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Esoterik- und Psychomarktkritik - Presseschau und Kurznachrichten




Autor / Datum / Thema /Status bekannt / 2019-03-08 11:42 / Ausstieg aus dem "Gesundheitshaus Metatron" Liepe / INFOTHEK printer Beenden
Zusammenfassung

(sektenwatch 2018)  X. leidet seit längerem an einer bipolaren Störung, der „Krankheit der Kreativen“, wie diese manisch-depressive Erkrankung auch genannt wird. Im Sommer 2013 macht er eine akute Phase durch. Nach mehreren Psychiatrieaufenthalten verweist ihn eine befreundete Ärztin an ein „Gesundheitshaus“, eine Autostunde westlich von Berlin. Die Medizinerin absolviert dort selbst eine berufsbegleitende Homöopathie-Ausbildung. X. hat inzwischen den Ausstieg aus dere Gruppe geschafft. X.will darüber aufklären und Öffentlichkeit schaffen, vielleicht eine Selbsthilfegruppe für Aussteiger und Betroffene des „Projekts“ ins Leben rufen. Neben Job und Therapie genießt der 41-Jährige seine wiedergewonnenen Freiheiten.

(VIDS 03.19) Der Gutspark Liepe, 2006 eine Außenstelle der Landesgartenschau Rathenow, war einer der Magneten in der Region. Zuvor wurden etwa 500.000 Euro für die Neugestaltung und Ertüchtigung der im Jahre 1852 durch den preußischen Hofgärtner Gustav Adolph Fintelmann gestalteten Anlage aufgewendet – aus Mitteln der Landesförderung Brandenburg, also aus Steuergeldern!!! Der Förderverein Westhavelland mühte sich um dessen Erhalt, dennoch verlor der einstige „Tourismusmagnet“ schnell seine Kraft. Manfred Bölle vom Förderverein Westhavelland sah es als geeignete Lösung,  dieses Objekt im Sommer 2010 an den Verein „Leben aus der Mitte e.V.“ zu übertragen und unterlag damit auch dem Mainstream einer Wohlstandsgesellschaft,  welche auf der Sinnsuche ihr Heil im Schamanen- und Druidentum sucht.



 

Ausstieg aus dem Gesundheitshaus

 

(aufgezeichnet nach dem Vortrag bei der Jahresfachtagung 2018 der EI)
 
X.X.leidet seit längerem an einer bipolaren Störung, der „Krankheit der Kreativen“, wie diese manisch-depressive Erkrankung auch genannt wird. Im Sommer 2013 macht er eine akute Phase durch. Nach mehreren Psychiatrieaufenthalten verweist ihn eine befreundete Ärztin an ein „Gesundheitshaus“, eine Autostunde westlich von Berlin. Die Medizinerin absolviert dort selbst eine berufsbegleitende Homöopathie-Ausbildung. Vorwürfe wegen ihrer damaligen Empfehlung macht X.der Ärztin nicht. „Externe Gäste haben einen verklärten Blick auf das Gesundheitshaus“, erklärt er. Von den inneren Strukturen und Mechanismen der Einrichtung bekommen Wochenend-Seminarteilnehmer so gut wie nichts mit.Auch X.fühlt sich zunächst gut aufgehoben. Das Gesundheitshaus wird unter dem Dach eines im Landhausstil erbauten ehemaligen preußischen Gutshauses betrieben. Der zugehörige Gutspark war 2006 mit 500 000 Euro aufwändig neugestaltet worden. Bald danach veräußerte der Eigentümer das gesamte Anwesen an einen Betreiberverein. In der Folgezeit entwickelten dort eine Heilpraktikerin und Homöopathin und ihr Ehemann,ein Heilpraktiker für Psychotherapie, „ein ansehnliches Zentrum der Naturheilkunde“, heißt es in zwei Zeitungsberichten vom Mai und Dezember 2017.Anlass für die Artikel war das „Richtfest für eine neue Facette“, konkret „das nächste Gebäude für Heilpraktiker und Seminare“: „Ein ehemaliger Stall wird saniert und zu einem 60Meter langen und 13Meter breiten zweistöckigen Gebäude erweitert. Im Erdgeschoss sind zwei große Seminarräume zur Ausbildung von Heilpraktikern und Räume für weitere Angebote rundum die Naturheilkunde und die Kinder-betreuung geplant.“ Die Kosten beziffert das Blatt auf über zwei Millionen Euro. Zu dem Gebäude gehören auch 13Wohneinheiten für enge Teammitglieder, die sich dort niederlassen wollen.Die Lokalzeitung schreibt von mehreren Baustellen im Gutskomplex, „weil der Platz nicht mehr reicht. Aus vielen Bundesländern und dem Ausland kommen Menschen zur naturheilkundlichen Behandlung und gesundheitlichen Vorsorge.
Heilpraktiker, Psychologen, Theologen, Yogalehrer, Erzieher arbeiten im und um das Gesundheitszentrum. Es werden noch mehr, weil immer mehr Menschen die Angebote nutzen [...] Erst in dieser Woche waren wieder über 70Männer und Frauen aus Berlin, Brandenburg und weiteren Bundesländern zu einem mehrtägi-gen Seminar im Gesundheitshaus“.
 
Aufstellungen und Homöopathie
Nach der stations-und medikamentenlastigen Psychiatriebehandlung geht es X.schnell besser. Zu Beginn seines Aufenthalts im Gesundheitshaus findet dort zeitgleich ein schamanistisches Kinder-und Jugendcamp sowie ein Homöopathie-Seminar statt. Das hauseigene Restaurant lockt mit Aktionen wie „Tanzkessel“ oder „Fest der Sinne“ zahlreiche Besucher an. Auf dem dreieinhalb Hektar großen Gelände mit Blick in das Havelländische Luch gibt es Blumen-und Kräuterwiesen, einen Weiher mit quakenden Fröschen, ein Tiergehege, einen „Zau-berwald“ mit phantasievollen Skulpturen, einen handgeschnitzten hinduistischen Tempel aus Bali und sogar die originalgetreue Nachbildung einer slawischen Burg. X., der auch spirituell auf der Suche ist, erlebt eine fast magische Atmosphäre der Gemeinschaft.Weniger die pseudomedizinischen und alternativ-psychologischen Behandlungsmethoden wie Homöopathie und verschiedene Aufstellungsformate helfen ihm, als vielmehr die permanente Beschäftigung und intensive Rundumbetreuung. Die Privatrechnung über 3000 Euro für die ersten drei Monate findet X.auch im Nachhinein „absolut angemessen“. Zum größten Stabilitätsanker wird jedoch unversehens eine emotionale Komponente. X.verliebt sich in seine Yogatherapeutin, die Schwester des Mitbegründers und Schwägerin der Vereinsvorsitzenden und Geschäftsführerin. Nach vier Wochen ziehen die beiden zusammen. 2014 heiraten sie.
 
Wer verdient daran?
X.gehört jetzt zum „Team“, einem Kreis von 30 bis 40 Frauen und Männern, die verschiedene Aufgaben rund um die Einrichtung und das Parkgelände übernehmen. Es handelt sich um Vereinsmitglieder oder ehemalige Patienten, die größten-teils selbst therapeutisch tätig sein wollen und im Gesundheitshaus zum Beispiel die „dreijährige ganzheitliche Ausbildung zum Heilpraktiker“ absolvieren. Dass „Heilpraktiker sein, Heiler sein“ unter anderem „Hingabe an die göttliche Ordnung verlangt“, kann man auf der Homepage nachlesen. Was genau darunter zu verstehen ist,bekommt X.bald zu spüren.
Der halbwegs Wiederhergestellte wohnt mittlerweile in dem Nachbardorf und packt überall mit an: im Restaurant, bei der Tierpflege und im Park des Gesundheitshauses. Tausende Arbeitsstunden kommen so über die Jahre zusammen, natürlich unentgeltlich. X.zahlt sogar drauf. Er belegt teure Seminare mit klangvollen Namen wie „Heldenreise“, „Körperzeit“ oder „Titanenschmiede“ –und tritt der Gutspark GbR als Gesellschafter bei. Rund 300 Euro zahlen er und ein Dutzend Partner Monat für Monat ein. Daneben gibt es die Gutshaus GbR und einige weitere Gesellschaften bürgerlichen Rechts, die das „Projekt“ subventionieren.Die Gründerin und Leiterin des Gesundheitshauses ist nach X.s Überzeugung die Einzige, die an dem ganzen Unternehmen verdient. Auch seine Ehefrau, die den „kleinen Heilpraktiker“ (Heilpraktiker für Psychotherapie) hat und neben Yoga noch weitere Kurse wie etwa in Körper-und Bewusstseinsarbeit gibt, kommt bestenfalls Spitz auf Knopf über die Runden. Verbindliche Gehalts-oder Honorarverträge mit der Chefin gibt es keine, dafür muss seine Frau ihrerseits Raummiete zahlen. Die meisten der im Gesundheitshaus tätigen Heilpraktiker stottern außerdem noch Kosten von 10 000 Euro oder mehr für ihre Ausbildung ab oder für die Mitgliedschaft in einer der GbRs. X.beobachtet, dass die „Team“-Mitglieder sich untereinander Geld leihen, um weiter mitgehen zu können. Vorsichtige Klagen über die finanziellen Verhältnisse werden von der Leiterin mit der Phrase abgetan, dass die Betroffenen „nicht in der Fülle“ seien –und mithin selbst schuld.
 
Insider als Patient und Team-Mitglied
Nach einem Jahr ist X.nicht mehr bereit, die monatlichen Beiträge zu stemmen. Mit drei anderen „Team“-Mitgliedern verlässt er die Gutspark-GbR, gegen den heftigen Widerstand der Chefin. X.beziffert seine bis dahin geleisteten Zahlungen für die Zugehörigkeit zum „Team“ mit etwa 5000 Euro. Seine Frau habe, so schätzt er, wohl mehr als 100 000 Euro in das Projekt gesteckt. Der größte Investor im „Team“ soll im Laufe der Zeit mehrere Millionen Euro aufgewendet haben.Aber warum eigentlich? X.erklärt sein selbstausbeuterisches Engagement in erster Linie mit der Bindung zu seiner Partnerin. Diese wiederum wird in einer Presseveröffentlichung als empathische Karriereaussteigerin porträtiert, die nach krankmachendem Leistungs-und Leidensdruck nun „Menschen helfen [will], sich selbst zu erkennen“. Andere blieben im „Team“, weil sie den Drang verspürten, nach ihrer Behandlung etwas zurückgeben zu müssen. Ein Gefühl, das die Leiterin gezielt zu wecken versteht. Als Noch-Patient und gleichzeitig „Team“-Mitglied und Seminarteilnehmer bekommt X.einen tiefen Einblick in die seltsame Welt hinter der Fassade des ehemaligen Herrenhauses. „Der Weg der Liebe“, den die Chefin laut Eigendarstellung lehrt, führt X.in ein totalitäres System aus Furcht und Zugehörigkeit im Gewand eines „Gesundheitszentrums“, das pseudomedizinische und pseudoreligiöse Angebote als Alternativen zur wissenschaftsbasierten Medizin vermarktet. Sobald es X.nach seiner akuten vorübergehenden psychotischen Störung besser geht, ist es schnell vorbei mit der innigen Betreuung. Bei Aufstellungs-Seminaren erlebt er körperlich und verbal aggressives Verhalten. Patienten werden von mehreren Personen festgehalten, niedergebrüllt und mit Worten gedemütigt. Dasselbe droht jederzeit auch den „Team“-Mitgliedern, die in regelmäßigen Supervisionen („Geisterneuerung“) von der Leiterin angeschrien und mit ihren angeblichen Unzulänglichkeiten und Fehlverhaltensweisen „konfrontiert“ werden. Stets agiert sie dabei mit „Victim blaming“, der Opferbeschuldigung –einer perfiden Masche, um dem „Team“ Schuldgefühle zu suggerieren und Einzelne davon abzuhalten, ihre Despotie in Frage zu stellen.
 
Heilsversprechen und Victim blaming
X.entwickelt eine fast panische Angst vor diesen „Konfrontationen“. Gesprächsversuche mit seiner Frau und deren Schwägerin bleiben fruchtlos. Offenbar lebt die Heilpraktikerin und Homöopathin ein quasi-religiöses Sendungsbewusstsein aus, das sich auch in der Namensgebung ihres Projekts manifestiert: Der Namensgeber ist ein hochrangiger Engel in der jüdischen Mythologie und gilt in der Esoterik als „die Stimme Gottes“. Mehr und mehr registriert X.die religioide Sondersprache im Gesundheitshaus, wie etwa „in der Ordnung sein“, „im Widerstand sein“ oder „in der Zerstörung sein“. In der öffentlichen Eigendarstellung spricht die Leiterin von der „Entdeckung der höheren (göttlichen) Ordnung der ganzen geschaffenen Natur, die auch dem Menschen zum Heil gereichen soll“. Die „Bibel aller Homöopathen“ –Hahnemanns Organon der Heilkunst –führe geradewegs zur Bibel, „dem Buch der Bücher“. Bereits im Alten Testament finde sich ein Hinweis auf das Ähnlichkeitsgesetz und auch „auf die unsichtbare Lebenskraft, wie Hahnemann sie nennt“. Praktisch betreibt sie ein synkretistisches Konglomerat aus scheinkatholischen, naturspirituellen und alternativtherapeutischen Modeerscheinungen.Getrieben wird sie dabei offenbar auch von den Botschaften eines„aufgestiegenen Meisters“ namens Vywamus. X.ist nach eigenem Bekunden „dutzende Male“ dabei, wenn eine ergebene Seminarteilnehmerin das „Lichtwesen“ channelt. Ein offizieller Flyer führt Vywamus namentlich als „spirituellen Lehrer“ der Gesundheitshaus-Spitze und verschiedene weibliche und männliche Personen als Vywamus „Channel“ auf. Was die Leiterin von diesem „Lehrer“ erfährt, ist zum Beispiel die weitere Entwicklung ihres „göttlichen Projekts“, zu dem bald auch ein eigener Zoo gehören werde, in dem der vollkommene Tierfriede herrscht –wie er in der Bibel beschrieben wird.
Auch die Behandlungsmethoden im Gesundheitshaus sieht X.zunehmend kritisch. Aufstellungsformate und Homöopathie gelten als Allheilmittel. Er erlebt, wie man einen gut situiertenMultiple-Sklerose Patienten, der bereits auf den Rollstuhl angewiesen ist, mit immer neuen Heilsversprechen bei der Stange hält. Sogar Krebskranken prophezeit die Leiterin die Genesung, wenn sie nur „auf dem Weg“ bleiben. In den Werbematerialien des Gesundheitshauses für ein dreijähriges Homöopathie-Seminar sticht als Referenz für die Vorbildung der Leiterin die Pforzheimer Heilpraktikerin und Tierheilpraktikerin Rosina Sonnenschmidt hervor, bei der die Gesundheitshaus-Chefin Kurse in „prozessorientierter Krebstherapie“ belegt hat.Sonnenschmidt ist Autorin zahlreicher pseudomedizinischer Bücher wie „Homöopathie bei Radioaktivität“ oder „Miasmatische Krebstherapie“ sowie eines „Homöopathischen Krebsrepertoriums“. Psiramzufolge propagiert sie Homöopathie besonders bei Krebspatienten. Dabei berufe sich Sonnenschmidt auf Vorstellungen der Germanischen Neuen Medizinvon Ryke Geerd Hamer. Die promovierte Musikethnologin (nach einer „Medial-und Heilerschulung“ laut Homepage zugleich auch „Medium“) meint, dass „alle karzinogenen Krankheiten auf einem Opferbewusstsein“ basieren und es deshalb bei Krebs und anderen schweren Erkrankungenstets notwendig sei, „den Konflikt hinter der Krankheit zu lösen“.Mindestens ein konkreter Fall ist X.in Erinnerung, bei dem wegen des progredienten Krankheitsverlaufs eine adäquate Therapie schließlich gar nicht mehr möglich war und der krebskranke Patient nur noch in ein Hospitz abgeschoben werden konnte. Zur internen Rechtfertigung muss auch hier die „blaming the victory“-Strategie herhalten.
X.selbst ist nach den Intuitiv-Befunden der Leiterin nie krank gewesen –sondern lediglich „aus der Ordnung“. Trotzdem kann er zu Beginn seines Aufenthaltes im Gesundheitshaus noch einen ambulanten Termin in einer nahegelegenen Klinik durchsetzen. Später wird ihm bedeutet, dass Arztbesuche unerwünscht seien. Ein 28-jähriger stationärer Patient mit Drogenkarriere und schweren Depressionen, mit dem X.sich anfreundet, bekommt keinerlei externe medizinisch-psychiatrische Betreuung. Dass die Heilpraktikerin und Gesundheitshaus-Leiterin mit ihren diagnostischen Schauungen grotesk danebenliegt, wird X.endgültigklar, als sie seinen Darmproblemen und Durchfallbeschwerden mit Globuli und geriebenem Apfel zu Leibe rückt. Ein heimlicher Arztkontakt erbringt eine Sorbit-Intoleranz. Obstsorten wie Äpfel sind mithin kontraindiziert.
 
Der Ausstieg
Nach seinem GbR-Austritt fängt X. 2014an, freiberuflich als Finanzberater in der näheren Umgebung zu arbeiten und schafft damit eine gewisse Distanz zum „Projekt“ und zur entfernten Schwägerschaft mit den Gründern. Das nagende Missempfinden aber bleibt. Die Liebe zu seiner Ehefrau, die vielfältigen Tätigkeiten und die Rückschau auf die aufbauende Betreuung in der Anfangszeit widerstreiten in ihm mit der Wahrnehmung der Absonderlichkeiten: untaugliche Behandlungsmethoden, autoritäre Strukturen, psychische und finanzielle Abhängigkeiten  und die Fokussierung auf eine charismatisch-machtliebende Führergestalt mit prophetischen Ansprüchen. Am 30. März 2017 zieht X.die Notbremse. Um kurz vor acht, gerade als er zur Arbeit fahren will, klingelt das Telefon. Die Stimme am anderen Ende der Leitung steigert sich rasch zu dem altbekannten Brüllen. Die Leiterin herrscht X.einmal mehr wegen seines Austritts aus der Gutspark-GbR an. Als er sich rechtfertigt, schüttet sie einen Schwall von Drohungen über ihn aus, insistiert auf ihrem „göttlichen Projekt“, baut Gruppendruck, Angst und Schuldgefühle auf. So schildert X.es heute.„Völlig panisch“ kommt X.ins Büro. In der Mittagspause stößt er im Internet auf die Webseite der Leitstelle für Sektenfragen im Land Berlin. Eine Checkliste mit den „Merkmalen konfliktträchtiger Gruppen“ wird für ihn zum Augenöffner. Jeder einzelne Punkt trifft auf das Gesundheitshaus und dessen Leitung zu. Noch in derselben Stunde schließt X.seine Agentur in Brandenburg und fährt zu seinem besten Freund nach Wolfenbüttel und von da weiter nach Düsseldorf zu seiner Schwester. Am nächsten Tag vereinbart er einen Arzttermin und begibt sich in eine vernünftige psychiatrische Behandlung. „Dieser Anruf am Morgen“, sagt er rückblickend, „war der letzte Tropfen.“
 
Wieder im Hier und Heute
X.X .ist gegenwärtig Bezirksleiter in der Finanzbranche in Nordrhein-Westfalen. Seine Erlebnisse im Gutshaus wirken als posttraumatische Wiederholungsträume von verbalen und nonverbalen Gewaltausbrüchen nach, die er therapeutisch aufarbeitet. Von seiner Frau ist er seit seinem Ausstieg getrennt. „Sie ist nach wie vor der treueste Paladin der Leitung“, erzählt er –und sieht „kaum eine Chance, dass sie da jemals rausfindet.“ X.schildert seine Erfahrungen ruhig und reflektiert. Aufmanche Fragen hat er selbst noch keine Antwort, etwa nach den konkreten Heilsvorstellungen oder dem Expansionsziel der Gesundheitshaus-Führungsspitze. Auf einer Immobilien-Webseite wurde die Leiterin im Februar 2018 auch als „Herz und Kopf“ einer Firmain Budapest genannt, deren Haupttätigkeit ausweislich des ungarischen Handelsregisters der Erschließung von Grundstücken und der Bauträgertätigkeit gilt. Präsentationsfotos für zwei hochpreisige Verkaufsobjekte in der ungarischen Hauptstadt zeigten sie mit einer Gruppe von Immobilienun-ternehmern, Grundstücksverwaltern, Architekten und Anwälten aus dem engen Umfeld des Gesundheitshauses. Irgendwo würden wohl grandiose Weltveränderungsphantasien im Hintergrund mitschwingen, vermutet X.Zwischenzeitlich hat X.sich mit den Eltern des besagten stationären Dauerpatienten im Gesundheitshaus getroffen. Dieser junge Mann kam vor mehr als vier Jahren als Drogenwrack dorthin, auf Geheiß einer Tante, ohne Ausbildung und ohne Plan für ein unabhängiges Leben. X.beschreibt an seinem Beispiel noch einmal, wie die wundersamen Verheißungen von „Ganzheit, Gesundheit und Glück“ einen kurzzeitigen Heilungseffekt setzen können. Mehr nicht. Obwohl die Haupteinnahmequelle des Gesundheitshauses in Präsenzseminaren für die Heilpraktikerausbildung besteht, zu der auch „Schulmedizin“ gehört, hat X.dort nie grundlegende Patientenmaßnahmen wie Anamnese, körperliche Untersuchungen oder die Beschaffung relevanter Vorbefunde gesehen. Auch die Seminarteilnehmer fielen bei der amtsärztlichen Überprüfung zum Heilpraktiker „reihenweise durch“. Fast alle blieben aber dabei und belegten auch mehrfach den kostspieligen Kursus.
 
Aufklären und Öffentlichkeit schaffen
In der Dorfgemeinschaft seien die Gefolgsleute des Gesundheitshauses allesandere als wohlgelitten, sagt X., da diese keinerlei Hemmungen hätten, „auch auf offener Straße rumzuschreien“. SZSchwester bestätigt dies. Zu Anfang habe sie engen Kontakt zu ihrem Bruder gehalten, erzählt sie, gewissermaßen als Vermittlerin zwischen X.X.und den besorgten Eltern, die über eine Entmündigung ihres Sohnes nachdachten. Allmählich habe die allgegenwärtige Aggressivität im Gesundheitshaus sie jedoch abgeschreckt. Bei ihren Besuchen war sie irritiert von den ungefilterten Gefühlsausbrüchen der „Team“-Mitglieder innerhalb und außerhalb des Gesundheitszentrums. Auch sie wurde zur Zielscheibe von Brüll-Attacken. Familiäre Beziehungen seien nicht verboten, ergänzt ihr Bruder, aber verpönt und würden mit einer Drohpalette belegt. Dennoch nähmen die Behörden des strukturschwachen Landkreises bislang keine Notiz von den Vorgängen. Ein möglicher Grund: „Insgesamt sorgt die Entwicklung rund um den Gutspark für Bevölkerungszuwachs“, heißt es in einem Zeitungsartikel vom August 2015. In den Nachbarorten sind bereits Zweigstellen des Gesundheitshaues entstanden. Zudem brüstet sich der Verein damit, „das Gesundheitswesen und die Gesundheitspflege im ländlichen Raum zu verbessern“. Offenkundig dient er sich mit diesem Vereinszweck der Landesregierungan, die 2012ein Strategiepapier zur „Künftigen Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung in Brandenburg“ erarbeitete. Tatsächlich ist der Verein wegen „Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens und der öffentlichen Gesundheitspflege“ als gemeinnützig anerkannt. In der Realität verbergen sich dahinter „homöopathische Sprechstunden zur Behandlung akuter Beschwerden für die Menschen im Havelland“.
 
X.will darüber aufklären und Öffentlichkeit schaffen, vielleicht eine Selbsthilfegruppe für Aussteiger und Betroffene des „Projekts“ ins Leben rufen. Neben Job und Therapie genießt der 41-Jährige seine wiedergewonnenen Freiheiten. Kino, Tischtennisverein, Brettspielgruppe, Clubbing –all das war tabu in der havelländischen Heiler-Sekte, wo Hobbys und Privatinteressen als „im Außen sein“ galten. Heute ist Tobias X.wieder ganz bei sich.
 
siehe auch: Gutshaus Liepe Metatron GbR
 



Bibliografie

sektenwach, Fachtagung 2018 / http://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/2018.pdf / Abruf 08.03.2019


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