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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Hagen, Peter - OTZ ab 01.09.2017 / Mysteriöse Vorgänge in der Ottermühle bei Liebschütz im Saale-Orla-Kreis / 17.01.2019. - 16:32 / PUBLIC / Druck beenden


Mysteriöse Vorgänge in der Ottermühle enden mit Razzia: Prozessauftakt gegen Nervenärztin

 
 
 
Mysteriöse Vorgänge in der Ottermühle bei Liebschütz im Saale-Orla-Kreis enden im Oktober vergangenen Jahres mit einer Polizeirazzia

01. September 2017 / 12:20 Uhr

 
Die Ottermühle bei Liebschütz. Was sich hinter den Wänden abspielte, wird jetzt am Landgericht Gera aufgearbeitet. Foto: Peter Hagen

Die Ottermühle bei Liebschütz. Was sich hinter den Wänden abspielte, wird jetzt am Landgericht Gera aufgearbeitet. Foto: Peter Hagen

 

Liebschütz. Man bezeichnete sich als „Mutterland-Gemeinschaft in der Ottermühle“ und lebte gemeinsam aus der „Kraft der Kreise“. Spirituelle Spinnereien geisterten bis Oktober vergangenen Jahres durch jenes Haus, das in seiner Geschichte mal als Wohnobjekt, mal als Gaststätte und Pension diente. Zuletzt war die Ottermühle das Heim für – vorsichtig ausgedrückt – mysteriöse Gestalten.

Die beiden offensichtlich führenden Kräfte nannten sich „Rakuna“ und „Anomatey“ und bezeichneten sich selbst als „Sufi-Priesterinnen für die Frauen-Mysterien“. Der Sufismus gilt als eine mystische Richtung des Islams. „Rakuna“ war im bürgerlichen Leben eine promovierte Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Derzeit ist sie Haftinsassin. Die 59-Jährige steht im Verdacht des erpresserischen Menschenraubes sowie weiterer schwerer Straftaten. Am kommenden Montag beginnt am Landgericht Gera der Prozess.*

Die Staatsanwaltschaft wird einige Zeit brauchen, um die Anklageschrift zu verlesen. Demnach wird der Ärztin vorgeworfen, dass sie bewusst einen 83-jährigen Mann aus Ludwigshafen in ihr Anwesen gelockt habe. Ihr sei bekannt gewesen, dass der Mann über erhebliche Geldmittel verfügt und sich aufgrund seiner vorrangig altersbedingten Lebensuntüchtigkeit sowie einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung schwer in einer fremden Umgebung zu Fuß zurecht finden würde. Von dem Mann lebten bereits die Tochter und Enkel in der spirituellen Gemeinschaft der Ottermühle.

 

Nachdem der Mann mit seiner Ehefrau aus Ludwigshafen angereist war, äußerte wohl die Tochter in einem der mindestens einmal täglich stattfindenden Gesprächskreise, dass sie vom Vater sexuell missbraucht worden sei. Inzwischen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Tatvorwurf – von dem sich die Tochter später ausdrücklich distanziert habe und dessen Wahrheitsgehalt als höchst unsicher galt – durch die Angeklagte in Form einer intensiven Befassung der gesamten Wohngemeinschaft mit der Thematik des sexuellen Missbrauchs hervorgerufen worden war. Dazu gehörten das Anschauen einschlägiger Filme sowie der Einsatz einer deutlich suggestiven Fragetechnik.

Am 11. Juni 2016 sollen der Ludwigshafener und dessen Frau den Wunsch geäußert haben, das Anwesen wieder zu verlassen. Daraufhin seien ihm Geld- und EC-Karten, Schlüssel und ein Mobiltelefon abgenommen worden.

Androhung von Rufmord

Gegenüber dem Ludwigshafener sei zudem durch die Angeklagte damit gedroht worden, das gesamte soziale Umfeld über dessen angeblichen sexuellen Verfehlungen zu informieren, falls er die Ottermühle verlassen sollte. Zum Monatsende hin soll die Angeklagte den Mann intensiv dazu aufgefordert haben, die ihm vorgeworfenen sexuellen Missbrauchshandlungen zu gestehen. Er müsse ein neuer Mensch werden und dies beinhalte, dass er sich durch die Frau therapieren lasse, so die Argumentation. Dazu gehöre, vor laufender Videokamera ein Geständnis abzulegen und den vorgeblichen Missbrauchsopfern umfangreiche Geldbeträge als Kompensation für das angeblich zugefügte Leid zur Verfügung zu stellen.

Es folgten bis zum Oktober offenbar die üblichen Gesprächskreise, bei denen es zu körperlichen Übergriffen auf den 83-jährigen Mann gekommen sein soll. Um endlich in seine Wohnung nach Ludwigshafen zurückkehren zu können, soll der Mann schließlich ihm vorgelegte Erklärungen zur Überlassung seiner Vermögenswerte an die in der Ottermühle wohnenden Tochter und Enkel unterzeichnet haben. Trotzdem sei ihm die Möglichkeit der Abreise weiterhin verwehrt worden, vielmehr seien ständig neue Tatvorwürfe aufgetaucht, die er ebenfalls einräumen sollte. Erst ein Polizeieinsatz am 27. Oktober setzte dem Treiben ein Ende.

Laut Anklage soll die Ärztin zwischenzeitlich im August mit dem entwendeten Schlüssel und in Begleitung von Tochter und einer Enkelin die Ludwigshafener Wohnung aufgesucht und dort Bargeld in Höhe von 45 000 Euro sowie Edelmetalle im Wert von 23 900 Euro an sich genommen haben.

Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge gibt es noch ein weiteres Opfer der Angeklagten. Am 9. Oktober war in der Ottermühle ein Mann aufgetaucht, der seine von ihm geschiedene Frau besuchen wollte. Es handelte sich hierbei um die Tochter des Ludwigshafeners. Einem gemeinsamen Tatplan folgend soll sich die Angeklagte zusammen mit anderen Personen auf den Mann gestürzt und diesen mit Gurten und Seilen an einen Stuhl gefesselt haben. Hierbei habe der Mann eine leicht blutende Wunde am Nasenrücken erlitten. Auch ihn soll die Nervenärztin aufgefordert haben, Taten des sexuellen Missbrauchs zu gestehen. Anschließend soll sie unter Androhung weiterer Schläge gemeinsam mit anderen Personen den Mann zur Herausgabe des Autoschlüssels und Mobiltelefons gezwungen haben.

Im Gegensatz zu dem 83-jährigen mutmaßlichen Opfer ließ sich der Mann jedoch wohl nicht auf die „Aufarbeitung“ der ihm vorgeworfenen angeblichen Sexualstraftaten ein und leistete laut Ermittlungsakten mentalen Widerstand. Auch er kam nach einem Polizeieinsatz frei.

Peter Hagen / 01.09.17
Z0R0132612537

Prozessauftakt gegen Nervenärztin: Was geschah wirklich in der Ottermühle?

 
 
Ab Montag steht in Gera die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. vor Gericht. Vorgeworfen werden ihr Freiheitsberaubung, Nötigung und Diebstahl. Ihr Umfeld weist dies zurück.
01. September 2017 / 05:01 Uhr
 
Die Ottermühle bei Liebschütz in Ostthüringen. Auf dem Anwesen sollen Menschen gegen ihren Willen festgehalten, zu falschen Geständnissen gezwungen und bestohlen worden sein. Die Hausbewohner stellen dies jedoch ganz anders dar. Ab Montag werden die Ereignisse vor dem Geraer Landgericht verhandelt. Foto: Hanno Müller
Die Ottermühle bei Liebschütz in Ostthüringen. Auf dem Anwesen sollen Menschen gegen ihren Willen festgehalten, zu falschen Geständnissen gezwungen und bestohlen worden sein. Die Hausbewohner stellen dies jedoch ganz anders dar. Ab Montag werden die Ereignisse vor dem Geraer Landgericht verhandelt. Foto: Hanno Müller
 

Die Vorwürfe der Anklage wiegen schwer: Danach werden der Beschuldigten erpresserischer Menschenraub in Tateinheit mit Geiselnahme und Nötigung sowie gemeinschaftlicher Diebstahl und gemeinschaftliche Freiheitsberaubung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und übler Nachrede zur Last gelegt. Es drohen 5 bis 15 Jahre Haft.

Bei der Angeklagten handelt es sich um Kerstin S., Psychiaterin und DDR-Bürgerrechtlerin. Zu DDR-Zeiten war sie einer der Köpfe der oppositionellen Frauenbewegung. Sie hat Frauenzentren initiiert und sich in der Bewegung „Frauen für Veränderung“ engagiert. Anfang Dezember 1989 besetzte sie mit anderen Mutigen in Erfurt erstmals eine Bezirks-Stasizentrale, um die Vernichtung der Akten zu verhindern. Ebenfalls machte sie mit anderen als eine der Ersten nach der Wende den vielfach vertuschten sexuellen Missbrauch von Frauen und Mädchen in der DDR öffentlich.

Wird S. ihr Engagement jetzt zum Verhängnis? Die Ärztin gilt als streitbar, unbequem, als jemand, der sagt, was er denkt und dabei auch die Konfrontation mit Freunden nicht scheut. Seit Jahren legt sie sich mit Gerichten wegen zu zögerlicher Entschädigung von SED-Opfern an. Könnten sie ihr Eifer und der gelegentlich unterstellte Hang zur Übertreibung tatsächlich dazu gebracht haben, rechtliche Grenzen zu überschreiten? Rechtfertigen die Vorwürfe die neunmonatige Untersuchungshaft, die S. seit dem 15. Dezember 2016 in Chemnitz absitzt?

 

Für Freunde und Wegbegleiter ist all dies schwer vorstellbar. Verteidigung und persönliches Umfeld der Angeklagten erzählen einen anderen Ablauf der Ereignisse. Sie werfen der Staatsanwaltschaft vor, sie ermittle einseitig gegen S., ohne die tatsächlichen Vorgänge und Beteiligten gebührend zu berücksichtigen. Beide Versionen sollen hier dargestellt werden. Herauszufinden, welche von ihnen richtig ist, ist ab Montag Aufgabe des Geraer Landgerichtes.

Selbstverständlich gelte auch bei diesem Fall der Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagte“, versichert die Sprecherin des Geraer Landgerichts, Kerstin Böttcher-Grewe. Auf Nachfrage erläutert sie Details der Anklage: „Demnach wollten ein älterer Herr und seine Ehefrau, beide Jahrgang 1934, ihre auf dem Anwesen namens Ottermühle in einer Art Wohngemeinschaft mit Frau S. lebende Tochter und Enkel besuchen. Als die alten Leute die Mühle verlassen wollten, wurden sie daran gehindert.“ Laut Gerichtssprecherin seien den Besuchern EC-Karte und Handy abgenommen worden. „Des weiteren wurde dem älteren Herren vorgeworfen, er hätte zu einem nicht näher benannten Zeitpunkt seine Tochter sexuell missbraucht, und damit gedroht, dies öffentlich zu machen. Das soll im Rahmen von therapeutischen Sitzungen stattgefunden haben“, so Böttcher-Grewe weiter. Um das Unrecht wieder gutzumachen, sollte der Senior laut Anklage Geld an seine Tochter und seine Enkel übergeben und dafür eine Abtretungserklärung über sein Vermögen unterschreiben. Böttcher-Grewe: „Weil er so eingeschüchtert war, hat er das auch gemacht. Im August 2016 soll die Angeklagte mit den Enkeln des älteren Herrn nach L. gefahren sein und aus der Wohnung 45 000 Euro Bargeld und Edelmetalle über 23 900 Euro mitgenommen haben.“

Am 19. Oktober 2016, so die Gerichtssprecherin weiter, sei auch der geschiedene Ex-Ehemann der Frau und Vater der Kinder zu Besuch gekommen sein. „Er soll überwältigt, auf einen Stuhl gefesselt und geschlagen worden sein. Und auch ihm gegenüber soll der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erhoben worden sein, verbunden mit der Aufforderung zu gestehen, was er nicht tat. Laut Anklageschrift wurde er deshalb weiter festgehalten. Am 27. Oktober gab es dann einen Polizeieinsatz. Bei diesem Polizeieinsatz wurden das ältere Ehepaar und der jüngere Mann befreit.“

Welche Rolle hat Kerstin S. bei alledem wirklich gespielt? Kann es sein, dass sie die beiden Alten festhielt, ihnen persönliche Dinge abnahm und sie so am Weggehen hinderte? Handelt es sich hier um ein krasses Beispiel von Selbstjustiz? Ist ihr bekanntes Bemühen, Täter und Opfer aller Art zusammenzubringen und in Gesprächen zu versöhnen, aus dem Ruder gelaufen? Oder war alles ganz anders? Obwohl in der Anklage laut Gerichtssprecherin von gemeinschaftlichen Taten die Rede ist, geht es beim Prozess in Gera nur um S.. Zu weiteren Tatbeteiligten geben weder Staatsanwaltschaft noch Landgericht Auskunft. Auf die schriftliche Nachfrage unserer Zeitung zu der Redaktion vorliegenden Hinwei-sen auf weitere Anzeigen gegen die Frau, ihre Kinder oder die beteiligten Männer, verweist der Sprecher der Geraer Staatsanwaltschaft, Steffen Flieger, auf die Staatsanwaltschaft Rottweil. „Eine Vielzahl der gegen verschiedene Personen erstatteten Anzeigen beschäftigen die Staatsanwaltschaft Rottweil. Sofern hier Anzeigen erstattet worden sind, wurden die Verfahren an die Staatsanwaltschaft Rottweil abgegeben“, so Flieger.

Für die Lebensgefährtin von S., die mit ihr in der Ottermühle lebt und die beim Prozess als Zeugin geladen ist, sind die Vorwürfe unvorstellbare und haltlose Anschuldigungen. Sabine F. erzählt eine ganz andere Geschichte, eine vom Missbrauch der Frau und ihrer Kinder durch mehrere Täter, der beim Aufenthalt in der Ottermühle zur Sprache kam, von reuigen Großeltern, die Unrecht wieder gut machen wollten, die dann aber umkippten und sich nun mit ihrer Anzeige aus der Affäre zu ziehen versuchen. Aus dieser Sicht war die spätere Überwältigung und Fixierung des Ex-Ehemannes ein Akt der Notwehr der Hausbewohner. Ohnehin habe man selbst zum eigenen Schutz die Polizei gerufen.

Könnten, müssten diese Angaben Kerstin S. nicht vor Gericht entlasten? Gerichtssprecherin Böttcher-Grewe sagt, man habe keinen Beleg für Vergewaltigungen oder sexuellen Missbrauch in der Vergangenheit. In welcher Form und ob überhaupt solchen Missbrauchs-Vorwürfen nachgegangen wurde, gehe aus der ihr vorliegenden Anklageschrift nicht hervor.

Trotzdem soll die Vorgeschichte hier auch aus der Sicht der Beklagten wiedergegeben werden. Nicht nur, weil sie Teil der Ereignisse ist. Ein Großteil dessen, was die Anklage als therapeutische Sitzungen bezeichnet, ist nämlich in Videoaufzeichnungen von vielen Stunden Länge dokumentiert. Aufzeichnungen, die nicht von S., sondern von der Frau und ihren Kindern veranlasst worden sein sollen. In diesen Filmmitschnitten seien sowohl schreckliche Erinnerungen an Gewalt und Missbrauch als auch die Reue des Großvaters festgehalten, versichert die Verteidigung. Die Landgerichtssprecherin bestätigt, dass umfangreiches Videomaterial beschlagnahmt wurde. Ob und wie es in den Prozess einfließt, lässt sie offen.

Kehren wir also zurück zu den Anfängen der Geschichte in der Ottermühle, nun aus der Sicht des Umfeldes von Kerstin S.. Vor sechs Jahren sind S. und F. hier eingezogen. Nach Jahren im Ausland wollen sie den Traum von einer einfachen Lebensgemeinschaft mit Gleichgesinnten umsetzen. Ihr Anwesen nennen sie Mutterland, es soll offen sein für alle Menschen. Bei der Übernahme ist die Mühle in beklagenswertem Zustand. Viele Eigenleistungen sind nötig. Die meisten Mitstreiter bleiben nicht lange. Die Anforderungen des Lebens als Selbstversorger sind hart.

2015 hätte die Frau um Aufnahme in die Gemeinschaft gebeten, wenig später seien ihre 24-jährige Tochter und der 26-jährige Sohn dazugekommen. Man wohnt getrennt, trifft sich aber zum gemeinsamen Leben im Hauptgebäude. Schnell seien dabei Spannungen in der Familie spürbar gewesen. Das Angebot der gelernten Therapeuten S. und F., darüber zu reden, sei schließlich angenommen worden. Frühzeitig sei auf Wunsch der Familie während der Gesprächskreise eine Kamera mitgelaufen. Anfangs geht es um Unausgesprochenes zwischen Mutter und Kindern. Die Mutter sei vor der Scheidung mehrfach vom Ehemann bzw. Vater verlassen worden, mit den Kindern habe niemand geredet. In den Gesprächen wirft man sich gegenseitig Verletzungen und Vernachlässigung vor.

Dann sei der in der Anklage erwähnte ältere Herr, der Vater und Großvater der Familie, zu Besuch gekommen. Und freiwillig geblieben, wie F. versichert. Auf ihn habe die Frau aggressiv reagiert. In den Gesprächen seien jetzt zunehmend verdrängte sexuelle Übergriffe zur Sprache gekommen, die der Großvater schließlich, nicht selten unter Tränen, eingeräumt habe. Betroffen seien nicht nur die Mutter, sondern auch ihre Kinder gewesen. Die Kamera habe all dies aufgezeichnet. Daraus sei dann auch die Bereitschaft des Alten zur finanziellen Wiedergutmachung erwachsen. Die Frau habe ihrerseits 15.000 Euro für die Erhaltung des Anwesens zur Verfügung gestellt, ganz im Sinn des Gemeinschaftsgedankens im Mutterland.

Auch die in der Anklage angeführte Freiheitsberaubung des Ex-Ehemanns stellt sich aus Sicht der Beschuldigten anders dar. Der Fixierung auf einem Stuhl seien Handgreiflichkeiten zwischen ihm und dem Sohn vorausgegangen, nach dem Letzter seinem Vater eine Anzeige wegen sexueller Übergriffe in der Vergangenheit offenbart habe.  Erst nach dem Eingreifen der von Kerstin S. alarmierten Polizei hätten die beiden Alten und deren Schwiegersohn ihre Vorwürfe der Freiheitsberaubung und Fremdbestimmung gegen Kerstin S. erhoben. Und auch die Mutter sei nunmehr völlig unvermittelt von ihren bisherigen Angaben abgerückt und in ein Frauenhaus umgezogen.

Was also ist wahr, was falsch? Dem Vernehmen nach werden Großvater und Ex-Mann inzwischen von der False Memory-Bewegung unterstützt, einem Verein von nicht näher genannten Privatpersonen, die sich gegen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch infolge von Therapien stark machen.

Für den Augsburger Strafverteidiger Thomas Galli, einer von drei Rechtsbeiständen, die S. in Gera vertreten werden, wird es beim Prozess deshalb auch um die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe gehen. Galli ist in der Öffentlichkeit kein Unbekannter. Er war Gefängnisdirektor in Sachsen und macht in Büchern, Interviews und Talkshows keinen Hehl aus seiner Kritik am bestehenden Rechts- und Strafsystem. Der Jurist hat sich nicht nur die gut 20 Ordner mit Ermittlungsakten, sondern auch die Videos angeschaut. Die dokumentierten Entwicklungen seien eindeutig und dürften vom Gericht nicht ignoriert werden. Vor diesem Hintergrund hält Galli sowohl die lange Untersuchungshaft gegen S. als auch die Vorwürfe der Anklage für völlig unangemessen und überzogen. „Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ich erwarte einen Freispruch“, sagt der Augsburger bestimmt.

Mit einem Urteil ist nicht vor November zu rechnen. Angesetzt seien vorerst 18 Verhandlungstage, zu denen 39 Zeugen geladen wurden, sagt Gerichtssprecherin Böttcher-Grewe.

Die beiden Alten sind in ihre Wohnung zurückgekehrt. Vor Gericht werden sie Ende September aussagen. Zum Prozessinhalt will sich der 83-Jährige nicht äußern. Er hoffe, dass seine Gesundheit wieder in Ordnung kommt. Seit der Zeit in der Ottermühle gehe es ihm nicht gut.

Hanno Müller / 01.09.17

Strafprozess: Ärztin wehrt sich gegen Misshandlungsvorwürfe

 
 
Hat eine 59 Jahre alte Neurologin einen Rentner gequält und zu falschen Geständnissen gedrängt? Das will das Landgericht Gera herausfinden.
04. September 2017 / 18:49 Uhr
 
In einer von ihrer Anwältin verlesenen Erklärung weist die Angeklagte die Vorwürfe zurück. Symbolfoto: Tino Zippel
In einer von ihrer Anwältin verlesenen Erklärung weist die Angeklagte die Vorwürfe zurück. Symbolfoto: Tino Zippel
 

Gera. Es sind bizarre Vorwürfe, die Staatsanwalt Arnd Knoblauch am Montag im Landgericht Gera vorträgt. Zugetragen haben soll sich fast alles in der Wohngemeinschaft einer 59 Jahre alten Medizinerin im thüringischen Remptendorf. Dort soll die promovierte Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie ein Rentnerehepaar im vergangenen Jahr über Monate festgehalten und vor allem den damals 82 Jahre alten Mann misshandelt und drangsaliert haben.

Angeblich hatte der Mann seine Tochter und vielleicht auch seine Enkel, die in der Gemeinschaft lebten, früher sexuell missbraucht und sollte nun von der Ärztin „therapiert“ werden. Ziel: Der an Alzheimer leidende und gehbehinderte Mann sollte ein „neuer Mensch“ werden.

Im Verlauf der Therapie sei das Opfer geschlagen worden, habe sich Filme sexuellen Missbrauchs ansehen müssen und es sei ihm damit gedroht worden, in seinem sozialen Umfeld als Vergewaltiger dargestellt zu werden. So schilderte es der Staatsanwalt zu Beginn des Prozesses gegen die Ärztin.

 

Um das Leid seiner Opfer zu kompensieren, habe der Mann unterschreiben müssen, dass er ihnen sein Vermögen überlässt. Um an Bargeld und Edelmetalle im Wert von mehr als 70.000 Euro zu kommen, soll die Angeklagte mit anderen in die Wohnung des Mannes eingedrungen sein, nachdem sie ihm den Schlüssel dazu entwendet hatte.

In einer von ihrer Anwältin verlesenen Erklärung weist die Angeklagte die Vorwürfe zurück. „Das Bild, das die Anklage zeichnet, ist vernichtend“, sagt Rechtsanwältin Stefanie Burgold. Niemals sei die Ärztin so manipulativ und gefühlskalt gewesen, wie sie beschrieben worden sei. Die Anwältin entwirft vor Gericht ein ganz anderes Bild ihrer Mandantin: In der DDR von der Stasi verfolgt, habe sie sich nach der Wende für die Opfer des Spitzelapparats eingesetzt. Dafür sei sie sogar mit der Ehrenmedaille der Stadt Erfurt ausgezeichnet worden.

„Es sitzt die falsche Person hier auf der Anklagebank“, sagt Burgold. Die von der Staatsanwaltschaft behauptete Geiselnahme, eine Erpressung oder Freiheitsberaubung sowie Körperverletzungen habe es niemals gegeben.

Der Prozess war am Vormittag nur zäh in Gang gekommen. Die Verteidigung der Ärztin rügte mit Erfolg die Besetzung der Strafkammer. Denn ein ursprünglich vorgesehener Schöffe war wegen Verhinderung durch eine Schöffin ersetzt worden. Allerdings war der Grund der Verhinderung in den Akten nicht dokumentiert, was zunächst zum Abbruch der Verhandlung führte. Das Gericht besorgte dann aber eine zweite Ersatzschöffin, die von den Anwälten zwar ebenfalls abgelehnt wurde. Doch diesmal wies das Gericht die Besetzungsrüge ab. Zäh dürfte sich der Prozess auch in den kommenden Wochen entwickeln. Bis Ende November sind fast 40 Zeugen geladen.

Geiselnahme-Prozess gegen Ärztin geplatzt

Thüringer Ärztin wegen Menschenraub und Geiselnahme vor Gericht

Mysteriöse Vorgänge in der Ottermühle enden mit Razzia: Prozessauftakt gegen Nervenärztin

dpa / 04.09.17

Angeklagte: Vorwürfe zeichnen Zerrbild

 
Zum Auftakt des Prozesses vor dem Geraer Landgerichtes gegen die Ärztin Kerstin S. hat die Angeklagte die gegen sie erhobenen Vorwürfe, sie habe Menschen berechnend, gefühlskalt und manipulativ ihrer Freiheit, ihres Vermögens und ihrer Würde beraubt, bestritten.
05. September 2017 / 03:12 Uhr
 
Eine Justizvollzugsbeamtin löst die Handfesseln der Angeklagten Kerstin S. vor dem Prozessbeginn. Foto: Jan Woitas, dpa
Eine Justizvollzugsbeamtin löst die Handfesseln der Angeklagten Kerstin S. vor dem Prozessbeginn. Foto: Jan Woitas, dpa
 

Gera. Zum Auftakt des Prozesses vor der 11. Strafkammer des Geraer Landgerichtes gegen die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. hat die Angeklagte am Montag die gegen sie erhobenen Vorwürfe, sie habe Menschen berechnend, gefühlskalt und manipulativ ihrer Freiheit, ihres Vermögens und ihrer Würde beraubt, bestritten. Laut einer von der Verteidigung am Nachmittag vorgelesenen persönlichen Erklärung von S. werde ein vernichtendes Zerrbild gezeichnet, dass mit ihr, der Angeklagten, nichts zu tun habe. Vielmehr habe sie sich als Frauen- und Bürgerrechtlerin zeitlebens für die Opfer von Gewalt eingesetzt.

Die Erklärung von S. setzte am Montag den Schlusspunkt unter einen turbulenten Prozessauftakt, zu dem auch viele Weggefährten von S. gekommen waren. Wegen einer sogenannten Besetzungsrüge der Verteidigung gegen die Zusammensetzung des Gerichtes war das Verfahren am Vormittag unmittelbar nach der Verlesung der Anklage mehrfach für Beratungen sowohl der Richter als auch der Verteidiger unterbrochen worden. Die Rechtsbeistände von S. machten Formfehler bei der Entbindung und Neubesetzung eines der zwei Schöffen geltend. Die Richter gaben dem zunächst statt und setzten für den Nachmittag einen erneuten Prozessbeginn mit erneuter Anklageverlesung an. Eine weitere Besetzungsrüge gegen eine für den Nachmittag wiederum neu berufene Schöffin wies das Gericht als unbegründet zurück.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft soll Kerstin S. ein älteres Ehepaar und deren Schwiegersohn in ihrem Anwesen Ottermühle gefangen gehalten, geschlagen und in Therapiesitzungen zu falschen Geständnissen genötigt haben. Die Taten habe sie gemeinschaftlich mit der Tochter der beiden Alten und deren Kindern begangen, die seit 2015 mit in der Mühle lebten. Hintergrund seien nicht bewiesene Missbrauchsvorwürfe sowohl gegen den Großvater als auch gegen den Ex-Ehemann, welche die Angeklagte der Frau und ihren Kindern in den Gesprächskreisen manipulativ suggeriert haben soll. Auch habe sie die beiden Alten zur Wiedergutmachung gedrängt und mit Mutter und Tochter Bargeld und Wertsachen aus der Wohnung der alten Leute geholt. Mehrfach ist in der Anklage von vorsätzlichen Tatplänen die Rede, die umgesetzt wurden.

 

Nach Darstellung der Angeklagten hätten die Beteiligten dagegen freiwillig in der Mühle gelebt. Erst nach Wochen seien die Missbrauchsvorwürfe gegen den Großvater, den Ex-Ehemann sowie Dritte zur Sprache gekommen. Die Familie habe vorgehabt, diese mit dem Ziel der Versöhnung selbst aufzuarbeiten. Dass sowohl das ältere Ehepaar als auch deren Tochter dazu inzwischen ein konträres Bild zeichneten, liege daran, dass sie sich dem Kreis der organisierten Gewalt, die sie nicht zuletzt in Videoaufnahmen von den Sitzungen eindrucksvoll geschildert hätten, letztlich nicht hätten entziehen können.

Einen möglichen Beleg für diese Angaben sieht die Verteidigung in mehreren Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs, die im Zuge der Ereignisse in der Ottermühle erstattet wurden. Staatsanwalt Arnd Knoblauch sagte dazu, diese seien aber nicht in Gera, sondern in Rottweil anhängig, Ermittlungsergebnisse lägen ihm nicht vor.

Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt der Sprecher der Rottweiler Staatsanwaltschaft, Frank Grundke, dass ihm die Namen des Personenkreises aus der Ottermühle bekannt sind. Der Staatsanwaltschaft Rottweil lägen sieben Anzeigen zu Sexualdelikten gegen sieben Männer vor, diese seien im Herbst 2016 unter anderem in Kaiserslautern, Stuttgart und Gera erstattet worden. Man habe sie in Rottweil zusammengezogen und der Polizei zur Ermittlung übergeben. Es gehe nahezu um das gesamte Spektrum an Sexualdelikten aus dem Strafgesetzbuch, darunter sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Da es sich um Offizialdelikte handele, könnten die Anzeigen nicht zurückgezogen werden.

Den schleppenden Fortgang der Ermittlungen erklärt Grundke damit, dass Zeugen nicht auffindbar oder vernehmbar gewesen seien, auch habe man es bei Sexualdelikten oft mit Traumatisierungen zu tun. Nach Rücksprache mit der Polizei zeichne sich aber ab, dass fehlende Aussagen nunmehr beigebracht und die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft erneut zur Entscheidung vorgelegt würden.

Die Nachfrage der Verteidigung von S., ob das Geraer Landgericht vorhabe, die Akten beizuziehen, verneinte die Vorsitzende Richterin Andrea Höfs gestern, man werde aber gern eine entsprechende Anregung der Verteidigung prüfen. Nach Ansicht der Verteidiger lassen die Ermittlungen möglicherweise wichtige Rückschlüsse über die Glaubwürdigkeit sowohl der Zeugen der Anklage als auch ihrer Mandantin Kerstin S. zu.

Zeugen waren am Montag noch nicht geladen. Der Prozess soll am 21. September mit der Befragung des älteren Ehepaares fortgesetzt werden. Vorher müsse jedoch geprüft werden, ob der ältere Herr, der laut Anklage unter einem frühen Stadium einer Alzheimer-Erkrankung leidet, vernehmungsfähig ist.

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Hanno Müller / 05.09.17

Prozess gegen Thüringer Ärztin: Anwalt spricht von Gehirnwäsche

Vor dem Geraer Landgericht wurde gestern der Prozess gegen die Erfurter Psychiaterin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Kerstin S. mit der Befragung der ersten Hauptzeugen fortgesetzt.
22. September 2017 / 03:07 Uhr
 
Zwei der Hauptzeugen der Anklage im Prozess gegen die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. betreten in Begleitung einer Vertreterin des Weißen Ringes (Bildmitte) den Gerichtssaal im Geraer Landgericht. Foto: Hanno Müller
Zwei der Hauptzeugen der Anklage im Prozess gegen die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. betreten in Begleitung einer Vertreterin des Weißen Ringes (Bildmitte) den Gerichtssaal im Geraer Landgericht. Foto: Hanno Müller
 

Gera. Vor dem Geraer Landgericht wurde am Donnerstag der Prozess gegen die Erfurter Psychiaterin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Kerstin S. mit der Befragung der ersten Hauptzeugen fortgesetzt.

Die Anklage wirft S. vor, über mehrere Monate das ältere Ehepaar Manfred und Martha. K. in ihrem Anwesen Ottermühle in Ostthüringen gemeinsam mit deren Tochter und Enkeln festgehalten, bestohlen und zu Geständnissen von sexuellen Übergriffen gezwungen zu haben.

Befragt wurden am Donnerstag erstmals der 83-jährige Mann und seine 82-jährige Frau. Beide treten im Prozess als Nebenkläger auf. Eingangs der Vernehmung wies die Vorsitzende Richterin Andrea Höfs darauf hin, dass gegen Ersteren wegen der Vorwürfe derzeit noch ein Ermittlungsverfahren läuft. Ausführlich belehrte sie beide Zeugen über ihr Recht, belastende Angaben gegen sich oder Familienmitglieder zu verweigern. Beide bestanden jedoch auf einer Aussage.

In ihren weitgehend übereinstimmenden Antworten stützen die beiden Alten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. So beschrieben sie ein Klima der ständigen Angst und Bedrohung, das in der Ottermühle gegen sie geherrscht habe. Für den Fall, dass sie die Mühle verlassen würden, sei ihnen angedroht worden, man werde den sexuellen Missbrauch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld öffentlich bekannt machen. Unter ständigen Beschimpfungen sollten sie sich an ihre Untaten erinnern und bereuen. Zudem hätten Tochter und Enkel einen Safe mit Bargeld aus der Wohnung der beiden Alten geholt, welche Rolle Kerstin S. dabei spielte, blieb unklar. Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Manfred K. wiesen beide Zeugen zurück, die Verantwortung dafür sahen sie in der Beeinflussung ihrer Angehörigen durch die Angeklagte. Zur Tochter habe man inzwischen wieder ein gutes Ver­hältnis. Offen blieb gestern, ob das Gericht die Angaben des alten Herren verwerten kann und wird. Man habe bei ihm eine beginnende Demenz diagnostiziert, räumte der 83-Jährige vor Gericht ein. Selbst im Gerichtssaal kam es gelegentlich zu Aussetzern und Gedächtnislücken. Nach der Befreiung aus der Ottermühle sei er mehrere Wochen in einer Tagesklinik behandelt worden. Der Vertreter der Nebenklage wurde aufgefordert, dem Gericht aktuelle ärztliche Atteste über den Gesundheitszustand vorzulegen.

Völlig gegensätzlich dazu die Darstellung der Angeklagten, die gestern – wie schon beim Prozessauftakt – einmal mehr eine Erklärung mit ihrer Sicht der Dinge verlesen ließ. Danach waren die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in freiwilligen Gesprächskreisen zur Sprache gekommen und alle Beteiligten an einer innerfamiliären Aufarbeitung interessiert. Dokumentiert sei dies in mehr als 800 Videoclips von mehr als 160 Stunden Dauer. Detailliert wurde in der Erklärung aufgelistet, in wie vielen der Clips und wie lange die Beteiligten dort über den Missbrauch sprechen.

Am Ende des zweiten Prozesstag bezeichnete der Vertreter der Nebenkläger, Rechtsanwalt Jürgen Zillikens, zumindest die Aussage der Frau als seiner Meinung nach sehr glaubwürdig. Hinsichtlich ihres Mannes liege die Entscheidung nun beim Gericht. In der Ottermühle habe eine Art Gehirnwäsche durch Abschottung, Manipulation und Bedrohung stattgefunden, so der Anwalt. Selbst ernannte Therapeuten wie Kerstin S. müssten gestoppt werden.

Opfer sagt im Geiselnahme-Prozess gegen Ärztin aus

Strafprozess: Ärztin wehrt sich gegen Misshandlungsvorwürfe

Thüringer Ärztin wegen Menschenraub und Geiselnahme vor Gericht

Hanno Müller / 22.09.17

Menschenraub-Prozess gegen Thüringer Ärztin: Kerstin S. kämpft um ihren Ruf

10. Oktober 2017
 
Kerstin S. hat viel zu verlieren. Seit Anfang September läuft der Prozess gegen die frühere Ikone der Erfurter Bürgerbewegung vor dem Geraer Landgericht. Die ersten drei Prozesstage kratzen allerdings bereits mächtig am Ruf der Frauenrechtlerin.
 
Die Bank der Verteidigung beim Prozess im Landgericht Gera gegen die Ärztin Kerstin S. (3.v.l.). Foto: Jan Woitas/dpa
Die Bank der Verteidigung beim Prozess im Landgericht Gera gegen die Ärztin Kerstin S. (3.v.l.). Foto: Jan Woitas/dpa
 

Gera. Seit Anfang September werden Besucher der öffentlichen Verhandlung Zeugen, wie die Frau, die im Dezember 1989 mit anderen mutig in die Erfurter Stasizentrale vordrang und die Vernichtung der Akten verhinderte, von Bediensteten des Gerichts mit Handfesseln und Ketten in den Gerichtssaal geführt wird. Seitens des Gerichts heißt es dazu, dies sei üblich bei hohen Strafandrohungen, mit denen die 59-jährigen Ärztin im Falle eines Schuldspruchs im Sinne der Anklage rechnen müsste. Letztlich entscheide die Vorsitzende Richterin Andrea Höfs über die Verfahrensweise im Gerichtssaal.

In dubio pro reo - im Zweifel für die Angeklagte - die Unschuldsvermutung gilt auch für Kerstin S.. Die ersten drei (von voraussichtlich mindestens 18) Prozesstagen kratzen allerdings bereits mächtig am Ruf der Frauenrechtlerin. Gehört werden zu Prozessbeginn die Anklagevertreter und die Hauptzeugen der Staatsanwaltschaft. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren deshalb derzeit vor allem die schweren Vorwürfe, die gegen S. erhoben werden.

 

  • In der Ottermühle bei Liebschütz sollen 2016 Menschen unfreiwillig festgehalten worden sein. Das Anwesen liegt an der Straße nach Drognitz im Tal des Otterbaches. Foto: Hanno Müller In der Ottermühle bei Liebschütz sollen 2016 Menschen unfreiwillig festgehalten worden sein. Das Anwesen liegt an der Straße nach Drognitz im Tal des Otterbaches. Foto: Hanno Müller
Nachlesen kann man die auch in der allmonatlichen Terminvorschau des Landgerichtes. Üblicherweise werden dort zum Monatsbeginn zu den anstehenden Prozesstagen wesentliche Punkte der jeweiligen Anklagen zusammengefasst. Im Falle des Prozesses gegen S. ist der Überblick besonders ausführlich. Detailliert geschildert wird das Marthyrium, dass die beiden ältren Eheleute Martha und Manfred K. im Anwesen von S. namens „Ottermühle“ durchlebt haben sollen.

 

Verteidigung hält sich bisher noch zurück

Dort habe S. seit Längerem in Gemeinschaft mit der Tochter und den Enkeln der beiden Alten gelebt. Gemeinsam hätten sie dem alten, unter altersbedingter Lebensuntüchtigkeit und beginnender Alzheimer-Erkrankung leidenden Herrn zugesetzt. Er sei zum Verbleib in der Mühle genötigt, in Gesprächskreisen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauches unter Druck gesetzt und um Ersparnisse in Höhe von über 70 000 Euro gebracht worden.

Harte Vorwürfe, zu denen nun die beiden Alten im noch kurzen Prozessverlauf ausgiebig gehört wurden. Bei den Vernehmungen konnte sich die Verteidigung bisher erst einmal mit Fragen an Martha K. einschalten. Bis auf eine Verzögerung bei Prozessbeginn und eine nachdrücklichen Aufforderung an Staatsanwalt Arnd Knoblauch, die Angeklagte bei der Verlesung der Anklageschrift anzusehen, hielten sich die drei Verteidiger bisher meist zurück.

Die so angeklagte Kerstin S. lässt sich während der Verhandlungen wenig anmerken, wie sie über die Darstellungen denkt. Gelegentlich blättert sie in eigenen Unterlagen, die sie in einer transparenten Plastiktüte mit in den Gerichtssaal bringt. Auf der Anklagebank selbst ist sie weitgehend zum Schweigen verdammt. Wie es der Frau ergeht, die es gewohnt ist, bei öffentlichen Podien oder von ihr initiierten Gesprächsrunden mit Opfern und Tätern des SED-Regimes das Wort zu führen, lässt sich so nur erahnen.

Ganz will sich S. das Heft des Handelns aber wohl dennoch nicht aus der Hand nehmen lassen. Seit Dezember 2016 sitzt die 59-Jährige in Untersuchungshaft - viel Zeit, sich akribisch auf den Prozess vorzubereiten. In ihrer Zelle in Chemnitz steht ihr dafür ein Laptop zur Verfügung. So habe sie sich damit unter anderem noch einmal Hunderte Stunden Videomitschnitte angesehen, die während der erwähnten Gesprächskreise in der Ottermühle entstanden waren. Freunde von S. berichten, sie schreibe viel und lasse so die Ereignisse Revue passieren.

Gehör mit ihrer Sicht der Dinge verschafft sich die Ärztin mit sogenannten Einlassungen - mehrseitige handschriftliche Erklärungen, die sie aus der Zelle mit ins Gericht bringt und dort von ihren Verteidigern verlesen lässt. Zum Prozessauftakt bezeichnete sie darin die Anklage als Zerrbild der tatsächlichen Vorgänge in der Mühle. Am zweiten Prozesstag verwies eine weitere Erklärung auf die schon erwähnten, über 800 Gesprächsmitschnitte mit mehr als 160 Stunden Videomaterial als Beleg dafür, was in der Ottermühle und speziell in den Gesprächskreisen wirklich vor sich gegangen sei. Bei einer Polizeiaktion in der Mühle waren sie beschlagnahmt worden. Allein in 117 Videos von 30 Stunden Länge hätten Martha und Manfred K. über Sexualverbrechen an Tochter und Enkeln berichtet. Zudem habe nach Absprache mit allen Beteiligten ein Fernsehteam die Runden einige Tage lang filmisch begleitet.

 

  • Auszug einer der handschriftlichen Erklärungen der Angeklagten Kerstin S., mit der sie beim Menschenraub-Prozess vor dem Geraer Landgericht ihre Sicht der Ereignisse in der Ottermühle bei Liebschütz darlegt (Schwärzung der Nachnamen durch die Redaktion). Foto: Peter Billeb Auszug einer der handschriftlichen Erklärungen der Angeklagten Kerstin S., mit der sie beim Menschenraub-Prozess vor dem Geraer Landgericht ihre Sicht der Ereignisse in der Ottermühle bei Liebschütz darlegt (Schwärzung der Nachnamen durch die Redaktion). Foto: Peter Billeb
Auch am dritten Prozesstag gab es Einlassungen. Diese wurden zwar nicht verlesen, liegen unserer Redaktion aber in Kopie vor (s. Faksimile). Darin gibt S. Inhalte aus den Gesprächskreisen wieder, darunter auch detaillierte Angaben zu angeblichen sexuellen Übergriffen.

 

Keine Vernehmungen zu sexuellem Missbrauch

Der Münchner Thomas Galli, einer der drei Verteidiger von S., kündigt an, man werde die Angaben der Angeklagten in deren schriftlichen Einlassungen als Teil der Beweisanträge der Verteidigung noch ausführlicher in den Prozess einführen, vorerst handele es sich um einen ersten groben Abriss. Vorerst verweist der Anwalt und ehemalige Direktor eines sächsischen Gefängnisses auf Widersprüche, die sich während der Befragung von Martha K. ergeben hätten. So hätten die beiden alten Eheleute seiner Meinung nach die Ottermühle jederzeit verlassen können. Auch durften sie frei telefonieren. Der 83-jährige Manfred K., dem die Anklage Altersschwäche und Demenz attestiere, sei kurz vor der Ottermühle noch im Tennis- und Fussballverein gewesen und Fahrrad gefahren. Auch sei er, wie Martha K. angegeben habe, mindestens einmal allein in den nächsten Ort gegangen, um Kuchen zu kaufen. Das Konstrukt der Staatsanwaltschaft, dass drei Erwachsene - Tochter und Enkel der Alten - aus dem Nichts heraus in ein Projekt wie die Ottermühle einziehen und dort ihre Eltern bzw. Großeltern massiv und vor laufenden Kameras belasten, erscheine absurd - auch wenn es Verstärkereffekte wie das Ansehen von Missbrauchsfilmen gab, die kritisch gesehen werden könnten.

Einen wichtigen Schlüssel zur Wahrheit sieht Galli in den Inhalten der Videos. Es sei auffällig, dass den zahlreichen und sehr konkreten Vorwürfen über sexuellen Missbrauch offenbar bis dato kaum nachgegangen wird. „Es wäre nicht nur das übliche Vorgehen, alle möglicherweise Beteiligten zumindest einmal zu vernehmen. Es hätten auch Dritte (Lehrer, Freunde usw.) als mögliche Zeugen vernommen und medizinische Unterlagen eingesehen werden können. Galli: „Mein derzeitiger Eindruck ist, dass fast nichts gemacht worden ist, und einfach behauptet wird, die Anschuldigen seien unglaubwürdig. Da ist es aus Sicht der Staatsanwaltschaft offenbar der Weg des geringeren Widerstandes, alle Ermittlungsarbeit auf Kerstin S. zu konzentrieren. Das ganze Gebilde bricht freilich größtenteils zusammen, wenn es in der Familie tatsächlich massiven Missbrauch gegeben hat.“

  • Der Prozess am Geraer Landgericht wird kommenden Montag mit der Befragung der Tochter fortgesetzt.

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Geiselnahme-Prozess: Zeugin schildert sektenähnliche Zustände

 
 
Prozess gegen Ärztin Kerstin S. in Gera fortgesetzt.Vor ihr, die oft abrupt und laut geschrien habe, habe die Zeugin Angst gehabt und versucht, es ihr recht zu machen.
17. Oktober 2017 / 04:55 Uhr

Gera. Im Prozess gegen die Thüringer Ärztin Kerstin S. hat das Gericht eine weitere Hauptzeugin der Anklage vernommen. Die 58-jährige Traudel K. war im Sommer 2015 in die Ottermühle von Kerstin S. gezogen. Ein Jahr später wurden sie und ihre erwachsenen Kinder dort von den Eltern bzw. Großeltern besucht.

Die Anklage wirft Kerstin S. vor, die beiden Alten am Verlassen des Anwesens gehindert, durch falsche Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs unter Druck gesetzt und – als Wiedergutmachung – gemeinsam mit den Angehörigen um ihr Erspartes gebracht zu haben.

Was Traudel K. mit leiser, schleppender Stimme beschreibt, erinnert an sektenähnliche Zustände. Sie sei aufgefordert worden, Geld und Besitz abzugeben. Vor Kerstin S., die oft abrupt und laut geschrien habe, habe sie Angst gehabt und versucht, es ihr recht zu machen. Einmal habe man sie nachts als Strafe ausgesperrt. Sie habe alles getan, was man von ihr verlangt und sich nicht gewehrt.

 

Zwiespältiges auch zu den sexuellen Übergriffen. In einem der Gesprächskreise habe sie sich erinnert, dass ihr Vater sie als kleines Mädchen mit ins Schlafzimmer genommen habe, um ihr zu erklären, woher die Kinder kommen. Kerstin S. habe von ihr gefordert, tiefer nachzugraben. So seien immer detailliertere Bilder von Missbrauchserfahrungen in ihrem Kopf entstanden, die aber bis auf die „harmlose Schlafzimmererinnerung“ nicht gestimmt hätten. In der Ottermühle habe sie aber alles geglaubt und sich von ihren Eltern distanziert. Ungeachtet dessen räumte die Befragte ein, von einem Freund der Familie, dem Indianer M., dreimal sexuell genötigt worden zu sein.

Ein Gefängnis war die Mühle aber wohl nicht. Das Tor sei unverschlossen gewesen, alle Bewohner konnten sich frei bewegen oder telefonieren. Wer den Alten Ausweise und Geld abgenommen habe oder wie die Handtasche der Mutter in ihr Zimmer kam, wusste die Zeugin nicht.

Kerstin S. warf in einer Erklärung der Staatsanwaltschaft vor, diese bleibe hinsichtlich mehrerer Anzeigen der Mühlenbewohner untereinander wegen der sexuellen Übergriffe untätig und ignoriere so eine andere Sicht auf die Ereignisse als in der Anklage formuliert. Dem widersprach der Staatsanwalt.

Hanno Müller / 17.10.17

Geiselnahme-Verfahren: Fesselung des Opfers wurde vorher geübt

 
Zeugin räumt mehrfach Tatbeteiligung ein. Verteidigung hofft auf Aufhebung der Untersuchungshaft für Kerstin S.
18. Oktober 2017 / 04:30 Uhr
 

Gera. Nach dem fünften Prozesstag im Geiselnahme-Verfahren gegen die Ärztin Kerstin S. sehen Kläger und Verteidigung ihre Sicht bestätigt. Für den Nebenkläger-Anwalt Jürgen Zillikens hat Zeugin Traudel K. den psychischen Zwang in der Ottermühle authentisch geschildert. Manipuliert von Kerstin S. sei ein gemeinsamer Tatplan verabredet und umgesetzt worden.

Dagegen glaubt die Verteidigung, dass das Gericht Kerstin S. anhand der bisherigen Aussagen nicht verurteilen kann. Damit stehe auch die Untersuchungshaft infrage. „Der Tatverdacht des Menschenraubes mit Geiselnahme kann aus unserer Sicht nicht aufrecht erhalten werden. Mal sehen, ob Frau S. am Freitag immer noch im Gefängnis sitzen wird“, sagt Rechtsanwalt Karsten Beckmann.

Der „gemeinsame Tatplan“, auf den Zillikens Bezug nimmt, richtete sich gegen Kai A., Ex-Ehemann von Traudel K.. Auch ihm seien in den von Kerstin S. geleiteten Gesprächskreisen sexuelle Übergriffe gegen Frau und Kinder vorgeworfen worden. Sohn Felix habe sich in diesem Zusammenhang an einen 25-köpfigen Sextäterring erinnert.

 

Vor einem Besuch von Kai A. Anfang Oktober in der Mühle sei der Plan gefasst worden, den Mann zu fesseln und zum Geständnis zu zwingen. Dafür seien vorher Spanngurte, Schals und ein Aufnahme gerät in einem Zimmer deponiert worden. Die Fesselung wurde vorher an Traudel K. geübt. Beteiligt gewesen seien ihre Kinder, Kerstin S. sowie weitere Mühlenbewohner. Zum Schutz vor Kai A. und möglichen Unterstützern habe man schon Tage vorher in der Ottermühle mit zwei Polizisten gesprochen. Die Beamten seien daraufhin regelmäßig Streife im Umfeld des Anwesens gefahren.

Nicht erklären kann Traudel K. dem Gericht, warum niemand die Polizisten auf die Anwesenheit ihrer Eltern in der Mühle bzw. auf die Vorwürfe gegen ihren Vater hinwies. Auf die Frage der Richterin, wer geschützt werden sollte, räumt sie ein: „Ja, das ist wohl ein Widerspruch.“

Richterin Andrea Höfs nimmt sich viel Zeit für die Befragung der Zeugin. Mehrfach räumt diese ihre aktive Beteiligung an Tatvorgängen ein. Etwa als Kerstin S.. ihre Tochter und sie Geld, Wertsachen, Lebensmittel und Kleidung aus der Wohnung der beiden Alten holten. Auch habe sie eine Generalvollmacht ihrer Eltern genutzt, um deren Sparbuch aufzulösen sowie Gold zu verkaufen. Bei der Aktion gegen Kai A. habe sie diesen mit einem Schal am Stuhl festgebunden. Der Polizei habe man – wie verabredet – erzählt, Kai A. habe Felix angegriffen und mit Mord gedroht, was nicht gestimmt habe.

Auch ihre Kinder belastet die Zeugin. So habe ihr Sohn die Großeltern per Abhörgerät ausspioniert, dem Großvater Wasser und Brot gebracht oder auch seinen Vater geschlagen. Die Verantwortung dafür sieht Traudel K. aber bei der Angeklagten. Mehrfach beschreibt sie sich und ihre Kinder nur als willfährige Werkzeuge von Kerstin S.. Ihr Vater und ihr Ex-Mann seien für sie Täter gewesen. Inzwischen wisse sie aber, dass es falsche Erinnerungen gewesen seien.

Hanno Müller / 18.10.17
 

Menschenraub-Prozess: Haftbefehl gegen Kerstin S. außer Kraft gesetzt

 
 
Die wegen Menschenraubs angeklagte Ärztin Kerstin S. konnte nach dem Prozesstag am Freitag statt in die JVA nach Hause fahren. Der Haftbefehl wurde außer Kraft gesetzt.
20. Oktober 2017 / 15:37 Uhr
 
Mit Kleidern und Akten in zwei Kartons verließ Kerstin S. das Landgericht Gera. Foto: Hanno Müller
Mit Kleidern und Akten in zwei Kartons verließ Kerstin S. das Landgericht Gera. Foto: Hanno Müller
 

Gera. Der Haftbefehl gegen die Ärztin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Kerstin S. ist außer Kraft gesetzt worden. Die Vorsitzende Richterin verkündete dies am Freitag um 13.50 Uhr am Geraer Landgericht. Der Haftbefehl sei nicht aufgehoben, sondern lediglich außer Kraft gesetzt – mit Auflagen.

Begründet wurde dieser Schritt mit Unklarheiten bei den Zeugenaussagen und weiterem Ermittlungsbedarf. Der Prozess werde sich voraussichtlich deutlich in die Länge ziehen.

Kerstin S. ist wegen gemeinschaftlich begangenen Menschenraubs, Freiheitsberaubung und Diebstahls angeklagt. Sie bestreitet die Vorwürfe.

 

Nach dem Prozesstag verließ die Angeklagte mit ihren persönlichen Gegenständen das Landgericht. Sie war eine der letzten Insassen der Justizvollzugsanstalt Gera, die für immer ihre Türen schließt . Dorthin war sie zu den Prozesstagen immer gefahren worden. Statt in ein anderes Gefängnis ging es am Freitagnachmittag nun Richtung Ottermühle im Saale-Orla-Kreis.

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Hanno Müller / 20.10.17

 

Geraer Geiselnahmeprozess: Angeklagte sieht sich als Opfer

 
Im Geraer Geiselnahmeprozess beschreibt Kerstin S. eine gegen sich gerichtete Verschwörung.

09. November 2017 / 04:23 Uhr

 
Die Ottermühle bei Liebschütz soll Schauplatz einer Verschwörung gewesen sein. Foto: Hanno Müller

Die Ottermühle bei Liebschütz soll Schauplatz einer Verschwörung gewesen sein. Foto: Hanno Müller

 

Gera. Im Geiselnahmeprozess vor dem Landgericht Gera hat die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. gestern ihre Sicht der Ereignisse in der Ottermühle dargelegt. In der eineinhalbstündigen Einlassung, die Verteidigerin Stefanie Burgold verlas, beschreibt sie die Vorgänge von 2015 bis zu ihrer Verhaftung Ende 2016 als Teil einer Verschwörung gegen sich und ihre Mitbewohner in der Ottermühle.

Demnach hätten mehrere Besucher der Mühle Ende 2015 unter dem Vorwand, dort leben zu wollen, das Ziel verfolgt, das Anwesen zu übernehmen und die dort Lebenden „auszuschalten“. Dazu angestiftet worden seien sie von einem Täterring, der auch für Vergewaltigungen und Misshandlungen verantwortlich sein soll. Die Zeugin der Anklage, Traudel K., sei Teil der Verschwörung gewesen und hätte die Pläne 2016 offenbart.

Die Anklage wirft Kerstin S. erpresserischen Menschenraub, Freiheitsberaubung und Diebstahl vor. Sie soll ein älteres Ehepaar in der Mühle festgehalten, mit sexuellen Anschuldigungen bedroht und um mehrere Zehntausend Euro beraubt haben.

 

Dem widerspricht die Angeklagte. In der Mühle seien der sexuelle Missbrauch und Formen von ritualisierter sexueller Gewalt durch den Großvater, den Ex-Ehemann sowie weitere Personen zur Sprache gekommen und auf Video dokumentiert worden. Als Form der Wiedergutmachung habe sie einen finanziellen Ausgleich durch die Großeltern angeregt, selbst aber nichts mit den Geldtransfers zu tun gehabt. Gericht und Anklage wollen Kerstin S. nun bis zu drei Prozesstage lang dazu befragen.

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Geiselnahme-Prozess: Gericht berät, wann und wie es weitergeht

 
 
Im Geiselnahme-Prozess gegen die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. deutet sich eine weitere Verzögerung an.
11. November 2017 / 03:27 Uhr
 
Staatsanwalt Arnd Knoblauch (l.) und Nebenkläger-Anwalt Jürgen Zillikens am 20. Oktober. Foto: Hanno Müller
Staatsanwalt Arnd Knoblauch (l.) und Nebenkläger-Anwalt Jürgen Zillikens am 20. Oktober. Foto: Hanno Müller
 

Gera. Im Geiselnahme-Prozess gegen die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. deutet sich eine weitere Verzögerung an. Nach der zweitägigen Vernehmung der Angeklagten kündigte die Vorsitzende Richterin Andrea Höfs am Freitag an, dass die Kammer zunächst beraten will, wie und wann der Prozess weitergeht. Das Ergebnis werde man am Montag mitteilen. Der Verhandlungsbeginn wurde dafür von 9 Uhr auf 13 Uhr verschoben, weitere Zeugen würden vorerst nicht geladen.

Geplant waren 18 Verhandlungstage, von denen noch vier verbleiben. Von 39 avisierten Zeugen wurden bisher vier gehört. Im Falle des Geschädigten Manfed K. und seiner Tochter Traudel K. waren die Befragungen von der Richterin abgebrochen worden mit der Maßgabe, man erwäge eine Begutachtung ihrer Vernehmungsfähigkeit.

Nach wie vor scheinen viele Fragen unklar. Die Staatsanwaltschaft wirft Kerstin S. Geiselnahme, Erpressung und Diebstahl vor. Sie soll ein älteres Paar gemeinschaftlich mit dessen Tochter und Enkeln eingesperrt, mit falschen Missbrauchsvorwürfen bedroht und so um sein Vermögen gebracht haben. Laut Anklage sollte sich der Geschädigte Manfred K. von der Angeklagten therapieren lassen und seine Taten vor laufender Videokamera gestehen sowie den vorgeblichen Missbrauchsopfern sein Vermögen als Kompensation zur Verfügung stellen. Eindeutige Belege dafür, dass die Angeklagte daran tatsächlich aktiven oder initiierenden Anteil hatte, erbrachten die bisherigen Befragungen aus Sicht der Verteidigung nicht.

 

In ihrer Vernehmung beharrte Kerstin S. darauf, sie sei nur Beobachterin und Begleiterin eines innerfamiliären Offenbarungs- und Versöhnungsprozesses nach schweren sexuellem Missbrauch gewesen. Keinesfalls habe sie ihre Erfahrungen als Psychiaterin und Therapeutin missbraucht. Initiativen, auch die Videoaufzeichnungen, seien von der Familie ausgegangen. Als im Erinnerungsprozess Ausmaß und Schwere der traumatischen Erlebnisse zugenommen und sich Strukturen organisierter ritueller sexueller Gewalt gezeigt hätten, habe sie versucht, Sachverstand von außen hinzuzuziehen. Zur eigenen Absicherung habe sie bei der Landesärztekammer eine Minimalpraxis für Psychotherapie angemeldet.

Angeklagte: Keine Zweifel an Schilderungen

Ob ihr nie Zweifel an den Schilderungen der Mühlenmitbewohner gekommen seien, fragten Gericht und Ankläger. Kerstin S. verneinte. Aus langjährigen Erfahrung mit Missbrauchsopfern wisse sie, wann diese die Wahrheit sagen und wann nicht. Von der Existenz von Täterringen sei sie überzeugt, Beweise für ihrem speziellen Fall konnte sie nicht nennen. Richterin Andrea Höfs fragte sie auch nach „False Memory“. Der Begriff steht für falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch, die durch Therapien hervorgerufen werden. Kerstin S. sagte, sie halte die Hintergründe für unseriös und unwissenschaftlich.

Ein Verein namens „False Memory Deutschland“ kümmert sich nach eigenen Angaben um die Opfer von falschen sexuellen Beschuldigungen. Laut Internetseite ist man seit August 2016 aktiv in den Fall involviert. Ein Betroffener habe sich seinerzeit an den Verein gewandt. Seit dem Verlassen der Mühle werden auch Traudel K. und ihre Eltern von einer „False Memory“-Mitarbeiterin betreut und beraten.

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Hanno Müller / 11.11.17



Bibliographie

OTZ 01.09.2017 -11.11..2017


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-