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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Oude-Aost, Jan / Ist irrationales Denken verrückt? / 17.01.2019. - 16:57 / INFOTHEK / Druck beenden




Ist irrationales Denken „verrückt“?

Jan Oude-Aost in Skeptiker 4/2015

 

Es gibt viele Gründe, warum Menschen psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen. Das Ausmaß ihres Leidens wird von der Erkrankung bestimmt, ist jedoch zusätzlich abhängig von der Reaktion der Mitmenschen. Diese kann von Verständnis über Gleichgültigkeit bis hin zu Feindseligkeit reichen.

 

Stigmata

Psychischen Erkrankungen hängt auch im Jahr 2015 noch ein Stigma an. Ein Stigma, das tief verwurzelt ist. Dazu trägt bei, dass psychische und körperliche Erkrankungen immer noch unterschiedlich gesehen werden. Wer aufgrund einer „körperlichen“ oder somatischen Erkrankung im Krankenhaus war, kann in der Regel auf Mitgefühl und Verständnis hoffen. Anders ergeht es psychisch Kranken.

In Deutschland geht man davon aus, dass etwa 4 Millionen Menschen aktuell an einer Depression erkrankt sind. Bis zum 65. Lebensjahr erkranken gut 10 Millionen Menschen an einer Depression. Das sind ca. 12,5% der Bevölkerung. Und damit sprechen wir nur von einer psychischen Erkrankung. Im Laufe eines Jahres erkranken 25 % aller Menschen psychisch und im Laufe ihres Lebens trifft es sogar jeden Zweiten. Und? Merken sie etwas? Kann ja gar nicht sein, wir sind doch nicht alle verrückt! Dieser Impuls ist Teil des Stigmas. Dass 25 % aller Männer zwischen 25 und 29 unter erhöhtem Blutdruck leiden und bei den 60-Jährigen nur noch jeder Vierte einen normalen Blutdruck hat, dass 12% der Bevölkerung stark übergewichtig sind und die Mehrzahl der Bevölkerung im Laufe eines Jahres an einer Infektion erkrankt, wird bei den meisten nur ein Schulterzucken her vorrufen.

Dabei sind psychische Erkrankungen auch körperliche Erkrankungen. Es sind Erkrankungen des Gehirns. Etwas flapsig könnte man sagen: Der Geist verhält sich zum Gehirn, wie der Urin zur Niere. Beides sind Produkte eines Organs. Mit dem Unterschied, dass bei Funktion und Dysfunktion unseres Gehirns wohl noch deutlich mehr Fragen zu klären sind als bei der Niere. Das Stigma psychischer Erkrankungen sitzt tief und ist weit verbreitet.

 

Streifen am Himmel

In einem Interview mit Jörg Kachelmann zum Thema Chemtrails1 wurde deutlich, wie von „unserer“ Seite Menschen mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, weil sie einem irrationalen Glaubenssystem anhängen.

•  „Chemtrailbewegung, die Schwachsinnsbewegung“

•  „Neonazis und Verrückte“

•  „Mit Schwachsinn kann man auch Geld machen.“

•  „Es gibt einen Bodensatz von Wahnsinnigen. Es gibt auch einen Bodensatz von Neonazis im Land. Und Neonazis plus Wahnsinn ist Chemtrails, das ist so.“

•  „Da sind diese wahnsinnigen, durchgeknallten Eltern, die ihren Kindern Angst machen.“

•  „Diesen Schwachsinn auch Schwachsinn zu nennen.“

•  „Der Gedanke ist mir unangenehm, dass Neonazis und Verrückte letztlich Zuschauer sind.“

Dies sind wenig qualifizierte Äußerungen, die Menschen abwerten. Zum einen Menschen, die nicht seine korrekten Ansichten zu Chemtrails teilen. Zum anderen die wirklich „Verrückten“. Die haben oft lebensnähere, existenzielle Sorgen als magisch aufgewertete Kondensstreifen. Es ist schade, dass sich ein kompetenter Kritiker einer unsinnigen Idee auf dieses Niveau begibt. Allein ist er damit nicht. Andere, die nicht mit eigenen Ideen oder Werten übereinstimmen, als krank abzuwerten, ist nicht neu.

Psychischen Erkrankungen sind mit Stigmata verbunden, die regelmäßig durch Bilder in der Öffentlichkeit verstärkt werden (eine Auswahl: Coverda- le et al. 2002; Link et al. 2004). Verschiedene Studien haben sich mit der Darstellung psychischer Erkrankung in den Medien und ihrem Einfluss auf die Einstellung gegenüber psychisch Erkrankten beschäftigt. Menschen mit psychischen Krankheiten werden häufig negativ dargestellt. So werden sie oft mit Gewalttätigkeit in Verbindung gebracht, obwohl sie eher Opfer von Gewalt sind. Neben Einschränkungen in der Autonomie verursacht dieses Stigma bei Betroffenen Leid, welches über das Leiden an der Krankheit noch hinausgeht. Werden Begriffe, die mit psychischen Erkrankungen assoziiert werden, zur Abwertung einer Person oder deren Weitsicht missbraucht, trägt das zur Aufrechterhaltung dieses Stigmas bei.

 

Selbstoffenbarung

Ich selbst hänge irrationalen Ansichten an. So glaube ich daran, dass „alles gut“ wird. Dieser Glaube ist objektiv durch wenig zu begründen und leicht zu widerlegen. Es reicht aus, die Zeitung aufzuschlagen. Außerdem glaube ich, mit an Naivität grenzendem Optimismus, an „das Gute im Menschen“ ebenfalls im Gegensatz zu vielen Nachrichten und meinem Wissen. Irrationaler Glaube kann tief in uns verankert sein. In meiner Familie stand man „der Schulmedizin“ eher kritisch bis ablehnend gegenüber. Ich fühlte mich lange zur Alternativmedizin hingezogen. Das Wort Homöopathie klingt für mich noch immer ganz warm und weich. Die Hingabe an die warme, weiche Welt der Globuli wäre kognitiv viel einfacher für mich. Was mich davon abhält, ist nicht die erwiesene Wirkungslosigkeit. Es ist der hohe Wert, den ich der Autonomie des Individuums und Transparenz beimesse. Homöopathie funktioniert, wie die meisten esoterischen Praktiken, nur durch eine Mangel an Transparenz. Der Patient muss hinters Licht geführt werden, damit Homöopathie „funktioniert“. Esoterische Praktiken untergraben die Autonomie des Individuums, indem die Verantwortung einer nicht kontrollierbaren, in ihrer Entscheidung nicht nachvollziehbaren Macht zugeschrieben wird.

Warum ich an einigen dieser irrationalen Ideen wider besseres Wissen festhalte und warum das Festhalten an solchen Ideen für ein Individuum vielleicht doch vorteilhaft sein kann, dazu komme ich später.

 

Was ist eine psychische Erkrankung?

Eine psychische Störung wird definiert als „Sammelbezeichnung für psychische Veränderungen, die als krankhaft, krankheitswertig oder krankheitsähnlich angesehen werden.“ (Margraf 2012) Wichtig ist dabei, dass es sich um als „unangenehm erlebte Beschwerden“ handelt. Die entweder mit einer „Behinderung einhergehen“ oder ein „stark erhöhtes Risiko Schmerzen oder Behinderungen zu erleiden, (...) mit einem tief greifenden Verlust an Freiheit in Zusammenhang stehen oder ein erhöhtes Risiko zu sterben“ beinhalten. Im DSM-IV, dem internationalen Diagnoseschema, wurden folgende Kriterien für eine psychische Erkrankung festgehalten (American Psychiatric Association 2000):

•  Leidensdruck oder Behinderung

•  Fehlanpassungen

•  Irrationalität

•  Unberechenbarkeit 

•  Außergewöhnlichkeit und statistische Seltenheit

•  Unbehagen bei Beobachtern

•  Verletzung moralischer und gesellschaftlicher Normen

Es müssen nicht alle Kriterien erfüllt sein, damit eine psychische Erkrankung vorliegen kann. Wichtig ist, dass „weder normabweichendes Verhalten, z. B. politischer, religiöser oder sexueller Art, noch Konflikte, die primär zwischen dem Individuum und der Gesellschaft bestehen, psychische Störungen sind, solange die Abweichung oder der Konflikt kein Symptom einer (...) Dysfunktion bei der betroffenen Person darstellt.“ Eine solche Person werde ich nun vorstellen.

 

Herr Mustermann I

Herr Mustermann wohnt in einem Eigenheim und ist Anfang 50. Die Kinder sind aus dem Haus. Der Job ist Routine, aber so richtig geht es nicht mehr vorwärts. Bei Kollegen und Studienfreunden scheint es besser zu laufen. Bei ihm hat sich das jahrelange Engagement in der Firma nicht so ausgezahlt, wie er sich das erhofft hatte. Herr Mustermann fühlt sich bereits seit einigen Monaten ausgelaugt. Zur Arbeit quält er sich nur noch und hat auch die Lust an Aktivitäten verloren, die ihm früher Freude bereitet hatten. Seit der Zeit neigt er auch zu Kopf- und Rückenschmerzen. Eines Tages liest er im Internet von Kondensstreifen, die aus Chemikalien bestehen. Die würden ausgebracht, um Menschen krank zu machen. Herr Mustermann ist kein leichtgläubiger Mensch, und so recherchiert er im Netz. Er findet viele Belege für diese Kondensstreifen, Fotos, Filme, Analysen, Berichte, Bücher. Er bleibt zwar skeptisch, behält das Ganze aber im Hinterkopf. Wenn er in den nächsten Wochen Rücken- oder Kopfschmerzen hat oder sich besonders ausgelaugt fühlt, schaut er an den Himmel und sieht immer Kondensstreifen. „Früher“, denkt er sich, „waren doch nicht so viele Kondensstreifen am Himmel. Das sagen ja auch die Seiten im Netz. Sind die mir nicht aufgefallen?“ Immer noch nicht wirklich überzeugt - immerhin klingt die Idee von den Regierungen, die ihr Volk vergiften, nach einer ziemlichen Verschwörungstheorie - sucht er nach Menschen, die sich damit auskennen. Er geht zu einem lokalen Treffen eines Vereins, der den Himmel von dem Gift säubern will. Dort trifft er Menschen, denen es teilweise genauso geht wie ihm. Herr Mustermann ist einerseits froh, denn es bedeutet, dass er sich das Ganze nicht einbildet und seine Kopfschmerzen und die Erschöpfung echt sind. Andererseits macht ihn das wütend und er möchte sich dagegen wehren, dass er krank gemacht wird. So wendet er sich an seinen Abgeordneten, Universitäten und die Polizei. Schreibt Anfragen, unterschreibt Petitionen und erstattet Anzeige. Doch nirgendwo hat er Erfolg. Die Antworten, die er bekommt, sind für ihn Ausreden, Wischiwaschi, wenn nicht sogar gelogen! Er merkt doch jeden Tag am eigenen Leib, was diese Chemtrails mit ihm machen. Und er kennt viele Leute, denen es genauso geht. Er fragt sich, warum niemand etwas unternimmt. Auch wenn es ihm schwer fällt, es zu akzeptieren, zieht Herr Mustermann den logischen Schluss, dass es sich um eine Verschwörung handeln muss. Als er dann ein Youtube-Video von Jörg Kachelmann sieht, in dem der auch nur Lügen zu Chemtrails erzählt, platzt ihm der Kragen. Er schreibt einen Brief an Kachelmann, um ihn über die Zustände in diesem Land aufzuklären. Ihm die Augen zu öffnen.

 

Analyse Herr Mustermann I

Zwar hat Herr Mustermann Leidensdruck, dieser besteht jedoch bereits von Anfang an. Der Leidensdruck bewegt ihn, sich mit den Chemtrails zu beschäftigen, erwächst aber nicht aus diesen.

Prinzipiell sind Recherche und die Suche nach Hilfe gesunde Anpassungsreaktionen. Auch eine Fehlanpassung liegt bei Herrn Mustermann somit nicht vor. Die Frage nach Irrationalität ist weniger leicht zu beantwortet. Aus seiner eigenen Sicht zieht Herr Mustermann logische Schlüsse und handelt demnach rational. Dabei ist er stets berechenbar für seine Umwelt. Die Außergewöhnlichkeit und statistische Seltenheit müssen ebenfalls differenziert betrachtet werden. Von außen handelt es sich um eine außergewöhnliche Annahme. Für Herrn Mustermann sieht das anders aus, er trifft viele Menschen, die derselben Ansicht sind wie er. Ob Unbehagen bei Beobachtern vorliegt, kommt auf die Beobachter an. Das Unbehagen wird jedoch durch das Thema hervorgerufen, nicht durch das Verhalten von Herrn Mustermann. Das Verhalten ist aber entscheidend für die Frage nach einer psychischen Erkrankung. Damit trifft auch dieser Punkt nicht zu. Herr Mustermann verletzt keine moralischen oder gesellschaftlichen Normen. Das würde uns auch seine Frau bestätigen.

 

Wahn oder nicht?

Der Münsteraner Psychologe Wolfgang Hell konnte in seiner Studie durch Vergleich von gläubigen und skeptischen Menschen, „Schafen und Ziegen“, zeigen, dass es zwischen gläubigen und ungläubigen Menschen keine relevanten Unterschiede in den gemessenen psychischen Parametern gab (Hell 2010).

Und doch ist heute von einigen Kritikern zu hören, irrationales Denken käme einem Wahn gleich. Auch religiöser Glaube wird gelegentlich als Wahn bezeichnet. Als Argument wird angeführt, dass Wahn eine „inhaltliche Denkstörung im Sinne einer objektiv falschen, mit der Realität nicht zu vereinbarenden Überzeugung“ (Margraf 2012) ist. Diese Voraussetzung trifft jedoch nicht nur auf den Glauben zu, sondern gilt für viele irrationalen Annahmen, unter anderem auch für die Gedanken an den Sieg der Heimmannschaft vor dem Anpfiff. Ignoriert wird, dass Wahn „häufig mit unmittelbarer, erfahrungsunabhängiger Evidenz“ einhergeht (Margraf 2012). Führt man sich Herrn Mustermann vor Augen, macht dieser jedoch Erfahrungen, die seine Annahmen bestätigen. Dass seine Beobachtungen und seine Symptome nicht kausal Zusammenhängen, ist dabei für die Frage nach dem Wahn nicht relevant. Ebenso wichtig ist, dass ein Wahn „sich aufdrängt“. Es ist nichts, was langsam entsteht, was hinterfragt und bestätigt wird. Es ist einfach da. Wenn Menschen nach einem Wahn wieder gesund sind, ist ihnen klar, dass es sich um einen Wahn gehandelt hat. Und trotzdem können sie, wenn sie erneut erkranken, demselben Wahn unterliegen. Das bedeutet, im Gegensatz zum Glauben handelt es sich beim Wahn nicht um eine Entscheidung! Einen Glauben muss man finden, der Wahn sucht einen heim. Zu guter Letzt ist Wahn „Gegenargumenten oder gegenläufigen Erfahrungen nicht zugänglich“. Und auch, wenn es manchmal schwer fällt, das Folgende zu glauben: Esoteriker kann man überzeugen, nicht oft, aber es ist möglich.


Salutogenese

Die Salutogenese wurde entwickelt von Aron Antonovsky, einem Soziologen der sich der Frage gewidmet hat, was Menschen gesund erhält (Antonovsky 1997). Genähert hat er sich dieser Frage durch die Befragung von Überlebenden des Holocaust. Er fand heraus, dass es offenbar drei Faktoren gibt, die Menschen beim Umgang mit schwierigen Situationen helfen. Zum einen die Verstellbarkeit dessen, was mit mir als Person passiert, zweitens die Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit dessen, was mit mir passiert, und schließlich die Bedeutsamkeit bzw. Sinnhaftigkeit. Diese drei Faktoren Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit ergeben nach Antonovsky ein Gefühl der Kohärenz. Je stärker dieses Kohärenzgefühl ausgeprägt ist, desto höher ist die emotionale Gesundheit und desto weniger treten psychosomatische Erkrankungen auf.

Das Konzept ist einer empirischen Untersuchung zugänglich und es gibt Forschung zum Thema. Der Begriff Salutogenese findet sich jedoch leider vermehrt in pseudomedizinischen Kontexten. Dabei bedeutet Salutogenese nicht, man könne sich „gesunddenken“.

Der Glaube an irrationale Überzeugungssysteme bringt subjektive Vorteile mit sich. Die Sozialpädagogin Claudia Barth schreibt: „Die Esoterik bietet Möglichkeiten, zu erklären, was warum passiert ist und das Passierte anzunehmen, ohne dabei mit der Umwelt in Konflikt zu kommen.“ In dieser Aussage werden zwei Aspekte des Kohärenzgefuhls angesprochen: die Verstehbarkeit und die Bedeutsamkeit. Die Homöopathie ist ein Beispiel, wie mit einem irrationalen Glaubenssystem auch der Faktor „Handhabbarkeit“ bedient wird. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Homöopathie ist esoterischer Unsinn und sollte niemals in einen professionellen medizinischen Kontext gehören. Es geht hier um die mögliche Bedeutung für das Individuum.

Literatur:Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dt. erw. Hrsg, von Alexa Franke. Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie Tübingen.


 

Irrational oder psychisch krank?

In einer Gerichtsreportage der Süd- deutschen Zeitung wurde von einem Zahnarzt berichtet, der seinem Patienten alle Zähne gezogen hatte, um Energieblockaden zu lösen.2 Durch diesen Schritt erwarteten Zahnarzt und Patient eine gesundheitliche Besserung des Patienten. Uber den Unsinn dieser „alternativmedizinischen“ Handlung muss in dieser Zeitschrift sicher kein Wort verloren werden. Zahnarzt und Patient teilten dieselben Ideen und hielten dieselben Schritte für angebracht. Doch obwohl der Patient zufrieden war, musste der Zahnarzt Schmerzensgeld an den Patienten zahlen. Unzufrieden war nämlich der Vormund des an einer Schizophrenie erkrankten Patienten. Die Erkrankung, so der Richter, hätte der Zahnarzt erkennen müssen. Es sei offensichtlich gewesen, dass der Patient nicht in der Lage gewesen sei, solch schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Zwei Menschen haben dieselben Ansichten, ziehen daraus dieselben Schlüsse und handeln gemeinsam. Aber nur eine von beiden Personen erfüllt die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose. Mehr noch, die andere Person ist, nach Aussagen des Gerichts, zumindest theoretisch, in der Lage, zu erkennen, dass die andere Person erkrankt ist. Hier ist jemandem von Gerichts wegen bestätigt worden, dass er geistig gesund genug ist, um Patienten zu behandeln. Und das obwohl er die Ansichten des Patienten teilt. Ansichten, die uns verleiten könnten, sie als „verrückt“ zu bezeichnen.

 

Herr Mustermann II

Nachdem alle seine Briefe und sein Engagement bei „Sauberer Himmel“ nichts gebracht haben, empfiehlt Herrn Mustermann jemand einen Heilpraktiker. Der soll sich auf die Behandlung von Chemtrail-Erkrankungen spezialisiert haben. Herr Mustermann ist skeptisch, weil er bisher immer zum „Schulmediziner“ gegangen ist. Er denkt, Heilpraktiker sind was für Körnerfresser und Hippies. Sein Hausarzt hatte ihm jedoch nicht helfen können und wollte ihn zum „Psychologen“ schicken. Als sei er verrückt. Und seit er sich über den Impfwahnsinn informiert hat, weiß er, dass er neue Wege gehen muss. Er macht einen Termin. Der Heilpraktiker erklärt ihm, dass er durch die Chemtrails vergiftet ist und er ihn homöopathisch entgiften wird. Dabei wird der Körper durch einen leichten Impuls zur Entwicklung eines Gegenimpulses zu den Giften angeregt. Da es sich um viele Gifte handelt, wird die Behandlung eine Weile dauern. Das ist der Preis, wenn man nicht nur die Symptome bekämpft, sondern ganzheitlich die Ursache, so der Heilpraktiker. Außerdem gibt es einen Tee zur Detoxifizierung und den Hinweis, während der homöopathischen Behandlung möglichst auf Alkohol zu verzichten. Da die Vergiftung bereits chronisch ist, wird es einige Zeit brauchen, um die Informationen des Giftes komplett aus dem Körper zu bekommen. Die stärkste Wirkung wird jedoch am Anfang erwartet. Der feinstofflich energetische Teil dauert länger. Herr Mustermann nimmt seine Globuli, seinen Tee sowie einen Plan zur Einnahme mit nach Hause. Die Erstverschlimmerung, auf die er ebenfalls hingewiesen wurde, lässt nicht lange auf sich warten: Durchfall, Herzrasen, Schwitzen, Unruhe und Schlafprobleme treten in den nächsten Tagen auf, nach nur wenigen Globulieinnahmen. Das muss der Gegenimpuls sein, der das Gift aus dem Körper treibt.

Nach wenigen Tagen ist das aber vorbei. Herr Mustermann hält sich an den Plan, nimmt die Globuli zu den festen Zeiten ein und achtet auf den richtigen Abstand zu den Mahlzeiten. Den Tee trinkt er und abends liest er in den vielen Büchern, die ihm empfohlen wurden. Dieser Kopp-Verlag veröffentlicht wirklich einen Augenöffner nach dem anderen. Es dauert nicht lange und Herr Mustermann fühlt sich besser, vitaler, frischer, energiegeladen. Gesund!

 

Aufklärung Mustermann II

Skeptiker werden Herrn Mustermanns Reaktion schnell mit Placebo-Effekten erklären. Auch Nocebo-Effekte, die dunklen Geschwister der Placebo-Effekte, kommen in den Sinn. Homöopathen werden Stolz auf die Erstverschlimmerung und die Kraft der Globuli verweisen. Und einige haben vielleicht auch die Symptome eines Alkoholentzugs erkannt.

Herr Mustermann hat nicht nur Globuli bekommen, sondern auch Hinweise zur Lebensführung.

Viele Menschen mit problematischem Alkoholkonsum sind sich dessen nicht bewusst. Erst wenn sie die Folgen im Alltag oder in ihrer Beziehung zu spüren bekommen, tritt ein Problembewusstsein auf. Herr Mustermann hat, ohne es zu wissen, einen Alkoholentzug gemacht. Er hat einen regelmäßigen Tagesablauf eingehalten und sich mit Dingen beschäftigt, die er als sinnvoll empfand. Alles Dinge, von denen viele Menschen gesundheitlich profitieren. Gerade Menschen mit psychosomatischen Beschwerden, so wie Herr Mustermann. Der schreibt die Besserung seines Zustandes jedoch den Globuli zu. Und ihm bleibt wenig anderes übrig. Denn ihm ging es wegen der Chemtrails schlecht. Dagegen können Alkoholabstinenz und regelmäßiger Tagesablauf nicht helfen. Dagegen helfen Medikamente (oder was man dafür hält)! Die Globuli bieten eine Möglichkeit, mit dem Problem der Chemtrails umzugehen. Da ist sie, die Handhabbarkeit (siehe Kasten S. 163).

Und da ist das nächste irrationale Glaubenssystem, dem Herr Mustermann anhängt. Früher hätte man ihm mit Globuli nicht kommen müssen. Jetzt haben sie aber gegen Chemtrails geholfen. In Zukunft werden sie auch bei anderen Erkrankungen eine Option für ihn sein. Immer mehr Säulen seiner Identität bestehen aus irrationalen Annahmen, und der Preis für  Herrn Mustermann, eine davon aufzugeben, wird immer höher. Erinnern wir uns: Er zeigt Symptome einer psychosomatischen Erkrankung, etwas, was viele Menschen, vor allem männliche Menschen als „eingebildet“ ab- qualifizieren und sagen: „Ich bin doch nicht verrückt“. Die Frage nach Homöopathie und Chemtrails wird da mit zu einer Frage der Identität von Herrn Mustermann. Der hat übrigens aktuell keine Symptome mehr hat. Indem er begonnen hat, an Chemtrails zu glauben, hatte er die Möglichkeit, gesund zu werden.

Mithilfe irrationaler Glaubenssysteme gelingt es Herrn Mustermann zu verstehen, was um ihn herum passiert, damit umzugehen und Bedeutung in seinen Handlungen zu sehen. Für seine Gesundheit ist es irrelevant, ob seine Konzepte korrekt sind.

 


Magisches Denken

Unterscheiden muss man den Wahn vom „magischen Denken“, dem „Wunsch oder Praktizieren von Glauben mit unrealistischem Gedankeninhalt, z. B. Herbeiführen oder Verhindern von Ereignissen durch Durchführen bzw. Unterlassen bestimmter Verhaltensweisen“ (Margraf 2012). Das kann sich zum Wahn steigern, aber auch im Rahmen einer Zwangserkrankung Vorkommen. Beten gehört jedoch nicht dazu, da man magisches Denken abgrenzen muss gegenüber „kulturspezifischen Formen religiöser oder schamanistischer Praktiken, bei denen keine psychopa- thologische Bedeutung und kein Leiden oder Beeinträchtigung vorliegen“ (Margraf 2012).

Literatur: Margraf, J. (Hrsg., 2012): Pschyrembel Psychatrie, klinische Psychologie, Psychotherapie. 2. Auflage, de Gruyter, Berlin.


 

Spiritualität und psychische Gesundheit

In einer Homöopathiepostille wären wir jetzt bereits am Ende. Skeptiker aber wollen die wissenschaftliche Grundlage für die erzählten Geschichten kennen.

Die Mehrzahl der vorliegenden Studien zeigt, dass Religiosität und Spiritualität der geistigen und körperlichen Gesundheit eher zuträglich sind (eine Auswahl: Wong et al. 2006; Bonel- li, Koenig 2013; George et al. 2002). Es gibt auch Ergebnisse, die diesen Effekt eher der organisierten Religion zuschreiben. Eine Studie zeigte einen negativen Effekt auf die psychische Gesundheit von spirituellen Menschen (King et al. 2013). Die Forscher vermuten, dieser negative Effekt sei durch Kontexteffekte erklärbar. So sei es möglich, dass spirituelle Menschen im Gegensatz zu religiösen Menschen, ein weniger starkes soziales Netz besitzen. Auch sei es möglich, dass Menschen, die gerade eine psychische Erkrankung haben, eher spirituell würden, weil ihnen dies Halt biete. Insgesamt sprechen die Daten jedoch für einen positiven Effekt von Religiosität und Spiritualität auf die psychische Gesundheit. Das spricht deutlich gegen die Hypothese, dass „die alle verrückt“ sind. Unter Umständen sind Anhänger von irrationalen Glaubenssystemen sogar weniger „verrückt“ als „wir“. Uber die Wirkfaktoren von Religiosität und Spiritualität wird dabei spekuliert.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein gesunder Geist ist in der Lage, an irrationalen Glaubenssysteme festzuhalten. Für ein Individuum kann das von Vorteil sein.

 

Aufklärung statt Verurteilung

Ist es unter den hier gezeigten Voraussetzungen überhaupt vertretbar, gegen irrationale Glaubenssysteme vorzugehen? Schließlich scheinen viele Menschen davon zu profitieren. Sollten wir diesen Menschen diese Möglichkeit nehmen, ein hohes Maß des Gefühls von Kohärenz zu erreichen? Nein, sollten wir nicht. Es steht uns nicht zu.

Trotzdem ist es richtig, gegen irrationale Glaubenssysteme vorzugehen. Jedoch nicht gegen den Glauben eines Individuums.

Um noch einmal Herrn Mustermann zu bemühen: Ist es für eine Gesellschaft nicht problematisch, wenn jemand der Ansicht ist, seine Gesundheit würde durch Kondensstreifen beeinträchtigt? Problematisch ist, wenn die betreffenden Menschen von uns als Gesellschaft verlangen, aus ihren eigenen Annahmen Konsequenzen zu ziehen. Das mag im Einzelfall auf das Gleiche hinauslaufen, nämlich eine sachliche Kritik des irrationalen Glaubenssystems. Wichtig ist die Zielrichtung.

Einzelne Menschen haben das Menschenrecht, jeden Mist zu glauben. Sie haben jedoch kein Recht, andere mit ihrem Glauben zu beeinflussen.

Die Aufgabe von kritisch denkenden, den Werten der Aufklärung verpflichteten Menschen, besteht darin, das eine zu ermöglichen und dabei das andere zu verhindern.

Die Instrumente die uns dafür zur Verfügung stehen, sind Aufklärung und politische Arbeit für die Werte der Aufklärung. Beides ist nur möglich, wenn wir die Menschen mit anderen Ideen ernst nehmen und versuchen zu verstehen, warum sie diesen anhängen. Sehen wir im Glauben an irrationalen Systeme keine pathologische Disposition, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen, die in den meisten von uns bestehen, werden wir die Menschen nicht nur sachlich, sondern auch emotional erreichen. Doch, so ein möglicher Einwand, sollten Fakten nicht ausreichen, die Welt zu verstehen?

Vielleicht. Nicht aber, um in ihr zu bestehen. Emotion gehört auch zur Wissenschaft, nicht als Instrument, sondern als treibende Kraft. Denn was treibt einen Menschen dazu, eine Idee ein Leben lang zu verfolgen und am Ende nachzuweisen, dass sie stimmt? Neugier und die Aussicht auf Freude und den Stolz, wenn es geschafft ist - Emotionen.

 

Fazit

Angenommen, „Esoterik“ wäre eine anerkannte Diagnose. Müssten dann nicht auch Behandlungen angeboten werden? Müssten Menschen, die sich selbst schaden, dann nicht auch gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen werden können? Wer jetzt spontan „Ja“ gedacht hat, möge sich kurz ein paar Gedanken machen, in welch vielfältiger Weise Menschen sich selbst schaden können: durch Rauchen, Tattoos, Piercings, Alkohol, schnelles Autofahren, Schlafmangel Übergewicht, zu viel sitzende Tätigkeit oder indem sie notwendige Medikamente nicht nehmen. All das machen psychisch gesunde Menschen.

Es geht nicht darum, etwas zu verbieten. Es geht darum, dass Menschen, die sich öffentlich äußern, sich vorher Gedanken darüber machen, ob sie wirklich einen psychiatrischen oder psychische Erkrankung implizierenden Begriff benutzen müssen. Es geht darum, zu verstehen, dass der Glaube an esoterischen Unsinn kein Zeichen von Geisteskrankheit ist. Als Versuch, mit einer komplexen Welt umzugehen, kann dieser Glaube als Zeichen geistiger Gesundheit verstanden werden.

Wenn die Anhänger eines irrationalen Glaubenssystems krank wären, könnte sich die GWUP auflösen. Was für einen Sinn hätte es, mit kranken Menschen zu diskutieren? Wie sollte man es schaffen, eine Erkrankung wegzudiskutieren? Eine Diagnose als Ursache für die Ansichten eines Menschen sollte für uns alle das Ende der Diskussion bedeuten. 

 

http://www.hoaxilla.com/hoaxilla-172-wet- termythen/, Zugriff am 05.11.2015.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ skurriler-prozess-um-mediziner-zahn- los-gluecklich-1.2436891, Zugriff am 05.11.2015.


Literatur

American Psychiatric Association (2000): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fourth Edition, Text Revision.

Bonelli, R. M.; Koenig, H. G.; (2013): Mental Disorders, Religion and Spirituality 1990 to 2010: A Systematic EvidenceBased Review. J Relig Health, 2013 Jun;52(2):65773. doi: 10.1007/s1094301396914

Coverdale, J.; Nairn, R.; Claasen, D. (2002): Depictions of mental illness in print media: a prospective national sample. Aust N Z J Psychiatry, 36(5):697-700.

George, L. K.; Ellison, C. G.; Larson, D. B. (2002): Explaining the Relationships Between Religious Involvement and Health. Psychological Inquiry, Vol. 13, No. 3, Religion and Psychology, S. 190-200.

Hell, W. (2010): Von Schafen und Ziegen - der Sechste Sinn und die unbewusste Wahrnehmung. Skeptiker 2/2010, S. 56-61.

King, M.; Marston, L.; McManus S, Brugha T, Meitzer H, Bebbington Religion, spirituality and mental health: results from a national study of English households. (2013) The British Journal of Psychiatry, 202 (1) 68-73; DOI: 10.1192/bjp.bp.ll2.112003

Link, B. Q.; Yang, L H. ; Phelan, J. C.; Collins, P. Y. (2004): Measureing Mental Illness Stigma. Schizophrenia Bulletin, 30 (3):511 - 541, 20.

Margraf, J. (Hrsg., 2012): Pschyrembel Psychatrie, klinische Psychologie, Psychotherapie. 2. Auflage, de Gruy- ter, Berlin.

Wong, Y.J.; Rew, L.; Slaikeu, K. D. (2006): A systematic review of recent research on adolescent re- ligiosity/spirituality and mental health., Issues Ment Health Nurs. Vol. 27, No. 2, Pages 161-183 (doi: 10.1080/01612840500436941)  

 

Video-Tipp: Jan Oude-Aost: Esoterik, Glaube und psychische Gesundheit, Skep- Kon 2015: https://www.youtube.com/ watch?v=XXEfvbl-7Uw



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Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-