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Autor / Datum / Thema /Status Berger, Ulrich - ScienceBlogs.de - kritisch gedacht / 19.1 - Dezember 2010 / 2013-08-07 14:33:15 / Akademische Esoterik - Der Fall Viadrina / INFOTHEK printer Beenden
Zusammenfassung

An der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder hat sich die Esoterik eingenistet. Wie konnte das passieren? Wie steht die Öffentlichkeit dazu? Was sagen die Verantwortlichen? Ein Rückblick in drei Teilen.



 

Akademische Esoterik - der Fall Viadrina

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An der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder hat sich die Esoterik eingenistet. Wie konnte das passieren? Wie steht die Öffentlichkeit dazu? Was sagen die Verantwortlichen? Ein Rückblick in drei Teilen.




Teil 1: Das IntraG und sein Masterstudiengang

Als akademischer Skandal darf es wohl bezeichnet werden, was sich 2010 am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) der Uni Viadrina in Frankfurt/Oder ereignete. Das erst 2007 gegründete und der kulturwissenschaftlichen Fakultät zugehörige Institut sah es als seine Kernaufgabe, einen berufsbegleitenden Masterstudiengang zu entwickeln, der in erster Linie der Weiterbildung von Ärzten, Apothekern und Psychotherapeuten dienen sollte. Dieser Studiengang wurde 2008 genehmigt und nahm schließlich 2009 seinen Betrieb auf. Es handelt sich um den Masterstudiengang Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde, der mit dem akademischen Grad eines Master of Arts (M.A.) abschließt. 60 Studienplätze zu je € 10.000 sollen jährlich vergeben werden.


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Für Ärzte mit Fortbildungsverpflichtung ist der Studiengang ein verlockendes Angebot: Zusätzlich zum akademischen Grad können bis zu 250 Fortbildungspunkte erworben werden. Der Lehrbetrieb findet großteils als Fernstudium statt, nur maximal 20 Tage Präsenzzeit an Wochenenden erlauben ein berufsbegleitendes Studium neben dem Praxisbetrieb. Und schließlich: “Praxisrelevante Methoden der modernen Naturheilkunde” werden versprochen, was der Ausweitung des ärztlichen Angebots Richtung stark nachgefragter und privat bezahlter alternativmedizinischer Therapiemethoden den Weg bereitet. Zusätzlich winkt die “sektorale Heilpraktikererlaubnis” für alle Nichtärzte.

*

Die Lehrinhalte des Studienganges werden zu einem großen Teil vom Kooperationspartner des IntraG verantwortet, der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin (IGBM). Ein mit dieser eng verbandelter weiterer Kooperationspartner ist dieInternationalen Gesellschaft für Homöopathie und Homotoxikologie (IGHH). Es handelt sich dabei um Vereine, in denen sich die Vertreter der jeweiligen alternativmedizinischen Richtungen organisiert haben, um gezielte Lobbyarbeit zu betreiben. Ihr Ziel ist es unter anderem, ihre   wissenschaftlich nicht anerkannten Therapiemethoden im akademischen Bereich zu etablieren und in Arztpraxen und Apotheken als Zusatzangebot zu verbreiten.


Ende 2009 wurde die Leitung des IntraG sowie des Studienganges an die neu geschaffene Professur für Forschungsmethodik der Komplementärmedizin gekoppelt, die an den Psychologen und CAM-Forscher Harald Walach ging. Es handelt sich dabei um eine Stiftungsprofessur, die durch die Firma Biologische Heilmittel Heel GmbH finanziert wird, einem Big Player der Homöopathie-Industrie, der eng mit der IGBM und der IGHH verflochten ist.

Ein weiteres Ziel des IntraG war es, den Absolventen seines Studienganges den Weg zu einer Zweitpromotion zu ebnen. Viele ältere Ärzte, so hatte man erkannt, würden sich “der geisteswissenschaftlichen Wurzeln der Medizin besinnen” und würden die Beschäftigung mit diesen Wurzeln gerne mit einem “Dr. phil” auf der Visitenkarte krönen. Das Problem dabei:
Ärzte haben generell wenig Zeit zum Dissertieren. Was also tun?
Ein Lösungsweg lag nahe:

Daher muss an dieser Stelle betont werden, dass die Teilnehmer des philosophischen/philologischen Zweitstudiums häufig nebenher arbeiten und man an ihre Abschlussarbeiten nicht die Maßstäbe anlegen darf, die gemeinhin an geisteswissenschaftliche Doktoranden gestellt werden.

Die Idee war also, die Ansprüche herunterzuschrauben, um den gestressten Berufstätigen ihre Nebenher-Promotion zu ermöglichen. Damit tat sich jedoch ein neues Problem auf: Die so entstehenden Arbeiten könnten eventuell von minderer Qualität sein und damit dem Ruf der Universität
schaden. Doch auch dieses Problem sei gar keines, wusste das IntraG:

 

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Die Argumentation ist bestechend: Die zu erwartenden minderwertigen Dissertationen würden ohnehin nicht publiziert werden, da Ärzte erstens sowieso kaum Zeit zum Publizieren hätten und zweitens im Notfall das peer-review System schon dafür sorgen würde, dass deren Beiträge abgelehnt werden. Welche Erleichterung!

Universitäre Fortbildung für Ärzte an einer kulturwissenschaftlichen Fakultät? Homöopathie und Homotoxikologie als “geisteswissenschaftliche” Zusatzleistungen in der Arztpraxis? Eine ausgerechnet von der Homöopathie-Industrie gesponserte Professur für CAM- Forschungsmethodik? Man erkennt wohl bereits an dieser Stelle, was die primäre Motivation der ganzen Unternehmung ist: Die Ärzteschaft soll an der steigenden Nachfrage nach obskurer Paramedizin endlich gehörig mitverdienen dürfen und dafür im Gegenzug einen Obolus an die Uni abliefern, die ihnen dieses lukrative Geschäft erst ermöglicht und dabei gleichzeitig den unter Medizinwissenschaftlern eher schäbigen Ruf der alternativen Therapieverfahren akademisch adelt.

Es geht, wie immer, um’s liebe Geld.

 

Teil 2: Energiemedizin und Medienreaktionen

Nachdem das IntraG die Lehre der alternativmedizinischen Pseudotherapien in die Hände der Homöopathen und Homotoxikologen gelegt hatte, begann es damit, neue Module zu entwerfen um das Portfolio seines Studiengangs zu erweitern. Ein solches Lehrmodul wurde im Frühjahr 2010 angekündigt. Es trug den Titel Energy Medicine und die Inhalte wurden von der Deutschen Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin (DGEIM) bereitgestellt.

In der DGEIM versammeln sich die Vertreter jener Therapierichtungen, die den esoterischen Bodensatz der Alternativmedizin bilden. All jene Pseudotherapien, die außer vagem Gestammel über heilende Schwingungen, ganzheitliche Quanten und sanften Informationen nichts zu bieten haben, sind dort vertreten. Es wimmelt geradezu vor Quantenmystik, Wasserbelebung, Freier Energie, Skalarwellen-Humbug, Strichcode-Malerei und sonstigem Quatsch. Energy Medicine ist, kurz gesagt, jener CAM-Bereich, wo die Grenzen zwischen Realität und Satire verschwimmen.
Und so sah die akademische Esoterik aus, die Ärzte an der Viadrina “studieren” sollten:


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Die Energie-Esoterik war wahrscheinlich der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Bis zum Herbst 2010 war die Viadrina kein Thema in den Medien gewesen. Zwar gab es bereits seit Jänner 2010 auf EsoWatch einen etwas versteckten (inzwischen deutlich ausgebauten) Hinweis auf die Umtriebe an der Viadrina, und im Mai 2010 hatte der Physiker Martin Lambeck auf der GWUP-Jahrestagung einen Vortrag über „Die Komplementärmedizin an der Universität Frankfurt(Oder) – Eine Revolution der Wissenschaften?” gehalten. Doch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurden die Vorgänge am IntraG erst, als am 28. August 2010 auf dem meistgelesenen Wissenschaftsblog Deutschlands ein Beitrag mit dem Titel Das Esoterik-Studium an der Viadrina in Frankfurt (Oder) erschien. Die Rede ist natürlich vom benachbarten ScienceBlog Astrodicticum Simplex von Florian Freistetter.

Die lange Liste von esoterischen Themen und Vortragenden, die Florian in seinem Beitrag auflistete, stellte sich später als fehlerhaft heraus. Die DGEIM hatte auf ihrer Webseite diese fehlerhafte Liste bereitgestellt, und das IntraG hatte dorthin verlinkt. Die Liste der Lehrinhalte wurde von der DGEIM bald richtig gestellt, es ist die oben abgebildete. Wie unschwer zu erkennen ist, ist diese korrekte Liste auch nicht weniger beschämend.

Eine am IntraG vorgesehene Lehrbeauftragte war etwa die Bioresonanzlerin und Wünschelrutengängerin Noemi Kempe, die am Fließband Positivgutachten zu Wasserbelebungsgeräten und anderem Eso-Klimbim produziert, und schon vor Jahren Gegenstand eines kritischen Artikels von mir war. Heike Buhl wiederum, im Energy-Medicine-Modul für Orgon-Therapie zuständig, hat eigenen Angaben zufolge “Psychosomatik gesucht”, aber offenbar nur Bullshit gefunden. Was sie über die “Orgon-Energie” zu wissen glaubt, hat sie hier dokumentiert. Die “Radionik” schließlich ist eine Art Geistheilung via Elektronikbaukasten. Von allen CAM-Therapien hat sie die lächerlichsten Hypothesen und die dümmsten Voodoo-Geräte. Was Herrn Schmieke dazu befähigen sollte, sie an der Viadrina zu lehren, ist unklar. Vielleicht sein Studium der “vedischen Astrologie”?

Wie auch immer, nachdem Florians Artikel online gegangen war, sah ich die letzte Chance gekommen, den Präsidenten der Viadrina dazu zu bewegen, den Unsinn abzudrehen bevor seine Uni dem Gespött der Öffentlichkeit preisgegeben würde. Der Rest der Kollegen an der Viadrina kann nämlich herzlich wenig dafür, dass das IntraG einen auf Hogwarts machte. Also schickte ich noch am 28. August eine entsprechende e-mail an Herrn Pleuger, den Präsidenten der Uni Viadrina, sowie in Kopie an ein paar weitere Verantwortliche. Mein Hinweis hatte allerdings keine Konsequenzen, außer einem e-mail-Wechsel mit einem empörten Herrn Walach, der die Esoterik am IntraG zu verteidigen suchte. (Meine e-mail fand übrigens den Weg zu Claus Fritzsche und tauchte kurz darauf auf einer der Webseiten meines persönlichen Cyberstalkers auf, wo dieser wegen des in meiner mail enthaltenen links auf den EsoWatch-Eintrag zur Viadrina versucht, mich zu kriminalisieren. Vielleicht braucht er ja eine Klangschalentherapie?)

Meine e-mail, selbst wenn sie etwas bewirkt hätte, wäre ohnehin zu spät gekommen. Denn nur zwei Tage später erschien der erste Artikel in der Presse, der sich dem Thema IntraG widmete. Der von Sebastian Herrmann stammende Artikel in der SZ war offensichtlich von Florians Blogbeitrag inspiriert. Als Titel trug er ein Zitat eines anonymen Lehrbeauftragten der Viadrina, der unter den Kollegen Immer mehr Spinner ortete. Wie wahr!

Zwei Wochen darauf folgte Harro Albrechts großer und lesenswerter Artikel Wehe! Wehe! in der ZEIT. Sein Untertitel verrät den Tenor: Homöopathie, Akupunktur, Ayurveda – der Aberglaube frisst die moderne Medizin. Die mit Homöopathiegeldern gesponserte Stiftungsprofessur von Harald Walach wird dort mit vergleichbaren Einrichtungen unter “Mogelpackungen” subsumiert. Albrechts Resümee: Die Hokuspokus-Welle rollt. Die Hochschulmedizin ist drauf und dran zu kapitulieren.

Kurz darauf reagierte die Uni Viadrina. Auf der Webseite des IntraG fand sich die lapidare Ankündigung:

Alle Termine des bereits angekündigten neuen Wahlpflichtmoduls Energy medicine sind gecancelt.

Zu spät. Im November folgte im SPIEGEL der Rückfall ins Mittelalter von Markus Grill und Veronika Hackenbroch. Wie weit der Aberglaube schon Einzug gehalten hat in der Medizinerausbildung, schrieben die beiden, ist besonders gut an der Universität Frankfurt (Oder) zu bestaunen.

Und tatsächlich: Während das Energy-Medicine-Modul im Studiengang gekappt wurde, setzte Walach weiter auf Esoteriker und präsentierte Herrn Dietmar Cimbal als Gastprofessor. Der Techniker und Tierarzt stellt sich auf seiner Webseite als astrologischer Ernährungs-, Gesundheits- und Lebensberater vor und bewirbt ein russisches Quacksalbergerät. Bereits im Oktober war bekannt geworden, dass sich die indische Regierung eine Ayurveda-Professur am IntraG gekauft hatte.

Die personellen und finanziellen Verflechtungen des IntraG mit der CAM-Szene sind vielfältig und reichen bis in hohe politische Ebenen. Entflochten hat sie in akribischer Arbeit Martin Lambeck, dessen Vortrag vom Mai kürzlich als 11-seitiger Artikel im neuen Skeptiker erschienen ist. Aus diesem Anlass meldete sich auch die GWUP jüngst per Presseaussendung zur Esoterischen Medizin an deutschen Universitäten zu Wort.

Innerhalb weniger Wochen nach Florians Blogartikel war es also offiziell geworden: An der Uni Viadrina hat sich die Esoterik eingenistet. Wie rechtfertigen sich eigentlich die Verantwortlichen?

 

Teil 3: Die Reaktion der Verantwortlichen

Es gab bisher drei öffentliche Reaktionen der Verantwortlichen auf die Aufdeckung der Zustände an der Viadrina:

1. Reaktion: Die erste Reaktion bestand in einem Leserbrief von IntraG- und Lehrgangsleiter Harald Walach an die Süddeutsche Zeitung. Dieser Leserbrief wurde zwar meines Wissens nie in der SZ veröffentlicht, jedoch beim IntraG neben anderen Leserbriefen auf eine Webseite gestellt.

Walachs Erwiderung auf den SZ-Artikel von Sebastian Herrmann beklagt die angebliche “Hexenjagd”, der unter Zuhilfenahme von “Unwahrheiten” im SZ-Artikel der “Boden bereitet” würde. Dass die “Falschinformationen” aus zwei Fehlern resultierten, die je zur Hälfte das IntraG und die DGEIM zu verantworten hatten, verschweigt Walach. Ebenso, dass die tatsächlichen Inhalte des Energy-Medicine-Moduls um nichts weniger esoterisch sind als die in der SZ inkriminierten. Sodann schwingt sich Walach zu einer kühnen und polemischen Spekulation auf und mutmaßt, woher der SZ-Journalist seine Informationen wohl her haben könnte:

Denn einige Tage vorher verschickte die postmoderne Nachfolgeinstitution der römischen Inquisition, die “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaft – GwUP”, Internetmobbingpost an unseren Präsidenten und vermutlich auch noch andere Institutionen (die SZ?), in dem genau die genannten Inhalte als “esoterisch” und “unwissenschaftlich” angemahnt werden.

Das erinnert uns an eine alte skeptische Mahnung: Man sollte nie von einer Korrelation zwischen A und B auf eine kausale Wirkung zwischen A und B schließen  – es könnte nämlich sein, dass sowohl A als auch B eine gemeinsame Ursache C haben. In diesem Fall hatte ich Herrn Walach tatsächlich in meiner e-mail bereits darauf hingewiesen, dass soeben auf dem meistgelesenen deutschen Wissenschaftsblog die Viadrina-Esoterik ausgebreitet worden war. Trotzdem mutmaßt Walach hier, dass “die GWUP” (gemeint bin damit wohl ich) die SZ informiert hätte – was übrigens unwahr ist. Nun gut, sei’s drum.

Als nächstes folgt ein Hauch einer Big-Pharma Verschwörungstheorie. In mehreren rhetorischen Fragen suggeriert Walach, dass die aktuelle Kritik an der Viadrina irgendwie mit den jüngsten Krisen der Pharmabranche zusammenhängen müsste. Also im Klartext: Weil Big-Pharma gerade arg kritisiert wird, setzen sich Florian Freistetter, Ulrich Berger und Sebastian Herrmann konspirativ zusammen und hecken einen Gegenschlag aus – vermutlich weil sie von Big-Pharma bezahlt werden. Diese hübsche kleine Verschwörungstheorie von Herrn Walach ist allerding nicht ganz neu. Schon in seinem Editorial “Gegen den Wind segeln” aus dem Jahr 2008 raunte er:

Ich finde es interessant, dass die Kampagne gegen die Komplementärmedizin zur gleichen Zeit beginnt, zu der sich zeigt, dass Flaggschiffmedikationen der konventionellen Pharmabranche in ihrer Glaubwürdigkeit bröckeln. [...] Ist es möglich, fragt sich der neugierige, offene, und vielleicht etwas phantasiebegabte Zeitgenosse, dass da eine ganze Industriesparte unter Druck gerät, langfristig ihre Felle davonschwimmen sieht und beschließt, ein bisschen die Theaterwindmaschine anzuwerfen? Das dürfte nicht schwer sein. Ein paar emeritierte Pharmakologen zum Essen einladen vielleicht? Ein paar dümpelnde Arbeitsgruppen mit einem Forschungsauftrag bedienen? Jedenfalls Gegenwind erzeugen, wie auch immer. Ich würde mich nicht wundern. Die Koinzidenz ist bemerkenswert.


Damals war es allerdings noch nicht die GWUP, die von Big-Pharma zum Essen eingeladen worden sein soll. Die “emeritierten Pharmakologen” sind wohl eine gleichermaßen unverblümte wie unverschämte Anspielung auf den wortgewaltigen Homöopathiekritiker David Colquhoun vom Londoner UCL, der schon mehrfach öffentlich klargestellt hat, dass er nie Gelder der Pharmabranche angenommen hat.

2. Reaktion: Die zweite Reaktion von Harald Walach war notwendig geworden, nachdem auch die ZEIT kein gutes Haar am Trend zur Esomedizin gelassen hatte (siehe Teil 2). In einem ebenfalls nicht abgedruckten Leserbrief an ZEIT-Autor Harro Albrecht stellt Walach die These auf, die Medizin habe schon lange “den Verstand verloren”. Denn, so Walach, die moderne Medizin versage bei vielen chronischen Krankheiten, und…

genau weil das so ist, weil die moderne Medizin eben viel weniger an wirklich effektiven Therapiemöglichkeiten für chronisch kranke Patienten anzubieten hat, genau deswegen suchen sich diese Patienten Alternativen.

Es folgt eine Mahnung, man dürfe die Erforschung der Komplementärmedizin nicht behindern, denn diese sei allgegenwärtig geworden und daher auch erforschenswert. Daran ist nichts wirklich falsch, doch Walachs Replik geht trotzdem völlig am Kern der Sache vorbei.

An der Viadrina sollte die Esomedizin nämlich nicht nur erforscht, sondern gleich auch gelehrt werden, und zwar mit dem Ziel der Anwendung am Patienten, und zwar auch jene Methoden, die nicht nur zweifelhaft, sondern bereits hinreichend widerlegt sind! In den Worten von Marco Bischof, wie er in der SZ zitiert wird:

Ziel sei es, so Bischof, den Studenten die alternativen Heilmethoden und Therapien so zu vermitteln, dass diese von ihnen selbst angewandt werden können.

Dabei ist es doch ganz einfach. Um eine zarte Analogie zu bemühen: Man sollte an kulturwissenschaftlichen Fakultäten z.B. die Entwicklung und Geschichte der Astrologie erforschen und auch lehren. Man sollte aber an einer Universität nicht Astrologie selbst lehren. Dieser Unterschied ist offenbar noch nicht bei jedermann angekommen.

Zum dritten großen “Angriff” auf die Viadrina, der jüngst im Spiegel stattfand, gibt es bisher noch keine veröffentlichte Reaktion von Herrn Walach.

 

3. Reaktion: Eine Reaktion der sonderbaren Art gab es von Hartmut Schröder, Sprachwissenschaftler an der Viadrina und ebenfalls im Vorstand des IntraG tätig. Mitte September 2010 benutzte er sein Grußwort für ein Augenheilkunde-Symposium für eine Klage über die angebliche “Hexenjagd auf Komplementärmediziner” in den Medien und für eine Abrechnung mit den IntraG-Kritikern in der SZ und der ZEIT. Der SZ-Medizinjournalist Werner Bartens hatte kurz zuvor ein Interview gegeben, in dem er den Hokuspokus an der Viadrina kritisiert hatte. Schröder lässt sich in seinem Grußwort nun auf eine wahrlich abenteuerliche Argumentation kontra Bartens ein.

Er wisse nämlich sehr wohl, so Schröder, “dass so manche Erfolge komplementärer Medizin mit dem Placeboeffekt erklärt werden können“. Aber, so Schröder sinngemäß, damit der Placeboeffekt auch seine ganze Macht entfalte, brauche es das Vertrauen des Patienten in den Arzt und dessen therapeutisches Handeln. Und das zerstöre Werner Bartens mit seinen kritischen Worten:


Werner Bartens – der das als gelernter Arzt eigentlich wissen sollte – unterminiert de facto mit seinem Beitrag das Vertrauen der Patienten zu ihren Ärzten. Er [...] schadet objektiv all den Patienten, die von Komplementärmedizinern behandelt werden.

Eine bemerkenswerte Leistung für einen Sprachwissenschaftler: Weil Bartens den Hokuspokus der Komplementärmedizin kritisiert und Patienten deshalb die Lügen der Esomediziner anzweifeln könnten, verlieren diese die Segnungen des Placeboeffekts und tragen so einen Schaden davon. Welch’ Frevel von Herrn Bartens, die Wahrheit zu sagen, wenn doch die Lüge so tröstlich war!

Nach diesem Blick in die Abgründe seiner Komplementär-Ethik begleiten wir Herrn Schröder bei einem Verbalangriff auf – Überraschung – die GWUP (also auf mich…), der sich ganz wie bei Herrn Walach liest:

Bevor sich überhaupt die Medien mit der Thematik beschäftigten hat die “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften” (GWUP), die sich anschickt die moderne Inquisition zu werden, mit gezielten Verleumdungskampagnen das Feld bereitet.

Hier muss man anmerken, dass Herr Schröder nicht nur die unfundierten Vorwürfe von Herrn Walach nachplappert, sondern sie auch aufbauscht (meine angebliche Verleumdungskampagne hat hier schon die Mehrzahl erreicht) und dass er dies 9 Tage nach meiner zweiten e-mail an Walach tut, in der ich deutlich klarstellte, dass ich niemals Kontakt zur SZ hatte. Fürwahr, ein gewaltiges sprachliches Fettnäpfchen, in das der Herr Sprachwissenschaftler da in seinem Eifer getreten ist!

Schröder fährt dann fort mit der plumpen und ebenso falschen Behauptung

Dafür dass diese Gesellschaft und ihre Zeitschrift Der Skeptiker es nicht so genau mit der Wahrheit halten sowie mit gezielten Rufmordversuchen in Verbindung gebracht werden finden sich erdrückend viele Hinweise.

Wiederum eine im Prinzip klagbare Verleumdung, die offenbar der traurigen Tatsache geschuldet ist, dass Herr Schröder seine Nase zu tief in die Schmuddeltexte meines anonymen Cyber-Stalkers gesteckt hat. Ja, Herr Schröder: Wer in der Jauche watet, dem haftet dann oft ein eigenartiger Geruch an. Aber keine Sorge, auch der verfliegt wieder!

Vielleicht sollten Sie sich einfach Ihre eigenen Worte zu Herzen nehmen:

Wer aber den rationalen, herrschaftsfreien Diskurs und die Überzeugungskraft der besseren Argumente nicht scheut, der hat solche Verleumdungen nicht nötig.


Es folgen von Herrn Schröder dann noch 6 Seiten “Grußworte”, die sich um die bekannte “Pluralismus”-Forderung drehen und ebenfalls in keinster Weise auf den Unterschied zwischen Forschung über Humbug und Lehre von Humbug eingehen.

Im Lichte der hier zusammengefassten öffentlichen Reaktionen auf die Aufdeckung des akademischen Eso-Skandals an der Viadrina stelle ich fest:


Manche Verantwortlichen haben in ihrer Panik offenbar zeitweise die Nerven verloren und sich zu eher peinlichen Äußerungen hinreißen lassen. Wie man es rechtfertigt, dass an einer Uni ein Astrologe einen Lehrauftrag bekommen soll um Ärzte in “Radionik” auszubilden, ist mir immer noch nicht überzeugend dargelegt worden.

Wird es wohl auch nicht mehr. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt…

 

Bibliographie


(1) http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2010/12/12/akademische-esoterik-der-fall-viadrina-13/
(2) http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2010/12/14/akademische-esoterik-der-fall-viadrina-23/
(3) http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2010/12/20/akademische-esoterik-der-fall-viadrina-33/

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