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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Barth, Claudia / Esoterik und Leitkultur / 17.01.2019. - 15:43 / INFOTHEK / Druck beenden




Moderner Irrationalismus in Deutschland

Barth, Claudia in "Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur"

 

Revival des Aberglaubens

Als ich kürzlich beim Zahnarzt im Wartezimmer saß, blätterte ich in einem dort ausliegenden Buch. Der Autor Thorwald Dethlefsen erklärt darin, dass klinische Krankheitsbilder durch bestimmte psychisch-emotionale Defizite verursacht seien. Ich hatte Zahnweh wegen einer alten Plombe und war der festen Hoffnung, diesem Leiden würde im Jahre 2002 rasch und ohne Umschweife abgeholfen werden. Der Autor jenes Buches jedoch sah in meinem Weh eine wunderbare Möglichkeit, mein seelisches Defizit zu bearbeiten und zu spirituellem Wachstum zu gelangen. Abraten würde er mir, die Zahnschmerzen einfach auf medizin-technischem Weg zu beheben. Ich trüge in mir verdrängte Aggressionen, weil ich sinnbildlich nicht mehr richtig zubeißen könne, und sei sozial überangepasst. Nun wird mir ja oft das Gegenteil vorgeworfen, aber möglicherweise ist mein Hang zur Kontroverse ja auch nur eine Übertragung nicht gelöster seelischer Spannungen? Wer weiß.

Das Buch verleitet zum Grübeln über die eigenen psychischen Schwierigkeiten und Problemchen. Ähnlich wie bei einem „guten“ Horoskop findet hier jeder Mensch etwas, das auf ihn zutrifft, denn wer hatte nicht schon einmal sowohl Zahnschmerzen als auch Probleme mit der Selbstsicherheit? Krankheit sei etwas Notwendiges und Berechtigtes, das man annehmen und nicht bekämpfen sollte. Sie sei unser persönliches Schicksal - Krankheit als Weg. Als ich an der Reihe war, entdeckte die Zahnärztin gleich drei auswechslungsbedürftige Plomben in meinem Mund. Bevor sie die Betäubungsspritze ansetzte, wies sie mich darauf hin, dass die Krankenkasse generell keinen Plombenersatz mehr voll übernehme, und dass ich etwa 200 Euro selbst bezahlen müsse. Natürlich wusste ich um die drastischen Kürzungen im Gesundheitswesen, aber trotzdem war ich für eine Sekunde sprachlos angesichts dieses Preises. Und allmählich dämmerte mir ein Zusammenhang zwischen dem Buch im Wartezimmer, das mir die Schuld für meine Krankheiten ganz individuell selbst anlasten will, und der Auflösung gesellschaftlicher Solidarverbände. Wenn Gesundheit unbezahlbar geworden ist und die Hoffnung auf ein anständiges Leben genommen, vielleicht versuche auch ich es dann eines Tages mit Ergebung in das heilige „Schicksal“.

Sinnsucher, Sterndeuter, Scharlatane

Seit dem Umbruch 1990 ist im gesamten gesellschaftspolitischen Bereich ein konservatives Roll-Back zu verzeichnen. Die Kluft zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft nimmt zu, Krieg findet wieder innerhalb Europas statt. Deutschlands außenpolitisches Machtgebahren wird von einem grassierenden mörderischen Rassismus im Inneren begleitet. Antisemitismus herrscht abermals in einem Ausmaß, das vor zehn Jahren noch nicht für möglich gehalten wurde.

Mit dem Erstarken des rechts-nationalen Lagers und der Niederlage der sozialistischen Gesellschaftsordnungen ging die Selbstauflösung ehemals linker, fortschrittlicher, emanzipatorischer Gruppierungen und Projekte im Westen einher. Die meisten der in der Folge der 1968er Rebellion gegründeten Gruppen und Organisationen lösten sich entweder auf oder wandelten sich zu systemkonformen, staatstragenden Verbänden. Die große Masse der ehemals gesellschaftskritisch „alternativ“ engagierten Menschen, Friedens- und Umweltbewegten, vollzog einen Rückzug ins Private.

Angesichts dieser konfliktträchtigen Verhältnisse scheint es bei klarem Kopf verwunderlich, weshalb Prognosen, die ein neues Zeitalter der weltweiten Harmonie anbrechen sehen, massenhaft Glaubwürdigkeit finden. Doch im geschichtlichen Rückblick lässt sich erkennen, dass gerade während gesellschaftlicher Krisenzeiten Behauptungen von Übersinnlichem, apokalyptisch-mystische Verkündungen eines neuen Zeitalters/Reiches, der Glaube an die Vorherbestimmung des eigenen Lebens prosperieren. Hohe Arbeitslosenrate, politische Verunsicherung und Zukunftsangst stehen in Zusammenhang mit der Zuflucht zu irrational-esoterischer Sinnstiftung.

Das New Age, die moderne Form der Esoterik, speist sich aus dem Gedanken, zum Jahrtausend Wechsel sei ein Neues Zeitalter (New Age) angebrochen. Die Erde trete aus dem astrologischen Einfluss des Fisch- Gestirnes heraus und in das des Wassermannes ein. Dadurch vollziehe sich ein weltweiter Wandel, der zum Zusammenleben in gegenseitiger Liebe, Verständnis und umfassender Harmonie führe. Jede und jeder Einzelne könne sich auf dieses neue Zeitalter vorbereiten und ihm mit der eigenen Energie zum Durchbruch verhelfen.

Esoterik

Unter Esoterik wird generell eine nach innen gerichtete, geistige Geheimlehre verstanden, die sich mit Übersinnlichem, rational nicht Erfassbarem und Okkultem beschäftigt. Ihre Bedeutung* ist angeblich nur ihrer Anhängerschaft zugänglich, sie entzieht sich der rationalen Auseinandersetzung. Statt zu lernen, werden ihre Ideologieelemente in Zeremonien und Ritualen „erfahren“. Den Begriff „Esoterik“ prägten okkult1-magische Zirkel im 18. Jahrhundert für ihre spiritistische Praxis selbst. Das esoterische Wissen2 wurde in Gegensatz zu dem rein äußeren Faktenwissen, der „Exote- rik“, gesetzt. Es unterlag strenger Geheimhaltung und wurde nur Auserwählten in mehreren aufeinanderfolgenden Einweihungsgraden (Initiationen) mitgeteilt.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts erfuhren die esoterischen Lehren eine gesellschaftliche Öffnung. Die Spiritistin Helena P. Blavatsky fasste die bis dato geheim verbreiteten Gedanken zusammen und veröffentlichte sie. In der Folge fand die Esoterik rege Verbreitung und erhielt ihre moderne Ausprägung.

 

Die am weitesten verbreitete Form des Glaubens an schicksalsbestimmende metaphysische Kräfte ist heute die Astrologie; sie ist „Einstiegsdroge“ in die spiritistische Welt. Waren es 1977 immerhin 46% der Deutschen, die regelmäßig ihr Horoskop lasen, so stieg die Zahl bis Mittte der 1990er Jahre auf 77%. Historische Untersuchungen über das Auftreten von Astrologie ergaben, dass ihr Aufblühen mit der ökonomischen Situation der Gesellschaft in Zusammenhang steht. Bei wirtschaftlichen Krisen, besonders deutlich bei hoher Arbeitslosenrate, blühte die Sterndeuterei auf. Zusätzlich trug politische Verunsicherung in weiten Teilen der Bevölkerung zu einem vermehrten Glauben an die Macht der Sterne bei.3

 

Astrologische Verheißungen

Die Astrologie, im 18. Jahrhundert von den Naturwissenschaften als pseudowissenschaftlicher Aberglaube enttarnt und in der Folge von der öffentlichen Bühne verbannt, erlebte Ende des 19. Jahrhunderts im Dunstkreis der Theosophie eine Wiedergeburt (vgl. Kapitel II. 1). Um die Jahrhundertwende wurde die Astrologie zu einer tragenden Säule der esoterischen Bewegung entwickelt, bedeutenden Einfluss daran hatten die Österreicher Lanz Liebenfels und Georg List („astrologische Runenkunde“, Kapitel II.3). Bis zum Zweiten Weltkrieg erlangte die Astrologie eine derart breite Akzeptanz und Bedeutung, dass die Alliierten im Rahmen der psychologischen Kriegsführung astrologische Gutachten und Horoskope, welche die militärische Niederlage Deutschlands prophezeiten, nach Deutschland schmuggelten und in Umlauf brachten.4 Sie sollten dazu beitragen, den ungebrochenen Glauben an den Endsieg Deutschlands, die breite Unterstützung des Naziregimes im „sicheren Hinterland“ zu unterminieren. Nach 1945 ebbte das Interesse an Astrologie ab, im Zuge der esoterischen New Age-Bewegung erfuhr sie seit den 1970er Jahren einen abermaligen Aufschwung.

Der Glaube an die Sterndeuterei hat sich heute zu einem Massenphänomen entwickelt; sie ist die weitestverbreitete und am höchsten wertgeschätzte Pseudowissenschaft. 97% der Deutschen kennen ihr Tierkreiszeichen, jeder zweite glaubt, an Astrologie sei „etwas dran“. Der Markt für astrologische Dienst- und Warenleistungen wuchs seit 1980 um 300%.5 Der Glaube an das Zutreffen astrologischer Prognosen geht quer durch alle Gesellschaftsschichten, wobei auffällig ist, dass der Anteil von Frauen dabei dreimal so hoch ist wie der der Männer. Laut einer Umfrage Mitte der 1990er Jahre sind über acht Millionen Bundesbürger als Hobbyastrologen zugange und halten sich selbst für befähigt, für sich und andere Horoskope zu erstellen.6 20% der Deutschen plädieren für die Anerkennung der Astrologie als Naturwissenschaft, die Hälfte davon - mit C.G. Jung, der dies vehement forderte - für deren Einführung als Unterrichtsfach an allen Schulen. Lediglich 16% der Deutschen halten Astrologie für Unsinn.7 Im Fernsehen wird der Glaube an die Macht der Sterne durch eigene Sendereihen gestützt. In Winfried Noes zweimal wöchentlich ausgestrahltem Noes Astro-TV auf tv-München, tv Berlin und Hamburg 1 lassen sich z. B. Eltern, die annehmen, die Talente ihres Kindes stünden in den Sternen, pädagogische Beratung geben, welche Art von Förderung sie ihrem Kind zukommen lassen sollten.

Wie Esoterik heute allgemein hauptsächlich zur Selbstfindung betrieben wird, so ist auch zentrales Anliegen der Menschen, die Rat bei Astrologen suchen, heute nicht mehr, Prognosen über die Zukunft zu bekommen, sondern vielmehr Unterstützung bei der Identitätsfindung zu erhalten. Bei mehr als 50% der astrologischen Rat Suchenden ließen sich in einer Studie Mitte der 1990er Jahre Stress, Rollenkonflikte und schwach ausgeprägte soziale Bindungen feststellen. Den Anlass, sich mit Astrologie zu beschäftigen, gab meist eine akute lebensverändernde Krisensituation. Der Astrologe wird mehr und mehr zu einem psychologischen Berater für Menschen, die sich in einer ungewissen, ambivalenten Lage wähnen und sich Hilfe in der Erklärung ihrer persönlichen Lebenssituation und in Bezug auf das eigene Handeln erhoffen.8

Im Bezug auf die religiöse Einstellung der Menschen zeigen sich Atheisten als am wenigsten astrologiegläubig, gefolgt von Menschen, die an einen persönlichen Gott im christlichen Sinn glauben. (Von ihnen vertrauen 18% bzw. 21% auf die Aussagekraft der Astrologie.) Am höchsten ist die Zahl der Astrologiegläubigen in der Gruppe der religiös „Unentschiedenen“, die „manchmal an einen Gott glauben, manchmal nicht“ (39%) sowie bei jenen, welche die Existenz eines „leibhaftigen Gottes“ zwar ausschließen, jedoch meinen, dass es „irgendeine höhere geistige Macht gibt“ (37%).9

Diese Merkmale der Verbreitung von Astrologie lassen sich als Verbreitungskennzeichen esoterischer Anschauungen verallgemeinern. Ein gefestigtes traditionell-christliches Weltbild schützt nicht nur vor astrologischen Lehren, sondern lässt generell kaum Interesse an Esoterischem aufkommen. Dementsprechend ist die Esoterik heutzutage ein städtisches Phänomen; in ländlichen Gebieten, in denen traditioneller christlicher Glaube vorherrscht, ist sie gering verbreitet.10

Jedoch verschwimmen die Konturen im traditionellen christlichen Gottesverständnis zunehmend. Dass Gott im Himmel sei und nicht auf Erden, bejahten in einer Umfrage 1997 nur mehr knapp ein Drittel aller einer christlichen Amtskirche nahestehenden Gläubigen. Der Trend bewegt sich zu der esoterisch-pantheistischen Vorstellung, Gott sei auf Erden - vor allem in uns Menschen und in der Natur - anwesend und lebendig. Der Annahme, dass ausschließlich der Mensch eine Seele besitze, stimmten demzufolge nur mehr 24% der Christen und nur mehr 14% aller Befragten zu.* 11 Ein neuer „westlich-großstädtischer Glaubenstyp“ ist entstanden, in dem auch die esoterische Bewegung verankert ist.

„Dieses neue Gottesbild kommt positiv in den Namen zum Ausdruck, die für die transzendenten Wesen oder Mächte verwendet werden: Geister, kosmischer Geist, Schicksal, und vor allem: übersinnliche Kräfte und Energien. Eine Mehrheit bringt jene Wesen bzw. Mächte mit der Natur in Verbindung, ja, ‘Gott’ ist in der Natur bzw. im Kosmos, überall. Entsprechend wird der Transzendenz-Kontakt in der Natur gesucht - aber auch (...) in der Meditation bzw. in Träumen und Visionen. So wenig Bedeutung das Gebet hat, weil das transzendente Gegenüber nicht als Person gedacht wird, so bedeutend ist Telepathie.“ Weiter kennzeichnet diese neue religiöse Gruppe eine Neigung zur Astrologie und zum Gedanken der Wiedergeburt. "Das neue Gesicht Gottes zeigt sich auch darin, dass Buddha als kulturfremder Religionsstifter häufig mit posotiven Eigenschaften in Verbindung gebracht wird: mit Weisheit und Toleranz. Dazu passt, dass der Sinn des Lebens am häufigsten (...) mit seelischem Gleichgewicht gleichgesetzt wird.“12

Esoterik nimmt heute die Stellung einer „Ersatz-Religion“ ein. Die Amtskirchen in Deutschland hatten in den 1990ern jährlich mehrere hunderttausend Austritte zu verzeichnen, gleichzeitig nahm die religiöse Vorstellung in der Bevölkerung immer weiter Abstand von traditionellen Glaubensgrundsätzen der christlichen Kirche. Zwar treten die Amtskirchen auf offizieller Ebene u. a. mit eigenen Sektenbeauftragten gegen den Vormarsch der Ersatz-Religionen an, in der alltäglichen Praxis auf Gemeindeebene mischt sich Esoterisches jedoch reibungslos mit regulären Kirchenthematiken. Neben traditionellen christlichen Übungen wie Klausurgang und Fastenkuren veranstaltet beispielsweise das Bildungswerk des Diöze- sanverbandes München und Freising Kurse in fernöstlichen spiritistischen Methoden, in Lichtmeditation, Shiatsu oder Feng Shui. Ebenso bot Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege in seiner zwölf Jahre lang täglich ausgestrahlten Talkshow esoterischen Heilsversprechern und Wundertätern eine so breite Plattform, dass der Verdacht nahe liegt, nur sein prominenter Name und seine Beliebtheit beim Publikum schützten ihn vor der Maßregelung durch die eigene Religionsanstalt.

Mit der esoterischen Welle vollzieht sich nicht der Untergang der Religion, sondern ihre Privatisierung. „Völlig neue Sozialformen von Religion scheinen im Entstehen zu sein: nicht-institutionalisiert, freischwebend, synkretistisch, weitgehend ohne dogmatischen Kanon, hochgradig individualisiert und privatisiert.“13 Die „neue“ Religiosität des New Age, erfasst vor allem Anghörige der mittleren, wohlsituierten sozialen Schichten. Sie entsteht in Ablehnung starrer, unüberschaubar großer religiöser Verbände und will einen Rückzug ins Natürliche, Private, Überschaubare. Gefragt ist vor allem die persönliche Erfahrbarkeit der Religion. Die neuen Religionsführer wie der Dalai Lama oder Sektengurus wie Sai Baba sind Menschen aus Fleisch und Blut, sie sind für den Einzelnen unmittelbar erlebbar, „anfassbar“. Dementsprechend hoch ist die Zahl der Menschen, die angeben, selbst schon einmal dem Göttlichen begegnet zu sein und eine übernatürliche Erfahrung gemacht zu haben. 13% der erwachsenen deutschen Bevölkerung meinen, „magische Kräfte“ in sich schlummern zu haben, jeder dritte glaubt, schon einmal mit Verstorbenen in Kontakt gewesen zu sein.14

Die eigene Religion lässt sich aus der breiten Palette esoterischer Angebote selbst zusammenstellen. Insgesamt bekennen sich die Hälfte bis zu zwei Drittel der erwachsenen Bundesbürger zu esoterischen Glaubensinhalten wie Geistheilung, Astrologie, Kontakte zum Jenseits, Wiedergeburt, Erdstrahlen, Edelsteintherapie etc. Einige Beispiele zeigen, ein wie hoher Anteil der Bundesbürger esoterischen Inhalten anhängt:15

65% meinen, unheilbar Kranke sollten sich einem medizinischen Laien mit besonderen Heilkräften an vertrauen; knapp jeder fünfte zweifelt nicht an geistiger Fernheilung.

64% der Bundesbürger meinen, Wasseradern und Erdstrahlen störten den Schlaf; Wünschelrutengänger könnten sie aufspüren.

38% glauben, die Zukunft ließe sich übersinnlich voraussehen.

33% glauben an UFOs.

17% glauben, sie hätten schon einmal gelebt und seien wiedergeboren. 14% glauben an Hexen.

14% glauben an das Wirken magischer Rituale.

13% glauben, in Pyramiden entstünden besondere Kraftfelder.

9% glauben, Edelsteine könnten heilen.

Dementsprechend vielfältig ist das kommerzielle Angebot der Esoterik- Szene, die jährlich an die 7,5 Mrd. Euro erwirtschaftet. In seriösen Buchhandlungen nimmt die Verkaufsfläche für übersinnliche und ganzheitsmedizinische Literatur großen Raum ein; 15% des jährlichen Umsatzes im deutschen Buchhandel werden in der Sparte Esoterik erwirtschaftet; unter den bestverkauften Büchern entstammt rund ein Viertel dem esoterischen Bereich.16 Esoterische Spezialbuchhandlungen sind zum lukrativen Geschäft geworden, ebenso der Handel mit heilender „Farbe und Licht“ und Tonträgern mit „meditativen Gebetsrezitationen“. Allein in München, der „Hauptstadt“ der esoterischen Bewegung, findet viermal jährlich eine „Esoterik-Messe“ statt. In Volkshochschulen ist ein weiter Teil des Seminarangebotes der meditativen Selbstfindung Vorbehalten; in regulär ausgeschriebenen Massagekursen wird, anstatt handfester herkömmlicher Techniken, „energetisches Handauflegen“ praktiziert. Das Tarotkartenlegen hat sich zum Hobby vor allem vieler Frauen entwickelt. Schätzungsweise 80% der Konsumenten des Spirit-Angebots sind Frauen, während die Produzenten vorwiegend Männer sind.

„Sieht nett aus und schaden tut’s bestimmt nicht. Wer weiß, vielleicht ist ja doch was dran?“ So lautet oftmals die relativierende Begründung für das Mitmachen im esoterischen Trend. Das häusliche Interieur wird nach Feng-Shui-Kriterien umgestaltet, um dem „Fluss der Energie“ gerecht zu werden. Ein „energetischer“ Kristall wird ans Fenster gehängt, ein Engelschutzgeist symbolisch ans Bett gestellt, ein „heilendes Edelstein-Armband“ getragen, ein alt-germanisches Runenzeichen als Talisman angesehen. Die Vielzahl der esoterischen Richtungen bringt es mit sich, dass fast jede und jeder etwas findet, woran „vielleicht etwas dran sein könnte“.

Der Glaube an Esoterik ist dabei keineswegs eine Frage der Bildung. Mehrfach wurde in Untersuchungen nachgewiesen, dass die Schulbildung dem Glauben an übersinnliche Mächte nur zum Teil abträglich ist.17 Das Interesse für übersinnliche Praktiken ist bei allen Bildungsschichten in annähernd gleichem Maße vorhanden. Bemerkenswert ist, dass Aberglaube auch unter Wissenschaftlern grassiert,18 und selbst in der Buchhandlung des deutschen Bundestages, in der die Mitglieder desselben sowie Journalisten die Kundschaft darstellen, finden sich einschlägige Esoterik-Blätter im Sortiment. Lediglich der Osten der Republik bildet eine Ausnahme: Nur 29% der Bürger der ehemaligen DDR glauben an die Existenz eines höheren Wesens, wohingegen der Anteil im Westen 68% beträgt.19

Die Erfahrung mit esoterisch-okkulten Praktiken nimmt gerade unter Jugendlichen zu. In Schulen kursieren Tarot-Karten und Pendel, in der Freizeit versammeln sich Freundeskreise, um durch Tischchenrücken Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen. Im Glauben an so genannte „schwarze Magie“ bekommen Jahr für Jahr Jugendliche schwere psychotische Leiden, fühlen sich von Geistern verfolgt und durchleben Angstzustände. In „schwarzen Messen“, die dem „Satan“ huldigen, werden „sexualmagische“ Praktiken und Todesrituale vollzogen, die oftmals Tierquälerei oder gar Vergewaltigung einschließen. Der Tierschutz verein München konstatierte 1999, dass vermehrt schwarze Katzen im Münchner Stadtgebiet vermisst werden, und der Verdacht bestehe, dass diese für Schwarze Messen eingefangen werden.20 Insgesamt haben mehr als 50% der Jugendlichen Erfahrung mit okkulten Praktiken. Einschränkend ist festzuhalten, dass die übergroße Mehrheit von ihnen mit Gewaltritualen nicht in Berührung kommt. Die von Zeit zu Zeit in den Medien herausgestellten Gewalttaten mit okkultem Hintergrund stellen Randphänomene dar, die für die Szene gänzlich atypisch sind.

In Diskussionen wird immer häufiger auf eine angebliche schicksal- haft-karmische Vorherbestimmtheit von Ereignissen Bezug genommen. Alle Geschehnisse auf der Erde hätten ihre Berechtigung. Jede Sache besäße zwei Seiten, es komme nur darauf an, das Gute zu sehen, positiv zu denken, dann würde die Realität sich „von selbst“ einrichten. Und so ist es leider kein Einzelfall, wenn sogar der Holocaust von einer 25-jährigen angehenden Heilpraktikerin als „Karma“ der Juden bezeichnet wird, über das zu urteilen ihr nicht zustehe. Mit Sicherheit jedoch habe das Geschehene, der millionenfache organisierte Mord, seine Berechtigung gehabt. Derartige Äußerungen lassen aufhorchen und überlegen, ob hinter der so friedlich-harmonisch wirkenden Fassade esoterischer Lehren nicht ein gefährliches Potential steckt. Der esoterisch begründete Rückzug vor allem junger Menschen aus der gesellschaftspolitischen Verantwortung findet in der neuen Schicksalsgläubigkeit eine seiner Ursachen.

Bevorzugter Anknüpfungspunkt der esoterischen Lehrer sind Existenzängste der breiten Bevölkerung. Die mit der Individualisierung einhergehende Verunsicherung der Menschen in einer schnelllebigen Zeit, in der jeder seinen gesellschaftlichen Platz selbst erkämpfen muss und vor sozialem Absturz nicht gesichert ist, begünstigt die innere Flucht in eine feste göttliche Ordnung, die Verlass und Gewissheit bietet. Während die Reichtümer und technischen Möglichkeiten der Menschheit ins Unermessliche wachsen, steigen auf der anderen Seite Armut und Elend ebenfalls in horrende Dimensionen. Der Einzelne steht dieser Entwicklung machtlos gegenüber und findet im New Age die passende Ideologie, diese Ohnmacht ertragen zu können und gar zu kultivieren.

Im Besonderen knüpft die Esoterik-Welle der 1990er Jahre an den Umweltschutzgedanken an. In den 1980em aufgebauten Schreckens- Szenarien eines möglichen Kollapses des Ökosystems der Erde haben sich tief in das Bewusstsein der Deutschen eingegraben. Umweltschutz rangiert in der modernen Werteskala auf einem der obersten Plätze, dicht hinter der existenziellen Frage nach Arbeit und weit vor dem Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit.21 Umweltschutz erhält den Rang einer Schicksalsfrage des Überlebens der gesamten Menschheit, um deretwillen Einzel- bzw. Gruppeninteressen zurückzutreten haben.

Esoterik greift diese Existenzängste und die Perspektiv- und Konzept- losigkeit nach dem Scheitern alternativer Gesellschaftsmodelle auf. Esoterik ist dienlich, Teilen der Bevölkerung eine umfassende Erklärung für das eigene Dasein anzubieten und ihnen das Fortgehen der Welt und die eigene Rolle darin schlüssig zu erklären. Esoterik ist demnach als Ideologie zu bezeichnen.

Ziel dieses Buches soll sein, in der esoterischen Vielfalt die gemeinsamen gedanklichen Elemente aufzuzeigen und darzulegen, dass die Esoterik eine irrationale Ideologie mit strömungsübergreifenden Grundannahmen darstellt. Um zu einem besseren Verständnis der aktuellen Situation zu gelangen, ist ein Blick auf die historischen Vorläufer der New Age-Bewegung speziell in Deutschland aufschlussreich. Verblüffende Ähnlichkeiten zeigen sich im historischen Vergleich, angesichts dessen die heutigen Ausformungen wie eine simplifizierte Kopie des Altbewährten erscheinen. Die geschichtliche Herausbildung des esoterischen Gedankens ist in den westlichen Industrienationen keineswegs gleichförmig verlaufen. In Deutschland basiert das New Age auf einer mehr als hundertjährigen spezifischen Entwicklung, die der Esoterik-Rezeption hierzulande ihr besonderes Gepräge und ihre Traditionshaftigkeit verleiht. Diese eigene Entwicklung im deutschsprachigen Raum kann nur im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung begriffen werden, besonders mit der „verhinderten Revolution“ und der romantischen Kapitalismuskritik. Im zweiten Teil des Buches wird anhand ausgewählter Vertreter des New Age deren irrationales Grundmuster dargestellt, wobei offenkundig wird, in welch verhängnisvoller Tradition die neuen Heilsbringer stehen.

Exkurs: Ist Esoterik eine Ideologie?

Unter Ideologie wird im wissenschaftlichen Sinne verstanden „jede Theorie oder Weltanschauung (...), die als Teil des kulturellen ‘Überbaus’ von einer ökonomischen, sozialen, materialen Grundlage bestimmt wird“.22 Die Weltanschauung des Menschen kann also als „Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins“23 begriffen werden.
Da das gesellschaftliche Sein keine universale Homogenität besitzt, sondern je nach individueller Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen sozialen Untergruppen geprägt ist, ist Ideologie niemals einheitlich. Die unterschiedlichen sozialen Gruppeninteressen, damit einhergehend die unterschiedlichen Sichtweisen der Welt liegen im Streit miteinander. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestimmen die vorherrschende gesellschaftliche Ideologie. „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“24 Die herkömmliche Verwendung des Begriffs Ideologie konnotiert zusätzlich die Lehre einer falschen Interpretation der Realität. „Im engeren Sinn ist eine Lehre Ausdruck von Ideologie (...), wenn sie die Wirklichkeit verfälscht und dadurch eine gesellschaftliche Funktion erfüllt: Ihre Falschheit besteht darin, dass Partikularinteressen als Interesse der Allgemeinheit ausgegeben werden; die Ideologie dient so der Unterdrückung.“25
In der Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen irrationalen New Age-Strömungen zeigt sich, dass die konzeptionellen Grundgedanken des New Age keine dem herrschenden System gegenüber oppositionelle Idee vertreten, sondern dass sie im Dienste der momentan Machthabenden fungieren und in ihrer Konsequenz systemstützend wirken. Kurz: Esoterik ist eine Ideologie, die den Nutzen einer Minderheit durchsetzen soll und den Interessen der Mehrheit der Menschen schadet.

 

 


Irrationalismus

 
"Es gibt keine ‘unschuldige’ Weltanschauung.“ (Georg Lukäcs)
 

Von heute aus betrachtet tragen alle vor-aufklärerischen Epochen einen gewissen Grad an Irrationalismus in sich, da sie annahmen, bestimmte Gebiete des menschlichen Daseins seien der erkennenden Vernunft prinzipiell nicht zugänglich. Generell werden mit Irrationalismus Weltanschauungen benannt, die auf diese oder jene Weise das wissenschaftliche Denken für unfähig erklären, die bestimmenden Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Realität zu erkennen, und dieses durch andere - für den Irrationalismus höhere - Erkenntnisfunktionen wie Intuition, Erleben, Wesensschau ersetzen wollen.

Indem der Irrationalismus sich gegen die erkennende Kraft der Wissenschaft aufgrund der prinzipiellen Vernunftbegabtheit der Menschen wendet, greift er die Grundlagen der bürgerlichen Demokratie an, die sich aus den Gedanken der rationalistischen Aufklärung ableiten. Ihrem Wesen nach waren die einzelnen Etappen des modernen Irrationalismus jeweils geschichtlich rückwärts gewandte Antworten auf gesellschaftliche Widersprüche.

Als gemeinsame Kennzeichen aller irrationalen Strömungen gelten:

  1. Herabsetzung von Verstand und Vernunft
  2. Kritiklose Verherrlichung der Intuition26
    Esoteriker sehen in der Intuition ein eigenständiges Erkenntnisorgan zur Erfassung höherer Zusammenhänge. Sie stellen es in schroffen Gegensatz zum abstrakten, diskursiven Denken und bezeichnen es mit Eigenschaften wie konkret und synthetisch. Diese Behauptung ist irreführend, denn in der Intuition drückt sich psychologisch nichts weiter aus als ein angeregter Gedankenprozess, der sich unbewusst fortsetzt und plötzlich ins Bewusstsein gerät. Sie ist also nicht vom bewussten Gedanken abtrennbar, sie ist eine Ergänzung des begrifflichen Denkens und nicht sein Gegenteil. Ebenso muss jede neue Erkenntnis auf begrifflichem Wege ihren Ausdruck finden können.
  3. Aristokratische Erkenntnistheorie d. h. nur wenigen Auserwählten wird der Zugang zur Erkenntnis zugebilligt.
  4. Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts
  5. Schaffung von Mythen
    Durch Mythen (Mythos: griech., Rede, Erzählung, Fabel) werden letztgültige und nicht weiter begründungsbedürftige Aussagen postuliert, die die Existenz und Geschichte der Welt und des Menschen auf das Handeln von göttlichen Wesen, deren Wirken im Himmel und auf Erden, zurückführen.

 

Wissenschaftstheoretische Aspekte

Für viele Menschen ist die Esoterik nicht nur Religions-, sondern auch Wissenschaftsersatz. Die Wissenschaft hat durch die Unfähigkeit, die Welt zusammenhängend erklären zu können, enorm an Glaubwürdigkeit verloren. Gesellschaftspolitische Entscheidungen, die durch wissenschaftliche „Sachzwanglogik“ erklärt werden und dem Einzelnen doch im Endeffekt unvernünftig und unverständlich erscheinen, haben die Wissenschaft in das Licht einer „irrationalen Rationalität“, wie Horkheimer sie bezeich- nete, gerückt. Die Esoterik versucht verstärkt, sich in „wissenschaftlichem Gewand“ darzustellen und Patent-Erklärungen für das Fortgehen der Welt zu geben.

In der Wissenschaftstheorie existieren heute verschiedene Erklärungsmuster für die Entstehung und Einordnung der irrationalen Strömungen. Dabei zeigt sich, dass der Irrationalismus ein geistiges Kind der bestehenden Wissenschaftsphilosophie, der positivistischen Wissenschaftstheorie, ist. Er geht aus ihren eigenen Prämissen hervor, stellt sich anschließend gegen sie und greift sie als unzulänglich an.

Die vorherrschende Philosophie im wissenschaftlichen Diskurs kann als die Behauptung einer Nicht-Philosophie bezeichnet werden, einer geforderten absoluten Neutralität der Wissenschaften. Postuliert wird, dass Wissenschaft und Weltanschauung sich gegenseitig auszuschließen haben. Die positivistische Wissenschaftstheorie ist die wohl konsequenteste Vertreterin dieser Art.

Die Entstehung des Positivismus geht einher mit der Begründung der modernen bürgerlichen Gesellschaften. Im England des 17. Jahrhunderts, im Frankreich des 18. und im Deutschland des 19. Jahrhunderts setzte sich mit dem bürgerlichen Staatswesen die industrielle Produktionsweise durch und verdrängte die alten Feudalgesellschaften. Ihr Siegeszug war gleichzeitig der der Wissenschaften. Nur durch die Wissenschaft war die auf technischem Fortschritt beruhende Stärke des Bürgertums möglich geworden. Alle Bereiche wurden zunächst einer schonungslosen verstandesmäßigen, logischen Durchleuchtung unterzogen. Der eigentliche Beginn des Positivismus mit Auguste Comte (1798-1857) liegt im Frankreich dieser Zeit.

Seine moderne Ausprägung erfuhr der Positivismus als „Kritischer Rationalismus“ in den 1960er Jahren. Seine herausragenden Vertreter Karl Popper und Hans Albert konnten Anfang der 1970er Jahre den Streit gegen die Kritische Theorie Max Horkheimers, Theodor W. Adornos u. a. für sich entscheiden. Der Positivismus bestätigte sich damit abermals als bestimmende Richtung innerhalb der deutschen Wissenschaftstheorie.

Unter Positivismus wird verstanden eine „subjektiv-idealistische und ihrem Wesen nach agnostizistische Strömung der bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert. (...) Der Positivismus reduziert die Quelle aller Erkenntnis auf das Gegebene, d. h. auf die durch Beobachtung gewonnenen (wahrnehmbaren) ‘positiven’ Tatsachen. Diese ‘positiven’ Tatsachen sind uns nur als Vielheit (Mannigfaltigkeit) von Empfindungen (Sinneseindrücken) gegeben. (...) Nicht gegeben, weil in den Empfindungen als solche nicht aufweisbar, ist die objektiv-reale Außenwelt.“27

Aus positivistischer Sicht ist die Aufgabe des Wissenschaftlers das Sammeln von Daten und Fakten, sowie das Beschreiben von Beobachtungen der Ursache-Wirkungsbeziehungen. Diese werden nicht in einen historischen Bezugsrahmen gesetzt, sondern nur unmittelbar verstanden. Das Sammeln und Beschreiben von Fakten allein sei objektiv und der Wissenschaft würdig. Sache der Wissenschaft sei nicht, aus den Feststellungen Schlüsse zu ziehen. Die Aussagekraft seiner Forschung beschränkt ein positivistischer Wissenschaftler in der Regel darauf, quantitative Vorhersagen für ein unmittelbar bevorstehendes Experiment zu treffen. Sobald aus gesammelten Erfahrungen, erkannten Wirkungsgesetzen jedoch weiterreichende Schlüsse gezogen würden, lehnt die positivistische Wissenschaft diese mit dem Vermerk: „subjektiv“ ab. Die Welt ist ihr beschreibbar, aber nicht erklärbar.

Einige Beispiele mögen veranschaulichen, was diese Auffassung für das praktische Verständnis der Welt bedeutet: Zwar sei durch die Soziologie eine ungleiche Verteilung von Macht und Reichtum in der Gesellschaft feststellbar, doch Schlüsse über gesetzmäßige gesellschaftliche Dynamiken und folglich ihre Veränderbarkeit könnten daraus nicht gezogen werden. „Die Medizin könne zwar Details der biochemischen Mechanismen in den Zellen erforschen, aber für ein Bild des Menschen als einheitlichen Organismus sei sie nicht zuständig. (...) Die Astronomie könne uns einen unbegrenzten Datenstrom aus dem Universum liefern, aber für ein Weltbild sei sie nicht zuständig.“28

Sämtliche Bereiche der Gesellschaft mitsamt Politik, Geschichte, Kunst und Literatur werden zu zwar wissenschaftlich Beschreibbarem, nicht aber Erklärbarem degradiert. Hierin besteht das Dilemma der positivistischen Weltanschauung und hier setzt der Irrationalismus an. Er bezeichnet die positivistische Auffassung der Wissenschaft zu Recht als unzulänglich und sucht nach einer qualitativ höheren Ordnung der erkennbaren Zusammenhänge der wissenschaftlich isolierten Elemente.

Die einzelnen Elemente mit ihren immanenten Widersprüchlichkeiten, ihrer Wechselwirkung miteinander, ihre Synthese und Verwandlung und schließlich ihr Umschlagen in eine neue Qualität; diesen Prozess kann jedoch nur eine dialektische Philosophie fassen und begreiflich machen. Indem „der Positivismus die wissenschaftliche Dialektik verwirft, eröffnet er die Möglichkeit, die Dialektik in mythischer Form antirational einzusetzen. Typisch für die Irrationalisten ist etwa, die spontane Naturdialektik der griechischen Antike, der indischen oder chinesischen Philosophie aufzugreifen, aber gerade das Unreife und Vorwissenschaftliche daran hervorzuheben.“29

Grundprämisse des im New Age angesagten „neuen Denkens“, die sich auch in dem von Esoterikern viel benutzten Jargon der „systemischen Berachtungsweise“ wiederfindet, ist die Erkenntnis, dass alle Dinge und Erscheinungen wechselseitig miteinander verbunden sind. Diese allgemeine Gesetzmäßigkeit, dass die Wirklichkeit in all ihren Erscheinungsformen in steter, unaufhörlicher Bewegung und Entwicklung begriffen ist, bildet die Grundlage dialektischer Philosophie. Während Teile der dialektischen Analysemethode rezipiert werden, werden andere wesentliche Grundbausteine dialektischen Denkens negiert. So wird im New Age das Prinzip des Umschlagens von quantitativer in qualitative Veränderung metaphysisch eingebaut. Die stufenhaft aufsteigende Entwicklungslehre der menschlichen „Wurzelrassen“ in der Theosophie nimmt diesen Gedanken auf. Die Einheit der Gegensätze wird im Yin-Yang benannt, der Kampf der Gegensätze jedoch negiert. Die Triebkraft der Entwicklung wird in metaphysischer Tradition nicht als den Dingen innewohnend gesehen, sondern als durch überweltliche Mächte diktiert.

Einer Darstellung der New Age-Bewegung der 1990er Jahre genügt jedoch nicht, wer sie als Antwort auf positivistische Grundzüge gängiger Wissenschaft reduziert. Weshalb gerade die esoterische New Age-Bewegung mit ihren Konzepten den momentan passendsten Ausdruck des Irrationalismus darstellt, lässt sich nur durch die spezifischen historischen, sozialen, politischen und ökonomischen Hintergründe, denen der Irrationalismus als geistiges Kind seiner Zeit entwachsen ist, begreifen.

Die New Age-Bewegung fußt auf einer mehr als hundertjährigen nahezu kontinuierlichen Geschichte in Deutschland, die ihr ihr bestimmendes Gepräge verliehen hat. Nur durch diese historischen Wurzeln sind die besonderen Ausformungen des heutigen Irrationalismus im New Age zu verstehen. Deshalb ist der Darstellung aktueller Tendenzen ein längerer historischer Teil vorangestellt.

Im Folgenden sollen, nach einem Überblick über die Entstehungsgeschichte der Esoterik seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, die Hauptrichtungen ihres Auftretens seit ihrer Renaissance 1990 dargestellt werden. Der Blick auf die Historie frappiert; denn die „modernen“ Konzepte des New Age wirken wie ein Aufguss des bereits Dagewesenen: fernöstliche „Heilige“ wie damals Rabindranath Tagore oder heute der Dalai Lama; ideelle Überhöhung matriarchaler Kulturen samt einer Mystifizierung „des Weiblichen“; Rekurs auf rassehygienische, biologistische Konzeptionen der 1920er durch das Revival der Soziobiologie des Jahres 2000; der Untergang des Abendlandes im Kampf der Kulturen. Esoterik ist kein freischwebendes autonomes Denksystem, sondern eine spezifische Form des Irrationalismus. In ihrer Herausbildung war die Esoterik hierzulande eng mit gesellschaftspolitischen Bestrebungen verknüpft. Von völkisch-nationalistischen, antisemitischen Vordenkern entwickelt, mit regressivem Antikapitalismus beladen bildete sich eine spezifisch deutsche Spielart des Irrationalismus heraus, die im erwarteten Reich der nordisch-arischen Rasse kulminierte. Die modernen Vertreter des New Age stehen auf diesem Erbe.

 

 

1  occultum: lat., das Verborgene.

2  esoterikön: griech., nach innen gerichtet.

3  Vgl. Wunder, Edgar: Astrologie - alter Aberglaube oder postmodeme Religion?, in: Kem, Gerhard / Traynor, Lee (Hrsg.): Die esoterische Verführung. Angriffe auf Vernunft und Freiheit, Alibri Verlag, Aschaffenburg 1995, S. 109.

4   Vgl. Howe, Ellic: Uranias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim 1995, S. 245ff.

5  Vgl. Bettermann, Stella / Paetow, Stefan: Horoskope: Blendkraft der Sterne, Focus 52/93, S. 119, zit. in: Goldner, Colin: Die Psycho-Szene, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2000, S. 113.

6  Vgl. ebenda

7  Vgl. Gesellschaft für rationale Psychologie, zit. in: Goldner, Colin: Die Psycho- Szene, S.113.

8  Vgl. Wunder, Edgar: Astrologie - alter Aberglaube oder postmoderne Religion.?, S. 108f.

9  Vgl. ISSP-ALLBUS-Baseline-Befragung des Zentralarchivs für empirische Sozialforschung Köln aus dem Jahr 1991, in: Wunder, Edgar: Astrologie - alter Aberglaube oder postmodeme Religion ?, S. 106.

10  Vgl. Wunder, Edgar: Astrologie - alter Aberglaube oder postmoderne Religion,?, S. 94f.

11  Vgl. Jöms, Klaus-Peter: Die neuen Gesichter Gottes: Was die Menschen heute wirklich glauben, Beck Verlag, München 1997, S. 207, S. 211. Nach einer Umfrage des ORF vom 27.8.2001 gehen 31% der österreichischen Bevölkerung davon aus, dass Pflanzen eine Seele besitzen.

12 Jöms, Klaus-Peter: Die neuen Gesichter Gottes, S. 214f.

13  Wunder, Edgar: Astrologie - alter Aberglaube oder postmodeme Religion?, S. 106.

14  Wiesendanger, Harald: In Teufels Küche. Jugendokkultismus: Gründe, Folgen, Hilfen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 78.

15  Vgl. ebenda.

16  Vgl. Goldner, Colin: Die Psycho-Szene, S. 23.

17  Vgl. Müller, Ulrich: Ergebnisse einer Umfrage unter bayerischen Schülern und Schülerinnen zu Okkultismus und Spiritismus, Roderer Verlag, Regensburg 1989, S. 155ff; vgl. Wiesendanger, Harald: In Teufels Küche. Jugendokkultismus, S. 19.

18  Jeder vierte Medizinstudent der ostberliner Universität Charité hält es für möglich, mit Wünschelruten Wasser zu finden; jeder fünfte rechnet damit, dass Erdstrahlen krank machen können. 61% der kanadischen Hochschulprofessoren halten einer Umfrage zufolge Telepathie für glaubhaft, knapp ein Drittel auch Hellsehen, ein Viertel Astrologie. Vgl. Gertler, Andreas: Die Verbreitung des Glaubens an Wünschelrute und ‘Erdstrahlen’ bei Studenten der ehemaligen DDR, in: Skeptiker 1/1991, S. 20f.

19  Repräsentativumfrage von Emnid/DataConcept im Auftrag von Focus, März 2004.

20  Tierschutzverein München (Hrsg.): Tierisches München. Offizielles Organ des Tierschutzvereins München e.V., Ausgabe Dezember 1999, S. 10.

21 In der Umfrage innerhalb der organisierten Gewerkschaftsjugend, einem Teil der Jugend also, der als politisch bewusster als der Durchschnitt gilt, wurde die Frage gestellt: „Was findest Du für Dein Land zur Zeit wichtig?“ Als „sehr wichtig“ wurden genannt: Arbeitsplätze (81%), Umweltschutz (78%), soziale Gerechtigkeit (55%). IG Metall Vorstand, Abt. Jugend (Hrsg): Hahn, Reinhard / Horn, Hans-Wemer: Eine neue rechte Jugend? Studie zu politischen Orientierungen von Arbeitnehmerjugendlichen, 2. Auflage, Frankfurt/M. 1997, S. 60f.

22  Hügli, Anton / Lübcke, Poul (Hrsg.): Philosophielexikon, Rowohlt, Hamburg 1997, S. 310.

23  Klaus, Georg / Buhr, Manfred (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch, Bd. 1, Verlag das europäische Buch, Westberlin 1975, S. 546.

24  Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, MEW, Bd. 33, S. 46.

25  Hügli, Anton / Lübcke, Poul (Hrsg.): Philosophielexikon, S. 310.

26 „In der Wirklichkeit steht die Sache so, dass die Intuition ein psychologisches Element einer jeden wissenschaftlichen Arbeitsmethode bildet. Bei einer oberflächlichen Betrachtung kann in Bezug auf die Intuition der unmittelbare Schein entstehen, als wäre sie konkreter, synthetischer als das abstrakte, mit Begriffen arbeitende diskursive Denken. Dies ist freilich bloß Schein; denn die Intuition bedeutet psychologisch nichts anderes als das plötzliche Bewusstwerden eines bis dahin unbewusst sich fortsetzenden Gedankenprozesses. Sie ist also sachlich nie vom größtenteils bewussten Arbeitsprozess abtrennbar. (...) Und für das gewissenhafte wissenschaftliche Denken ist es eine ernste Aufgabe, bei diesen ‘intuitiv’ errungenen Resultaten (...) zu kontrollieren, ob sie auch wissenschaftlich standhalten. (...) Die Intuition ist also in Wirklichkeit (...) die Ergänzung des begrifflichen Denkens und nicht sein Gegensatz. Bei einer oberflächlichen Betrachtung entsteht die Illusion, als wäre die Intuition ein von dem abstrakten Denken unabhängiges Organ zur Erfassung höherer Zusammenhänge (...): aus einer subjektivistischen Perspektive scheint es naheliegend, anzunehmen, der dialektische Widerspruch komme auf begrifflichem Wege zustande, während seine synthetische Lösung, seine Auflösung in eine höhere Einheit der Intuition zu verdanken sei. Dies ist natürlich eine Illusion, denn die wirkliche Dialektik drückt jede Synthese wieder auf begrifflichem Wege aus, und keine Synthese wird von ihr als endgültige Gegebenheit anerkannt. Die echte wissenschaftliche Dialektik enthält immer, gerade weil sie die richtige Spiegelung der Gegenstände der wirklichen Welt ist, die begriffliche Verbindung, die begriffliche Analyse von Gedanken. Deshalb ist die Intuition kein Organ der Erkenntnis, kein Element der wissenschaftlichen Methode.“ (Lukäcs, Georg: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler, Werke Bd. 9, Luchterhand, Berlin-Spandau 1962, S. 373)

27 Klaus, Georg / Buhr, Manfred (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch, Bd. 2, Verlag das europäische Buch, Westberlin 1975, S. 954.

28  Scheinost, Peter: Überlegungen zu Herkunft und Bedeutung der Irrationalismus-Epidemie, in: Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung e.V. (Hrsg.): Streitbarer Materialismus Nr. 12, Stephan Eggerdinger Verlag, München 1992, S. 99.

29  Scheinost, Peter: Überlegungen zu Herkunft und Bedeutung der Irrationalismus-Epidemie, in: Streitbarer Materialismus 12 (1992), S. 101.

 



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