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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Goldner, Colin in Skeptiker 4/1992 / Rebirthing - Mißgeburt des New Age / 17.01.2019. - 15:42 / INFOTHEK / Druck beenden




Mißgeburt des New Age

Colin Goldner / Skeptiker 4/1992


Die Grundlagen des Rebirthing, so Hilarion Petzold, sind schlichtweg „klinischer Unfug". Die Atemtechnik an sich ist allerdings ein sehr potentes - und damit auch gefährliches - Instrumentarium. Sie ist in der Lage, „im Körper verdrängtes traumatisches Material" (Löwen) zum Vorschein zu bringen, das, wenn es nicht richtig bearbeitet und integriert wird, zu einem völligen Zusammenbruch des Klienten führen kann.



Esoterisch oder auch „spirituell" angehauchte Therapieformen ziehen immer weitere Kreise. Obwohl die meisten davon ebenso schnell wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie aufgetaucht waren, ist es doch einigen gelungen, sich über längere Zeit hinweg auf dem Psychomarkt zu behaupten. Insbesondere das „Rebirthing", Paradedisziplin des New-Age, erfreut sich regen Zulaufs.

Zunächst handelt es sich bei Rebirthing um eine relativ simple Atemtechnik, deren Wesentliches schlicht darin besteht, möglichst keine Pause zwischen den jeweiligen Atemzügen eintreten zu lassen, also „verbunden" (Strasser) oder „kreisförmig" (Griebl) zu atmen. Besonderer Akzent liegt auf dem Einatmen, das vor allem in den Brustraum geschehen soll. Obgleich solche Technik in der Tat eher harmlosen Charakters zu sein scheint, stellt sie doch, wie jede Form der Atemmanipulation, einen tiefen Eingriff in das Geschehen im Organismus dar. Es bedarf also genauerer Untersuchung, was im Rebirthingprozeß geschieht.

Die unmittelbare Beeinflußbarkeit des gesamten Organismus durch Beeinflussung des Atems war erstmalig von Wilhelm Reich experimentell untersucht worden. Durch dessen orgonomische ebenso wie durch die bioenergetischen Verfahren seines Schülers Alexander Löwen und besonders durch die hyperventilationsinduzierenden Formen der Primärtherapie (Janov) haben Atemtechniken zur Mobilisierung von Regressionen und zur Manipulation von Bewußtseinszuständen auch in die Psychoszene Eingang gefunden. Rebirthing bezieht sich ganz ausdrücklich auf reichianische und neoreichianische Traditionen, ohne diesen Bezug allerdings näher auszuweisen. Stattdessen beschreibt es sich gar als „bahnbrechende Fortentwicklung des Reich'schen Ansatzes" (Orr). Versehen mit dem Etikett der „Ganzheitlichkeit" (Sikora) setzt es sich letztlich in integrales Verhältnis zum gesamten Spektrum therapeutischer Herangehensweisen: von Psychoanalyse und Verhaltenstherapie über die Verfahren der Humanistischen hin zu solchen der Transpersonalen Psychologie: Rebirthing sieht sich als eine der „wirkungsvollsten, fundiertesten und umfassendsten Therapieformen der heutigen Zeit" (Strasser). Weit mehr noch als dies aber sei Rebirthing ein „spiritueller Weg der Selbstfindung", ein „Bad in der Weisheit und Liebe Gottes" (Orr). Es sei die Essenz der mystischen und religiösen Überlieferungen jedweden Kulturkreises und Zeitalters. Wortreich ist die Rede von den ekstatischen Atemriten archaischer Religionen, von den Atemtechniken des indischen und tibetischen Yoga, von den Dhikr-Techniken der Sufis: All dies werde in Rebirthing integriert und ebendadurch gewissermaßen erst auf den Begriff gebracht.

Rebirthing wurde Mitte der 70er Jahre von dem kalifornischen Gelegenheitsschriftsteller Leonard Orr (* 1938) entwickelt, dem es, wie die Legende sagt, durch „göttliche Eingebung" zuteil geworden war. In einem „Hot Tub" (an der Westküste der USA weitverbreitet: ein mit warmem Wasser gefüllter großer Holzzuber) sitzend überkamen Orr plötzlich vorgeburtliche Erinnerungen: Er fühlte sich wie im Uterus seiner Mutter. Gleichgültig, ob es sich nun um „reale" Erinnerung oder um Phantasterei - oder auch nur um einen Marihuana-Trip -handelte: Der ihm eigene Geschäftssinn ließ Orr sofort das enorme Potential erkennen, das in der Vermarktung „vorgeburtlicher Erlebnisse" steckte. Gerade an der Westküste der USA herrschte Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ein beispielloses Aufbruchsklima, insbesondere auch, was neue Wege der Selbsterfahrung und Psychotherapie anbelangte. Eine Vielzahl neuer Ansätze wurde entwickelt und erprobt; kaum eine Idee, die zu sehr „off the wall" war, nicht gerade deshalb begeisterte Anhänger zu finden.

Im Bestreben, irgendwie in das florierende Psychogeschäft miteinzusteigen, trieb Orr also seine Badewannenuntersuchungen voran. Wie er selbst berichtet, lag er oft stundenlang grübelnd in seinem Zuber. Der „Durchbruch" gelang ihm mit der Idee, sich, versehen mit einer Nasenklemme und einem Schnorchel, unter Wasser aufzuhalten: Nicht nur intensivierten sich dadurch seine intrauterinen Erinnerungen - er konnte, wie er behauptete, als deren Offenbarung sogar seine eigene Geburt wiedererleben (daher: „re-birthing").

Umgehend und ohne irgendwelche weitere Absicherung begann Orr, diese „Entdeckung" zu vermarkten. Ab Sommer 1974 veranstaltete er in San Francisco sog. „Rebirthingseminare", bei denen er seine „Klienten" in einen Warmwasserbottich steigen und sie dort nach vorgeburtlichen Erfahrungen suchen ließ. Bald allerdings merkte er, daß gar nicht, wie angenommen, das Untergetauchtsein im warmen Wasser das Entscheidende war: Die beabsichtigte Regression (wohin auch immer) bedingte sich vielmehr durch die besondere Art des hyperventilierenden (Schnorchel-)Atmens. In der Folge verlagerte Orr das Rebirthing daher aufs Trockene. Die Atemweise blieb dieselbe, allerdings unter Weglassung des Schnorchels und mit Vorzug auf Nasenatmung.

Solch bloße Atemtechnik zur Induktion tranceähnlicher Regressionszustände war indes nichts sonderlich Neues (und daher wenig profitträchtig): Aus der bioenergetischen oder primärtherapeutischen Arbeit etwa waren Methoden des forcierten Atmens bereits hinlänglich bekannt, die, im Gegensatz zum Rebirthingatmen, zudem auf der Grundlage ausgearbeiteter Theorie und solider empirischer Erfahrung eingesetzt wurden. Um diesen Mangel an eigenem Grund auszugleichen, erklärte Orr das Rebirthing einfach zum „Integral sämtlicher bisher entwickelten Therapieformen", in dem deren Gesamtheit an Theorie und klinischer Erfahrung sich auf eine Formel verdichte: „Der alte Traum der Wissenschaft ist wahrgeworden" (Orr).

Orr hatte beobachtet, daß durch „pausenloses", beschleunigtes Atmen verschüttete Erinnerungen und Bilder wachgerufen werden konnten, letztlich sogar Empfindungen aus peri- und gar pränatalem Erleben. Gerade das erneute Hindurchgehen durch die - allemal traumatischen - Erfahrungen der eigenen Geburt, so das zentrale Konstrukt des Rebirthing, löse all die „negativen Lebensprogrammierungen" auf, die sämtlich in ebendiesen ihre Ursache hätten: Ein buchstäblich neugeborener, freier, glücklicher Mensch sei die Folge.

Die Vorstellung des Geburtstraumas als Wurzel aller Probleme und Störungen ist ebenfalls nicht neu. Sie findet sich bereits bei Sigmund Freud und wurde von seinem Schüler Otto Rank weiter ausgeführt. Orr nun pathologisiert den Geburtsvorgang in die Totale: In ihm liege die entscheidende Ursache für jedwede Störung.

Unzweifelhaft ist das Geburtsereignis in einem der heutigen Kreißsäle eine wenig angenehme Erfahrung - für das Baby ebensowenig wie für die Mutter. Allein der Umstand, daß Kinder in Krankenhäusern geboren werden mit all ihrer kalten, sterilen Apparatur und Atmosphäre, ist diesen gewiß kein freundlicher Empfang. Wie neuere Untersuchungen nahelegen, nimmt bereits der Fötus, der sich noch in der Gebärmutter befindet, weit mehr und sehr viel differenzierter wahr, als bislang angenommen wurde. Dies gilt natürlich auch für den Geburtsvorgang selbst (Gross). Unbestreitbar besteht auch ein direkter Zusammenhang zwischen prä- und perinatalem Erleben und dem späteren Werdegang eines Menschen: In einer Vielzahl gerade psychosomatischer Symptombildungen spiegeln sich ganz offenbar traumatische Erfahrungen vor und während der Geburt wider (z.B. Asthma, Colitis, Migräne, Bronchitiden usw.). Die immer noch bestehende Lehrmeinung der frühkindlichen Amnesie ist „nichts weiter als Mythos" (Janus). Solch übliche Traumatisierung ist allerdings nicht Naturgesetz. Wie Hilarión Petzold (Direktor der Europäischen Akademie für Psychosoziale Gesundheit in Düsseldorf) anmerkt, widerspräche sie als solches dem „evolutionsbiologischen Prinzip der Funktionsoptimierung". Traumatisierend für das Neugeborene sind (bei einer ,,Normal"-Geburt) allenfalls die äußeren (zivilisatorischen) Umstände, unter denen es zur Welt kommt (Temperaturschock, Lichtschock, zu frühe Abnabelung usw). Um solches zu vermeiden, finden Methoden der „Sanften Geburt" (nach Leboyer) zunehmend Verbreitung.

Die wesentliche Fragestellung ist nun, ob die Technik des Rebirthing, wie sie vorgibt, in der Tat ein Beitrag sein kann zur Heilung prä- oder perinataler Traumata bzw. deren Folgen.

Um es zu wiederholen: Rebirthing ist in erster Linie eine Atemtechnik. Der Klient, auf dem Rücken liegend, wird angewiesen, seinen Atem „kreisförmig" (sprich: ohne Pause zwischen Ein- und Ausatmen) fließen zu lassen, allerdings mit Betonung auf dem Einatmen. Zudem soll er schneller atmen als gewöhnlich und vorwiegend in den Brustraum. Eine derartige Sitzung dauert etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Zehn solche Einheiten sind als Minimum vorgesehen. Was in den Sitzungen geschieht (bzw. geschehen soll), wird in der Rebirthingliteratur in der Regel durch rein subjektive Erfahrungsberichte wiedergegeben: „Plötzlich atmete ich sehr tief und sehr schnell, wie nie zuvor in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, zerrissen zu werden...Ich wurde durch einen schwarzen Tunnel in Bewußtseinsräume aus Angst, Panik, Energieexplosionen, unbändiger Freude, Weite und unendlicher Liebe geschleudert. Mein Atem jagte mich mit rasender Geschwindigkeit in schneller werdenden Drehungen durch den Strudel meines eigenen Bewusstseins, hinein in das brodelnde Meer meines Unterbewußtseins...Hier brodelte und kochte es etwas brach sich Bahn...Dann plötzlich war alles vorbei. Wie aus einer dunklen Höhle ging ich hinaus in die Welt voller warmem Licht. Frische, Freiheit und Geborgenheit umfluteten mich" (Griebl).

Diese Berichte (die den größten Teil einschlägigen Literatur ausmachen) bedienen sich durchgängig des gleichen sprachlichen Duktus. Mit dickaufgetragenem Pathos („Mein Bewußtsein hatte eine Schallmauer durchbrochen") wird der Eindruck profundester Selbsterkenntnis und tiefgreifendsten therapeutischen Wandels erweckt, was die Frage nach klinischer Validierung völlig überflüssig erscheinen läßt.

Das Angebot an Theorie ist dürftig und im wesentlichen nichts anderes, als ein trivialisierte Kopie des Reichschen Orgasmusmodells: Das Rebirthingatmen bewirke „eine Erhöhung der energetischen Ladung", die zu einer „Klimax" mit „Entladung von Spannung" führe, in der dann - auf magisch-mystische Weise -das „Bewußtsein von negativen Inhalten entleert" werde (Leopoldt). Solche Idee lehnt sich auch an das Janovsche Postulat des „Urschmerzspeichers" („primal pool") an, der geleert werden müsse. In der Primärtherapie selbst allerdings gilt solches Postulat längst schon als obsolet (Volz-Ohlemann).

Die Vorstellungen der Rebirther gelten als völlig unausgegorenes Stückwerk, das durch Versatz mit ein paar klinischen Begriffen den Eindruck erwecken soll, als handle sich um fundierte theoretische Überlegungen. Orr etwa wird nicht müde, seine Platitüden als „wissenschaftlich absolute Wahrheit" zu verkünden.

Auch wenn von Rebirthern stets heftigst in Abrede gestellt, ist der ganze Prozeß, ähnlich dem forcierten Atmen der Primärtherapie oder dem so bezeichneten „Holotropen Atmen" (Grof) - früher auch LSD-Breathing genannt - doch ganz ausschließlich durch Hyperventilation induziert: Beim Rebirthingatmen wird die alveoläre Ventilation erhöht. Durch die hohe Atemfrequenz mit inspiratorischer Verschiebung der Atemruhephase wird mehr CO2 (Kohlensäure) abgeatmet, als im Stoffwechsel entsteht: Es kommt zu einem Abfall der CCte-Spannung im Blut (Hypokapnie) und zur sogenannten respiratorischen Alkalose (Störung des Säure-Basen-Haushalts). Einhergehend damit kommt es zu neuromuskulärer Übererregbarkeit mit tetanischen Symptomen (Parästhesien, Pfötchenstellung usw.) sowie zu einer Aktivierung des Sympathikus (Pulsanstieg, EKG-Veränderungen mit Extrasystolen). Ebenso treten Veränderungen in der regionalen Durchblutung auf: insbesondere die Gehirndurchblutung nimmt ab, was klinisch zu einem Präkollaps (Bewußtseinsstörungen, Schwindelgefühle) oder sogar zu einer Ohnmacht („Blackout") führen kann (Siegenthaler).

Eben diese - gelegentlich als „rauschartig" beschriebenen - Extremerfahrungen, die sich durch das manipulierte Atmen einstellen, lassen dieses so attraktiv erscheinen. Die auf solche Weise hervorgerufene Intensiverfahrung des emotionalen und körperlichen Aufgewühltseins ist allerdings keineswegs ungefährlicher Zeitvertreib. Wie Hilarión Petzold betont, können derlei Eingriffe ins Atemgeschehen nachgerade fatale Folgen zeitigen.

Der Umstand, daß das im Rebirthingprozeß sich vergegenwärtigende „Primärmaterial" häufig „geburtsbezüglich" ist, hat weniger mit der Atemtechnik an sich zu tun, als vielmehr mit der ergebnisleitenden Intention, in der diese eingesetzt wird: Wie alleine der Begriff „Rebirthing" schon nahelegt, geht es ganz ausdrücklich um das „Wiedererleben der eigenen Geburt", das sich folglich auch vollzieht. Die Frage, ob die erinnerten Szenen und Konstellationen „authentisch" sind, wie die Rebirthingtheorie behauptet, oder eher von symbolischem, metaphorischem Charakter, ist (klinisch) von keinerlei Relevanz: Als subjektives Erleben sind sie allemal authentisch und bedürfen einer entsprechenden therapeutischen (sprich: phänomenologisch-hermeneutischen) Bearbeitung, was allerdings das Rebirthing gerade nicht vorsieht bzw. ausdrücklich ausschließt.


In den Sitzungen mancher Therapeuten taucht regelmäßig auch „intrauterines" Erinnerungsmaterial auf. Auf einem Rebirthingkongreß (Osnabrück 1989) berichtete eine Teilnehmerin - vielbeklatscht - von ihrer Rebirthingerfahrung als „Ei" im Uterus ihrer Mutter, das sich gegen eine Unzahl aufdringlicher Spermien zur Wehr setzen mußte. Sie habe diesen Kampf verloren (!), was sich in ihrem späteren Leben in einem steten Gefühl des Unterlegenseins manifestiert habe. Durch Rebirthing sei ihr dieser Zusammenhang bewußt geworden und sie habe ihn so lösen können. Selbst hinter den Augenblick der Befruchtung könne zurückgeatmet werden: Das Wiedererinnern „früherer Leben" ist wesentlicher Bestandteil der Rebirthingtherapie. Gelegentlich ist auch von Erinnerungen an vormalige Existenzen in Tier- oder Pflanzenform die Rede; ein fortgeschrittener Adept berichtete auf besagtem Kongreß von seinem „früheren Sein" als „Meteorit", als welcher er aus den Tiefen der Galaxis auf die Erde gekommen sei.

Allerdings gibt es auch Rebirther, die sich von derlei esoterischem Komplettblödsinn distanzieren und versuchen, sich einen eher wissenschaftlich-seriösen Anstrich zu geben. Außer einer etwas elaborierteren Terminologie haben aber auch diese rein gar nichts zu bieten, was den Anspruch rechtfertigen könnte, Rebirthing sei „eines der stärksten Heilmittel, die die Psychotherapie entwickelt hat" (Strasser): Anthropologie, Persönlichkeitstheorie, Neurosenlehre, Entwicklungstheorie, Diagnostik, Interventionslehre usw. usw.: Völlige Fehlanzeige. Die Grundlagen des Rebirthing, so Hilarion Petzold, sind schlichtweg „klinischer Unfug". Die Atemtechnik an sich ist allerdings ein sehr potentes - und damit auch gefährliches - Instrumentarium. Sie ist in der Lage, „im Körper verdrängtes traumatisches Material" (Löwen) zum Vorschein zu bringen, das, wenn es nicht richtig bearbeitet und integriert wird, zu einem völligen Zusammenbruch des Klienten führen kann.

Wie Petzold schreibt, vermitteln die Interventionstechniken des Rebirthing intensive emotionale Erfahrungen, die für den gesunden Menschen allenfalls ein guter „Trip" sind, vielleicht auch ein Anstoß, wie er durch Grenzerfahrungen erfolgen kann. Für den somatisch kranken Menschen (z.B. Herz-Kreislauflabili-tät), für psychosomatische Patienten (Asthma, Colitis usw.) sind die Eingriffe in die Atmung, die durch die Rebirthingpraktiken bewirkt werden, höchst gefährlich. Für Menschen, die an schweren neurotischen Störung leiden oder an einer psychiatrischen Erkrankung, bergen die ateminduzierten Regressionstechniken massive Gefahren: Sie können in eine „maligne Regression" führen, d.h. in psychotische Entgleisungen oder suizidale Krisen. Verschiedentlich waren schon bei Patienten nach Rebirthingsitzungen Kriseninterventionen notwendig. Insbesondere der warnende Hinweis, daß nichtintegrierte Rebirthingsitzungen -ein therapeutisches Durcharbeiten erfolgt in der Regel nicht - noch nach Monaten, ja, Jahren zu schweren psychischen und psychosomatischen Reaktionen führen können, wie Petzold beobachten mußte. Arbeit auf der Ebene der „autonomen Körperreaktionen" wie sie von Groddeck, Reich und Ferenczi eingeführt und praktiziert wurde und wie sie verschiedene körper- und primärtherapeutische Schulen ausgebaut haben, sind sicher als eine grundsätzliche Bereicherung des psychotherapeutischen Instrumentariums anzusehen, wertvolle Techniken, die im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzept bei entsprechender Indikation und Vorbildung des Therapeuten eingesetzt werden können. Aber um mehr als um Techniken für eine bestimmte Indikation handelt es sich nicht, trotz aller behaupteten Ansprüche.

Ein therapeutisches Durcharbeiten des aufgerissenen Materials ist ausdrücklich nicht vorgesehen. In der ihnen eigenen Banalrezeption des Reichschen Modells gehen die Rebirther (unsinnigerweise) davon aus, die der „Energieentladung" folgende „Entspannung" sei automatisch integrativ" (Orr). Der ganze Prozeß sei daher „absolut harmlos" (Griebl). Einer kontinuierlichen Nach- oder Weiterbearbeitung der in der Atemsitzung gemachten Erfahrung bedürfe es daher nicht: „Der verstärkte kreisförmige Atem allein hat die Kraft, das unbewußte Material zu aktivieren und auch wieder zu integrieren" (Leopoldt). Jede Nacharbeit schwäche den Integrationsprozeß und sei insofern kontraindiziert.

Solche Praxis allerdings reicht nahe an die Grenze des Kriminellen heran, desgleichen die sogenannte „Indikationslehre" des Rebirthing: So sei dieses „speziell indiziert" bei „allen psychosomatischen und neurotischen Störungen und Erkrankungen; bei Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck; bei Asthma, Magen-Darm-Erkrankungen und als Begleittherapie bei Krebserkrankungen" (Leopoldt). Daneben bei „Übergewicht, Schlafstörungen, Drogenabhängigkeit, Job- und Beziehungsproblemen, Folgen von Vergewaltigung usw." (Laut). Insbesondere sei Rebirthing auch zu empfehlen für Schwangere, die dadurch ihrem Neugeborenen das Geburtstrauma ersparen (Dansby). Teils sind solche Behauptungen einfach himmelschreiender Unfug, teils sind sie aber auch eine Angelegenheit für den Staatsanwalt: Ohne diagnostische Kenntnis und differenzierte Indikationsstellung Rebirthing zu betreiben, ist unverantwortliche Scharlatanerie. Den Klienten vor der Sitzung ein Papier unterzeichnen zu lassen (wie dies üblich ist), alles geschehe auf „eigenes Risiko", steigert die Verantwortungslosigkeit in blanken Zynismus. Hinzu kommt, daß Rebirthing oftmals in Gruppen durchgeführt wird, gelegentlich mit bis zu einhundert Teilnehmern und mehr. Im allgemeinen Chaos des Keuchens, Schreiens, Kreischens usw. wäre es völlig unmöglich, einen akuten Notfall bei einem Klienten rechtzeitig wahrzunehmen. Nach klinischer Qualifikation wird nicht gefragt: „Alle Rebirther arbeiten aus ihrer eigenen göttlichen Autorität heraus" (Orr). Die durchgängig höchst obskuren „Trainings", durch die man - oft in einem einzigen Wochenendworkshop - zum „Rebirther" werden kann, können die qualifizierte Handhabung einer derart tiefgreifenden psychophysischen Technik nicht gewährleisten.

Rechtlich gesehen dürfen derartige therapeutische Atemtechniken nur von Ärzten, Heilpraktikern und den entsprechenden Medizinfachberufen, etwa Krankengymnasten oder Logopäden, ausgeübt werden. Heilpraktiker (Hp) sind allerdings nur rein formal zu therapeutischer Arbeit berechtigt. Zur Ablegung der Hp-Prüfung bedarf es bekanntlich keiner Ausbildung. Der Besuch einer der zahlreichen Heilpraktikerschulen ist nicht verpflichtend, abgesehen davon, daß diese staatlich weder anerkannt noch genehmigt sind, ihre Curricula also keinerlei qualitativer Kontrolle unterliegen. Laut Gesetz wird bei einem Heilpraktiker lediglich überprüft, ob er weiß, was er als solcher nicht darf (Behandlung in den Bereichen der Gynäkologie und der Zahnheilkunde, Behandlung von meldepflichtigen Infektionskrankheiten usw.). Eine Überprüfung seiner tatsächlichen Heilkenntnisse findet, wenn überhaupt, nur in sehr oberflächlicher Weise statt, so daß - man kann diesen Verwaltungsakt endlos wiederholen - irgendwann selbst der Ahnungsloseste durchkommt. Ausgestattet lediglich mit Minimalkenntnissen kann ein Heilpraktiker sich nun in nahezu jedem medizinischen Bereich zu schaffen machen. Insbesondere im Bereich der Psychotherapie sind ihm keinerlei Schranken auferlegt, obwohl er hier noch nicht einmal Formalkenntnisse nachweisen muß, geschweige denn irgendwelche inhaltliche Qualifikation. Das immer noch gültige Heilpraktikergesetz aus dem Jahre 1939 leistet Scharlatanerie geradewegs Vorschub. Ein klares Psychotherapiegesetz ist dringlichst vonnöten. Auch die inzwischen vielerorts angebotenen zwei- oder gar dreijährigen „Trainings" können nicht als ausreichende Qualifikation (weder rechtlich noch inhaltlich) angesehen werden. Meist wird die Atemtechnik des Rebirthing lediglich mit ein paar weiteren Psychotechniken (vorzüglich Neurolinguistisches Programmieren/ NLP, auch Kinesiologie und dergleichen) verquickt, oder aber es wird schlicht der Rahmen ein wenig variiert: Man betreibt das Rebirthing etwa in eiskaltem Wasser, oder, abwechselnd dazu, im türkischen Dampfbad; oder man verlegt das Ganze auf eine Insel im Mittelmeer (für Betuchtere wahlweise auch nach Thailand). All solche Kapriolen lassen indes weder das Rebirthing noch seine Vertreter klinisch qualifizierter erscheinen, ebensowenig das astrologische Horoskop, das für sämtliche Teilnehmer eines Rebirthingtrainings (Etora-Zentrum auf Lanzarote) extra erstellt wird.

Nur die wenigsten Rebirther verfügen über einen medizinischen oder psychosozialen Grundberuf oder irgendwelche solide klinische Ausbildung. Nicht nur sind sie inhaltlich völlig unqualifiziert, mit einer derart potenten, sprich: gefährlichen Technik umzugehen, sie machen sich auch strafbar. Sofern sie nicht approbierte Ärzte sind bzw. eine Formalerlaubnis als Heilpraktiker besitzen, sind sie nicht befugt, Rebirthing oder eine seiner Varianten (Vivation, Pulsation etc.) zu betreiben. All die Trainings- und Ausbildungsprogramme, die auf solchen Umstand nicht hinweisen, sind ungesetzlich und damit ebenfalls strafbar (vgl. Urteil Landgericht München I, Az: 4K07914/88). Es ist hierbei völlig unerheblich, unter welchem Etikett Rebirthing firmiert: Um die gesetzlichen Bestimmungen zu umgehen, weist man gelegentlich darauf hin, Rebirthing sei gar nicht Therapie, sondern vielmehr ein „Weg zu spiritueller Erleuchtung" (Orr), der als solcher selbstredend nicht unter das Heilpraktikergesetz falle.

Der Umstand, daß neuerdings in Kreisen des Rebirthing viel von „sanfter" und „integrativer" Arbeit (Stellberg) gesprochen wird, in der manipulative Eingriffe oder auch Hyperventilation gar nicht mehr vorkämen, ist wohl in erster Linie auf eine Studie zurückzuführen, die im Auftrage von Psychologie heute durchgeführt wurde und in der die mangelhafte Theorie sowie die völlig unverantwortliche Praxis des Verfahrens erstmalig an die Öffentlichkeit gebracht worden waren (Goldner, C.: Rebirthing, 7/90). Seither gibt man sich nach außen hin wesentlich vorsichtiger: so wurden etwa von den Hauptvertretern der Szene eiligst drei neue Rebirthingbücher (Stellberg, Orr/Halbig) auf den Markt gebracht mit weit zurückhaltenderer Formulie-rung. An den Inhalten oder der Vorgehensweise des Rebirthing hat sich freilich nicht das Geringste geändert. Auf die in Psychologie heute vorgetragene Kritik wird in den Neuerscheinungen mit keinem Wort eingegangen. Die Stiftung Warentest, die immer wieder vor den Gefahren unsachgemäß angewandter Psychotechniken warnt, rät insbesondere davon ab, sich einem Rebirther anzuvertrauen (Test 9/91).

Die Rebirthingszene hat sich im wesentlichen zur Blütezeit der Bhagwan-Bewegung (1978-83) konstituiert. Als eine der bevorzugten Therapien des Ashram in Poona war Rebirthing von den Sannyasin (Rajneesh-Anhänger) in deren zahlreichen Meditationszentren weltweit verbreitet worden. Simpel in der Technik und unmittelbar in der Wirkung bot sie sich für die exaltierten Therapieinszenierungen der Rajneesh-Bewegung geradezu an. Insbesondere konnte jeder Sannyasin plötzlich selbst als „Therapeut" tätig werden: ein paar Sitzungen „Selbsterfahrung" und Bhagwans „spirituelle Führung" reichten als Qualifikation vollauf: „Die wahre Qualifikation eines Therapeuten kann ohnehin nur Gott beurteilen" (Rajneesh). Frei von beunruhigenden Fragen nach klinischer Kompetenz konnte jedermann sich in narzißtischen Größen- und Allmachtsphantasien gefallen und „auf-Teufel-komm-raus" drauflos„therapieren": Kaum eine Form der Gewalt und Vergewaltigung, die nicht im Gewände des „therapeutischen Experiments" betrieben worden wäre.
 
Die Hauptprotagonisten der heutigen Rebirthingszene entstammen zum großen Teil dem (Ex-)Rajneesh-Umfeld. Ohne die Sannyasin wäre Rebirthing vermutlich längst in der Versenkung verschwunden. Durch deren weltweite Unterwanderung der Psychoszene hat es sich indes zur zentralen „Therapie"form der immer weitere Kreise ziehenden „Spirituellen Psychologie" (New-Age) entwickelt. Bei den Rebirthern handelt es sich durchgängig um eine „im höchsten Grade unprofessionelle Szene" (Petzold), auch wenn sie einige Akademiker in ihren Reihen führt und mancherlei Anlauf unternimmt, sich professionelle Konturen zuzulegen. Hieran ändert auch der bemühte Eifer beispielsweise eines Prof. Dr. Schusser (Universität Osnabrück/FB Pädagogik und Psychologie) nichts, der sich dazu versteigt, Rebirthing gar die Wertigkeit einer „Meta-Therapie" (Görner u.a.) zuzuerkennen.

Die sonstigen „Bestandteile" des Rebirthing, obgleich in der einschlägigen Literatur als unentbehrlich beschrieben, sind doch bestenfalls als Staffage zu sehen. Hier gilt es insbesondere die „Affirmationstechnik" zu erwähnen, mittels derer das Unbewußte „positiv umprogrammiert" (Griebl) werden soll: Hier geht es schlicht darum, sogenannte „positive Suggestionen" („Ich bin eine wunderbare, liebenswerte Person") wiederholt (vier Wochen lang täglich 20mal) aufzuschreiben und zwischen den Sätzen bewußt tief zu atmen: „Dadurch beeindrucken Sie Ihr Unterbewußtsein besonders stark" (Griebl). Daneben sollen diese Affirmationen auf Tonband (am besten: mit Endlosschleife) gesprochen und während des Schlafes oder während des Autofahrens gehört werden: „Dies radiert die alten Gedankenmuster aus und bewirkt die erwünschte Änderung" (Orr). Wem selbst keine Affirmationen einfallen, dem kann mit einem Set vorformulierter Kärtchen („Ein Kurs für Wunder") geholfen werden, auf denen solche - für jede Lebenslage passend - zusammengestellt sind: „Es gibt überhaupt keinen Grund zur Sorge" (Griebl).

Die Technik des Rebirthing bringt behandlungsmethodisch nichts Neues. Neu ist lediglich die obskurantistische Hintergrundsideologie: Wie bereits angedeutet, versteht Rebirthing sich vorrangig als „spiritueller Weg". Als solcher bietet es ein umfängliches Sammelsurium an religiös bzw. mystizistisch angehauchten Heilsversprechungen: In deren Mittelpunkt steht die Lehre von der „physischen Unsterblichkeit", die durch Rebirthing erlangt werden könne: „Auch wenn wir darauf konditioniert sind zu glauben, der Tod sei unausweichlich, ist es dennoch möglich, ewig zu leben" (Orr). Der Umstand, daß zweifellos viele Menschen sterben, sei nichts anderes als der schiere Beleg für die Wirksamkeit der Affirmationstechnik: „Wenn man ständig zu hören bekommt, man müsse eines Tages sterben, stirbt man letztlich auch" (Orr). Wortreich ist die Rede von spirituellen Meistern, die „nachweislich bereits seit mehreren hundert Jahren auf Erden weilen" (Orr). Jesus etwa sei mittels Rebirthing von den Toten auferstanden.

Darüberhinaus beschreibt Rebirthing sich als Allheilmittel gegen jedwede Erkrankung. Selbst bei Krebs und AIDS sei es das Therapeutikum schlechthin: „Fast zur selben Zeit, in der die vernichtende Krankheit AIDS aufgetaucht ist, hat man auch das spirituelle Heilmittel Rebirthing entdeckt" (Griebl). In der „Durchdringung jeder einzelnen Zelle des Organismus mit der heilenden Kraft des Universums", sei es durch Rebirthing sogar möglich, den „biologischen Alterungsprozeß umzukehren" (Orr) - eine Behauptung, die bei der unlängst durchgeführten Deutschlandtournee Orrs im Frühjahr 1992 auf nachgerade groteske Weise ihre Widerlegung fand: Orr - auffällig gealtert (er ist Mitte 50) - trat kahlgeschoren auf mit einer taubeneigroßen Geschwulst am Hinterkopf, die er sich ganz offenbar nicht hatte „wegrebirthen" können.

Neben solch esoterischem Allotria wendet Rebirthing sich ganz ausdrücklich auch materiellen Dingen zu: In sogenannten „Money&Love"-Seminaren werden Strategien entwickelt, wie man auf möglichst einfache und schnelle (aber nicht notwendigerweise koschere) Weise zu Geld kommen kann. Skrupellosigkeit wird zum Programm, gar zum Ethos erhoben. Einer der prominentesten Vertreter des Rebirthing, der Amerikaner Phil Laut, war vor seiner Berufung zum „spirituellen Lebenslehrer" Finanzberater eines US-Computerkonzerns. Er ist Herausgeber des Rebirthingstandardwerkes: „Money Is My Friend".

Die Rebirthing"seminare" selbst und insbesondere die „Trainings" und „Ausbildungen" sind beredtes Beispiel für die Art und Weise, wie man die „schnelle Mark" macht. Ist eine Einzelsession mit DM 80 bis 170 noch relativ preiswert, so wird es für ein 2- Tage-Seminar „Physische Unsterblichkeit" (C.U.B.Brown) für DM 400 oder „Kaltwasserrebirthing" (Griebl) mit DM 540 schon teurer. Eine vierwöchige Ausbildung zum „Qualified Rebirther" (Etora/Lanzarote) kostet DM 7.760. Entscheidend ist, daß diese „Ausbildung" weder klinisch noch rechtlich zu irgendetwas qualifiziert. Das überreichte „Abschlusszertifikat" ist gerade soviel wert wie das Papier, auf das es gedruckt ist (wie neuerdings - im Programm für 1991/92 - sogar Etora selbst einräumt: „Das Zertifikat hat keinen rechtlich offiziellen Charakter..."). Die Rebirthingausbildung in einem „Zentrum für ganzheitliche Beziehungen" im Raum Frankfurt - ebensowenig qualifizierend wie das Etora-Training oder auch das angebotene „Certification-Training" von Orr selbst -kostet gar satte DM 11.500.

Symptomatisch für die Rebirthing sind auch die regelmäßig wiederkehrenden Kettenbriefe und Einsatzspiele (z.B das sogenannte „Pilotenspiel"), die von dieser gewinnbringend in die Welt gesetzt werden. Betrügereien in kleinem wie in großem Stil nahmen derart Überhand, daß ein prominenter Vertreter des Rebirthing, der Stuttgarter Henner Ritter („Prana-Energetik"), sich genötigt sah, zur Mäßigung aufzurufen und seine Kolleginnen sogar mit Strafanzeige bedrohte: In einem Rundschreiben an die „International Rebirth-Commune" beklagt er, daß durch solche Machenschaften „die ganze Bewegung und Technik in Diskredit gebracht wird."

Wie Hilarion Petzold schreibt, garantiere pseudoreligiöse Bauernfängerei in Verbindung mit potenten Psycho- und Körpertechniken auf dem Hintergrund der emotionalen und spirituellen Bedürftigkeit unserer Zeit den Erfolg von Quacksalberei und Scharlatanerie. Nichts sei einzuwenden gegen ateminduzierte Regression oder therapeutische Arbeit auf der Primärebene, viel indes gegen „Rebirthing in the New Age".

 

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Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-