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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Kilian, Andreas / Von Psycho-Sekten lernen? / 19.10.2018. - 17:30 / PUBLIC / Druck beenden


Von Psycho-Sekten lernen?

 

von Andreas Kilian

Kleinere Glaubensgemeinschaften und spirituell-esoterische Gruppen sind keine Horte der Aufklärung im eigentlichen Sinne. Trotzdem finden sie immer wieder regen Anklang in bestimmten Altersgruppen. Und dies hat nicht nur etwas mit Glauben zu tun. Was erbringen solche Gruppen an psychologischen Dienstleistungen, dass sie immer wieder neue Mitglieder rekrutieren können?

Am 31. März diesen Jahres wurde in der ARD ein Film mit dem zweideutigen Titel Bis nichts mehr bleibt1 ausgestrahlt. Mit diesem – extra in geheimgehaltenen Dreharbeiten – hergestellten Film sollte die Bevölkerung Deutschlands gezielt über die „Machenschaften und Methoden“ der Glaubensgemeinschaft Scientology aufgeklärt2 und gewarnt werden.3 Nun sollten Atheisten, Humanisten und Konfessionslose – meiner Meinung nach – weder bei solchen primitiven und irrationalen Hexenjagden mitmachen, noch die einzelnen Glaubensgemeinschaften pauschal voreinander in Schutz nehmen. Dennoch lohnt es sich, darüber nachzudenken, warum ausgerechnet diese Glaubensgemeinschaft in Deutschland momentan dermaßen angefeindet wird. Solche, fast schon psychotisch wirkenden Maßnahmen wurden das letzte Mal beobachtet, als der indische Philosophieprofessor Chandra Mohann Jain „Rajneesh“, genannt Bhagwan oder Osho, in Europa und den USA gastieren wollte. Damals verweigerten ihm 21 „zivilisierte“ Länder die Einreiseerlaubnis, um ihre Kinder vor ihm und seinen Ideen zu schützen.4 Wie wir heute wissen, gab es damals viel Aufregung um nichts. Dies wird auch heute bei Scientology nicht anders sein. Trotzdem bleibt die Frage, was das Besondere an den „Psycho-Sekten“, wie Scientology, die Neo-Sannyas-Bewegung und andere spirituell-religiöse Gruppierungen diffamierend bezeichnet werden, ist, dass der Verfassungsschutz bemüht wird und die Bevölkerung durch öffentlich-rechtliche Medien gewarnt werden muss?

Im Prinzip wollen alle religiösen und auch etliche weltliche Institutionen dasselbe: Sie wollen Menschen zu besseren Menschen machen und sie wollen die politische Macht und/oder die finanzielle Unabhängigkeit, um dies auf ihre Art umsetzen zu können. Gegenüber anderen Glaubensgruppen geht es um Vorrechte und Macht, gegenüber den eigenen Mitgliedern um eine Führung zu den Zielen, die man als allein selig machend identifiziert hat. Soweit also nichts Neues.

„Psycho-Sekten“ als gefragte Dienstleister

Die Bezeichnung Psycho-Sekte wird für Gruppen vergeben, denen psychologische Zwangsmittel im Umgang mit ihren Mitgliedern unterstellt werden. Dies bezieht sich einerseits auf die frühkindliche Indoktrination. Die Glaubensgemeinschaften erschaffen selber die psychischen Probleme bei ihren Kindern, für die sie hinterher ihre Lösungsvorschläge unterbreiten.5 Zum anderen wird der psychologische Zwang angeprangert, mit dem Erwachsene geworben und/oder am Austritt gehindert werden. Wobei jedoch übersehen wird, dass sich erwachsene Menschen in der Regel nur unter Druck setzen lassen, wenn bereits vorher psychische Schwächen vorgelegen haben, die ausgenutzt werden können.

Am häufigsten werden jedoch die „normalen“ gesellschaftlichen Ursachen übersehen, die Menschen in die Arme der sogenannten Psycho-Sekten treiben können. Die meisten Mitglieder solcher Gemeinschaften geben nämlich aus freiem Willen heraus ein Stück ihrer Freiheit und ihres Geldes ab. Sie erwarten hierfür eine Gegenleistung, die in ihren Augen das Opfer wert ist. Die etablierten Glaubengemeinschaften, politische Parteien und viele andere Organisationen wollen es selten bis gar nicht wahrhaben, aber solche Gruppen erbringen eine Dienstleistung, die von Teilen der Gesellschaft auch bereitwillig angenommen wird. Spirituelle Gruppen kümmern sich nicht nur um religiöse Fragen. Sie kümmern sich in erster Linie um individuelle, insbesondere um psychische Probleme. 

Viele solcher Probleme entstehen, wenn Menschen miteinander aufwachsen und zusammenleben müssen. Die Ursachen hierfür liegen in unserer Prähistorie verankert. Die meiste Zeit unserer Entwicklungsgeschichte haben unsere Ahnen in familiären Kleingruppen von 20 bis 50 Individuen gelebt. Wir sind biologisch und psychisch auf intakte soziale Verhältnisse angewiesen und wir suchen hierfür nach klaren Rollen, Funktionen und Positionen für uns und die anderen Gruppenmitglieder. Jeder möchte wissen, wo er in seiner Gruppe steht, wo seine Stärken und Schwächen sind und wohin er sich entwickeln kann. In der westlichen Wissenschaft gibt es nichts, was ein einfaches, archaisches und emotional nachvollziehbares Gruppenbild bietet, sowie einem Menschen eine Orientierung zur persönlichen Entwicklung innerhalb von Gruppen ermöglicht. In einer demokratischen Welt von Gleichen unter Gleichen darf es keine natürlich-familiär gewachsenen Rollen, Funktionen und Positionen geben. Unsere Biologie und unsere Psyche sagen uns aber etwas anderes. Durch Erziehung und Sozialsation entstehen verschiedene Archetypen und Charaktere für unterschiedliche Aufgaben innerhalb einer Gruppendynamik. Wir entwickeln uns unterschiedlich und wir wollen auch unterschiedlich sein. Wir suchen nach unserer Rolle im Leben und brauchen Orientierung. In der Esoterik gibt es zur Orientierung zum Beispiel das Enneagramm6, ein von Sufis entwickeltes Raster archaischer Grundcharaktere, um das Verhalten von Menschen in Gruppendynamiken besser verstehen und erklären zu können. Ob diese Erklärung „wissenschaftlich“ ist, kann kontrovers diskutiert werden. Der Zulauf, den solche esoterischen Erklärungen haben, spricht für die Suche und die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Frühkindliche Traumata und berufliche Fortentwicklung

Ein weiterer, großer Themenkreis in der Esoterik sind die frühkindlichen Konditionierungen, die Traumata und das geschädigte familiäre Umfeld. Wer sich die Internetseiten von Instituten ansieht, die sich der spirituellen Therapie widmen,7 wird erstaunt sein, wie viele Therapiezugänge es extra für diese Problembereiche gibt. Viele Menschen haben das Gefühl, dass da etwas mit ihnen nicht stimmt. Sie spüren ihre inneren Blockaden und merken, dass es so nicht weiter geht. Sie machen immer wieder die gleichen Fehler im Leben und stellen fest, dass sie es selber sind, die sich im Wege stehen. Den Betroffenen wird klar, dass sie an sich selber arbeiten müssen. Eine Organisation, wie Scientology, braucht im „Auditing“ nur nach diesen Problembereichen zu fragen und Gesprächsbereitschaft zu signalisieren, um in bestimmten Altersgruppen offene Türen einzurennen. Die Freiheit von Konditionierungen, Blockaden und Vorurteilen nennen die Scientologen „clear“. In anderen Glaubensgemeinschaften wird dieser Zustand als Vorstufe zur Erleuchtung angesehen. Ein Zustand, der im Humanismus durch das „Gnôthi seautón“, das „Erkenne Dich selbst“ hervorgerufen werden soll. Die Erfüllung der Freiheit „wovon“, um frei zu sein für die Freiheit „wofür“. Ein Zustand also, den Politiker und etablierte Kirchen nicht allzu gerne bei Staatsbürgern sehen wollen, weil er mündig machen kann.

Ein weiteres Problemfeld, auf dem immer mehr Menschen Hilfe suchen, ist das der persönlichen und beruflichen Entwicklung. Das eben genannte „wofür“. Das deutsche Schulsystem wird von vielen Menschen in seinem grundsätzlichen Aufbau inzwischen wieder als ein reines Selektionssystem wahrgenommen. Die Anforderungen an das Wissen werden von den Arbeitgebern bestimmt und die besten Noten für die Karriere gibt es nicht für innovatives, hinterfragendes – störendes – Verhalten im Unterricht, sondern für inhaltliche Anpassung und Gehorsam. Jeder muss sich auf der Skala von eins bis sechs einordnen lassen. Auch das Arbeitsamt bietet nur ein Spektrum an Berufen, für die man sich anpassen und verbiegen muss. Die Welt wird so empfunden, dass die anderen uns sagen, zu welcher Kategorie wir gehören, was für uns richtig ist und was wir an Geld dafür erwarten dürfen. Es verwundert daher nicht, dass sich immer mehr Menschen fragen, welche Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten sie in sich tragen und wie wohl ihr Traumjob und ihr Traumleben aussehen würde, wenn sie eine zweite Chance im Leben bekämen. Sie suchen nach Selbstverwirklichung und nach Methoden, diese Entwicklungsmöglichkeiten systematisch herausfinden zu können. Sie sind somit auch unbewusst auf der Suche nach ihrem Selbstwertgefühl. Auch dies ist ein „angeborener Trieb“, der in einem bestimmten Lebensalter mehr oder weniger stark von alleine anspringt. Spirituelle Selbstfindungsgruppen bieten Kurse und Coaching an, um sich selbst zu verwirklichen und als Mensch unter Menschen weiter zu kommen. Ziel ist nicht immer der „Übermensch“, aber wenigstens ein kleiner Schritt in die richtige, in die eigene, selbstbestimmte Richtung.

Das letzte große Thema ist das Spirituelle selbst. Eine spirituell-fragende Lebensphase tritt bei vielen Menschen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf. Auch dies ist ein Teil unserer „natürlichen“ Suche nach Erkenntnis (Spiritualität – nicht aber Religion!). Jeder, der seinen Verstand gebraucht, muss sich früher oder später der Frage stellen, ob nicht noch etwas „dahinter“ ist. Unser Verstand ist in der Evolution darauf selektiert worden, nach Ursache und Wirkung zu fragen. Ob die Antworten allerdings religiös, agnostisch oder atheistisch ausfallen, hat etwas mit der Anzahl von Informationen zu tun, die uns zur Verfügung stehen, sowie mit unserer individuellen Gewichtung des Informationsgehaltes. Kurz: Es ist eine Frage unserer Erziehung und des Mutes, selbstständig zu denken, ob wir später glauben müssen, zweifeln dürfen oder wissen können. Aber wer hilft uns, in diesen Lebensphasen die richtigen Fragen zu stellen, damit wir unsere persönlichen Antworten finden und nicht die Antworten anderer übernehmen müssen?

Was können Atheisten bieten?

Ist dies nun ein Lobgesang auf Psycho-Sekten und ihre Dienstleistungen? Definitiv nein! Aber: Unsere seit Millionen von Jahren andauernde Evolution hat ihre Spuren hinterlassen. Und mit jeder neuen Generation tauchen immer wieder die archischen Egoismen auf, die zu Konflikten mit den Artgenossen führen. Streitigkeiten, die unsere Psyche verletzen und beschädigen. Und für diese psychischen Wunden aus Erziehung und Sozialisation suchen wir Lösungen, weil unsere Umwelt es nie zugelassen hat, dass wir uns so entwickelten, wie wir es wollten.

Religionsgemeinschaften wissen dies und nutzen dies für ihre Ziele. Sie versprechen utopische Paradiese für unsere Psyche. Aber sie geben uns keine Methoden an die Hand, mit denen wir uns selbst befreien können, sondern nur ihre willkürliche Gnade. Psycho-Sekten verkaufen mehr oder weniger nachvollziehbare Methoden. Dies aber gegen harte Währung, über lange Zeiträume und durchaus in dem Wissen, dass sie ihre Mitglieder so an sich binden.

Die Fragen sollten am Ende also lauten: Was bieten Konfessionslose, Humanisten und Atheisten an Programmen an, um Menschen bei der Suche nach sich selber zu helfen und zu unterstützen? Was können wir tun, um den „Affen“ in uns zu erkennen und zu bändigen? Was geben Atheisten an spirituellen Antworten, um die „natürliche“ spirituelle Individualentwicklungsphase zu überwinden8 und nicht zu verleugnen? Die große blasphemische Frage lautet daher tatsächlich, was wir von den Psycho-Sekten9 lernen können, um anderen Menschen zu helfen?


Anmerkungen:
1  Dieser Titel kann sowohl als Warnung vor einer Mitgliedschaft als auch als Kampfansage gegen die Organisation Scientology verstanden werden.
2  ARD: Pressekonferenz zum Film: http:// www.you-tube.com/watch?v=43907QBTwhU&feature=related
3  NDR, ZAPP: http://www.youtube.com/watch?v =l4zK-hOvU5g
4  Shunyo, Ma Prem: Diamanten auf dem Weg. Himberg 1998.
5  Buggle, Franz: Denn sie wissen nicht, was sie glauben oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Aschaffenburg 2004.
6  Palmer, Helen: Das Enneagramm. München 1991.
7  Zum Beispiel das Osho Uta in Köln: http://www.oshouta.de.
8  Osho: Der Gott, den es nicht gibt. Westliche Religion und die Lüge von Gott. Berlin 2005.
9  Der Begriff Psycho-Sekte wird in der Regel diffamierend verwendet. Dies soll er hier nicht sein. In diesem Artikel wird er verwendet, um eine Grenze zu anderen Glaubensgemeinschaften und den etablierten Kirchen deutlich zu machen. In diesem Sinne ist er durchaus positiv zu verstehen.  


Artikel aus MIZ 2/10




Bibliographie

MIZ 2/10

http://www.miz-online.de/node/275


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-