschwester der Verschwörungstheorien ist die zerstörerische Fake-News-Kultur. Beide zerfressen gemeinsam unsere politische und geistige Kultur von innen heraus. Im US-Wahlkampf von 2016 wurden zum Beispiel Fake News in den sozialen Medien häufiger geteilt als die Topnachrichten etablierter, seriöser Massenmedien. Untersuchungen in den USA ergaben außerdem, dass drei Viertel ihrer Probanden unfähig waren, Fake News als erfundene Geschichten zu identifizieren. Das bedeutet: 75 Prozent der Amerikaner sind leicht manipulierbar. Somit kann man die These wagen, dass wohl die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung anfällig für sektenhafte Heilsversprechen ist. In Mitteleuropa dürfte der Prozentsatz um einiges tiefer liegen, die Quote ist aber mit Sicherheit hoch genug, um unsere Gesellschaft zu destabilisieren. Seismographen dafür sind der Vormarsch der rechten Parteien und Populisten. Ein Blick auf die aktuelle Regierung in Italien macht die geistige Desorientierung und Versektung der Politik deutlich.

 

Auch die Esoterik-Szene ist Teil dieser Fake-News-Unkultur. Oder besser: Fake-Faith-Unkultur, um im aktuell gängigen Bild zu bleiben. Nichts, was uns Hardcore-Esoteriker verklickern, ist auch nur im Ansatz plausibel. Denken wir nur an das Channeling, den feinstofflichen Zweitkörper, die Lichtnahrung, die spirituelle Transformation, das Magnetgitter, das unsere geistigen Helfer angeblich um die Erde bauen, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Dieser hochkarätige Aberglaube ist eben nicht sanft, sondern gewalttätig. Zumindest im mentalen Sinn. Radikale Formen der Esoterik haben ebenfalls eine politische Note, oder primär eine rechtsradikale Schlagseite. Es ist denn auch kein Zufall, dass wir von brauner Esoterik sprechen, die dem Christentum resp. dem Judentum vorwirft, unsere angestammten und «rassenkonformen» germanischen und keltischen Traditionen ausradiert zu haben. Sie sehen darin eine Kolonialisierung unserer Kulturdurch das Abendland, was zur Verwässerung unserer Identität beitrage. Da schwingen offenkundig antisemische und ethnozentristische Untertöne mit. Im Chor mit den Verschwörungstheoretikern braut sich ein unheilvolles Potential sektenhafter Gesinnung zusammen.Ich komme nicht umhin, auch in diesem Zusammenhang die USA zu erwähnen, um die Tragweite der Verschwörungsszene zu dokumentieren. Bekanntlich muss der mächtigste Politiker zu diesem Kreis gezählt werden. Donald Trump beweist und fast wöchentlich, dass er an verschwörerische Mächte glaubt, auch was den Anschlag auf die Twin-Towers betrifft. Und mit seinen Tweets kultiviert er die Unsitte der Fake News beinahe täglich in aller Öffentlichkeit. Hier kommen die Freikirchen ins Spiel, die Trump fast wie einen Messias feiern. Rund 80 Prozent der Gläubigen haben Donald Trump gewählt. Bekanntlich sind diese gegen Sex vor der Ehe und gegen Abtreibungen, doch sie wählten und verehren einen sexistischen Mann, der für sich das Recht herausnimmt, Frauen ungefragt in den Schritt zugreifen. Schwer erklärbar ist auch, dass sich die Mehrheit der Frommen zur Waffenlobby bekennt und mit Trump und der NRA gegen eine Verschärfung des Waffengesetzes kämpft. Wie sie gleichzeitig Jesus als Sohn Gottes und Erlöser feiern können, ohne rote Ohren zu bekommen, ist einer der vielen Rätsel unserer versekteten  Zeit. Die Krisen der monotheistischen Religionen, die Individualisierung und Konsumhaltung führen zur weiteren Segmentierung der religiösen Landschaft in der westlichen Welt. Viele Leute wollen keinen «Glauben ab Stange» mehr, sondern maßgeschneiderte «Lösungen». Das heißt: individuelle religiöse Konzepte, die auf die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte zugeschnitten sind. In Zeiten geistiger Verwirrungen braucht es uns also mehr denn je. Wir sollten als verlässliche Seismographen die religiösen Verwerfungen registrieren und dokumentieren. Doch auch in diesem Bereich sind die Aussichten düster. Die Krisen der Qualitätsmedien, primär der Printmedien, erschweren die Aufklärungsarbeit zusätzlich. Die Medienlandschaft ist radikal im Umbruch, unsere Plattformen brechen immer mehr weg. Hier wäre die Politik gefragt. Wir müssen fordern, dass es im Sektenbereich ähnliche Ressourcen braucht wie bei der Aufklärung über die Sexualität und bei der Drogenprävention. Gefordert sind vor allem auch die Schulen, schließlich handelt es sich beim Sektensyndrom auch um ein Suchtproblem .Mir ist bewusst, dass ich Ihnen einen pessimistischen Ausblick skizziert habe. Es gibt aber auch eine gute Botschaft: Es braucht mehr denn je eine kompetente Beratung, die immer auch Aufklärung bedeutet. Seien Sie also versichert, dass Sie eine wichtige Arbeit leisten und lassen Sie sich trotz aller Widerwärtigkeiten nicht verunsichern.

 

 




Bibliografie

Sektenwatch - Tagungsbericht 2018 / ABruf 03.04.2019 / http://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/2018.pdf


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