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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Graneis, Claudia - Veröffentlicht von Cornelius Courts am März 14, 2014 / TCM – Zwischen uralten Heilsversprechen und Tierexkrementen / 17.01.2019. - 16:43 / INFOTHEK / Druck beenden




 

Für viele wissenschaftliche Erklärungs- oder Deutungsmodelle existieren heute und zum Teil schon seit Ewigkeiten esoterische Gegenentwürfe: die Astrologie behauptet beispielsweise, die Konstellation kosmischer Objekte habe einen Einfluss auf das Schicksal der Menschen, die Homöopathie sieht in Verdünnungen eine Potenzierung und erwartet höchste Wirksamkeit aus Nichts, die noch junge und diffuse Quantenesoterik schließlich (mein Sammelbegriff für die gesammelte Scharlatanerien, die irgendwo in ihren Dienstleistungsbeschreibungen den Begriff „Quanten“ untergebracht haben, seien es Quantenheilung, Quantenreinigung oder der Vertrieb von Atlantis-Matrix-Quanten-Delphinen) bietet für so ziemlich jedes Problem eine Lösung an. Aber auch die “traditionelle chinesische Medizin” (TCM) gehört ganz sicher in die Reihe nutzloser bis gefährlicher und ganz gewiss bizarrer Esoterikverfahren und im heutigen Gastbeitrag erklärt Claudia Graneis, warum.

Zwischen uralten Heilsversprechen und Tierexkrementen

Apothekenerfahrungen mit Traditioneller Chinesischer Medizin

von Claudia Graneis

Offenbar wird es unter Kunden und Patienten immer salonfähiger, nicht von Erfolgen neuester medizinisch-pharmazeutischer Entwicklungen zu profitieren, sondern stattdessen auf 2000 Jahre altes Wissen aus Fernost zu vertrauen. So viel Erfahrung kann ja nur Gutes hervorbringen, oder? Die TCM erlebt ihr Revival im Westen und hat längst den Ruf einer sanften “Wellness-Medizin”. Auch Apotheken können davon profitieren, ein TCM-Labor einzurichten: da solche noch verhältnismäßig selten sind, gehen von allen Seiten entsprechende Rezepturen ein, die zu teuren Tees umgesetzt werden können.

Doch was steckt wirklich dahinter? Was wird behauptet und versprochen – und wie sieht die Bilanz aus? Ist Traditionelle Chinesische Medizin am Ende sogar gefährlich? Was ist TCM überhaupt?

 Die einen sagen, sie habe ihren Ursprung im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Damals erschien das Werk „Klassiker der Wurzeln und Heilkräuter des gestaltenden Landmanns“ von Shen Nong Ben Cao Jing. Dabei handelte es sich um eine Art Arzneibuch, das über 300 Drogen detailliert beschrieben und zum ersten Mal so eingeteilt hat, wie es in der heute praktizierten chinesischen Medizin noch immer Usus ist. Die heutige TCM orientiert sich an der jahrtausendelang in China gepflegten, an fernöstliche Philosophie angelehnten Heilkunde.

Die anderen sagen, daß das, was wir heute unter TCM verstehen, das Produkt der Mao-Ära und ein gezielter Marketingzug der Regierung Chinas sei. Das scheint die wahrscheinlichere Variante zu sein – sind doch die alten Schriftstücke heute nicht mehr erhalten und haben eher Legendenstatus. Das Bild des weisen, bärtigen chinesischen Heilers, der in philosophischer Laune und nach jahrzehntelanger Erfahrung in seinem Sessel sitzt und seine Erkenntnisse niederschreibt, birgt eine gewisse Romantik, für die westliche Kunden offenbar empfänglich sind. Der Welt der hektischen und stets beschäftigten Ärzte und der „harten“, „chemischen“ Medikamente überdrüssig, sehnen sich viele nach einer „ganzheitlichen“ Medizin, die Körper und Seele endlich wieder eint. Das hat man in den 1950er und 60er Jahren offenbar geahnt im Reich der Mitte und setzte eine Kommission ein, die daran arbeitete, die gar nicht so harmonischen Therapiekonzepte der chinesischen Medizin zu vereinen, vom gröbsten Irrsinn zu befreien und westkompatibel zu machen. Ein anderer Impuls für diese Entwicklung war die Notwendigkeit, die ländliche Bevölkerung ärztlich zu versorgen: viele im Schnellverfahren zu TCM-„Ärzten“ (sog. Barfußärzte) ausgebildete Menschen wurden in abgelegene Gegenden entsandt und sorgten so für eine wenigstens provisorische medizinische Versorgung, die auch mit den westlichen Methoden, die inzwischen von vielen Bürgern der Volksrepublik bevorzugt wurden, verbrämt worden war.

Grundprinzipien: Yin, Yang und Qi

Den Heilmethoden liegen philosophisch-metaphysische Konstrukte zugrunde. Das wohl auch bei uns bekannteste ist die Idee von Yin und Yang, von der Einheit zweier Gegenpole. Yin und Yang dominieren in diesen Vorstellungen Mensch und Natur, beeinflussen einander und sind ineinander transformierbar. Durch diese Transformation entsteht das Qi, das gern, aber vermutlich nicht ganz richtig als „Lebensenergie“ verstanden wird. Wörtlich übersetzt heißt es „Speisedampf“ und in der asiatischen Kampfkunst wird es als ein ätherischer Lebensatem verstanden. Das Qi konstituiert den Kosmos und regt das Leben und all seine Funktionen an, wobei es verschiedene Unterarten gibt (für Abwehr oder die einzelnen Organe). Zudem wird in geerbtes, vorgeburtliches Qi (das bis zum Tode in den Nieren verweilt) und durch Nahrung und Atemluft selbst produziertes, nachgeburtliches Qi unterteilt. Ist alles davon verbraucht, stirbt der Mensch. Das Qi muß frei fließen können, sonst resultieren Krankheit und Leid.

Yin und Yang sind zudem die „Kinder des Qi“ und repräsentieren eine aktive Kraft (Yang), die in aktiven Organen wie Gastrointestinaltrakt und Blase fließt, sowie eine passive Kraft (Yin), die in Speicherorganen wie der Leber bewahrt wird.

 

 Die fünf Wandlungsphasen

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Die fünf Wandlungsphasen in der Traditionellen Chinesischen Medizin.

 

Da Welt und Mensch sich in stetigem Wandel befinden, werden von der TCM fünf Wandlungsphasen proklamiert, die mit entsprechenden Symbolen versehen werden und einander gegenseitig beeinflussen. Diese sind

  • Holz: repräsentiert den Frühling, das Wachstum und die Farbe grün. Das zugeordnete Organpaar besteht aus Leber (für Wut und Qi-Harmonie) und Gallenblase.
  • Feuer: repräsentiert den Sommer, die Wärme, Reife und die Farbe rot. Herz und Dünndarm sind hier die wichtigen Organe, die Emotion ist die Freude. Wer unnatürlich lacht, hat vermutlich ein Problem mit dem Qi-Fluss im Feuer.
  • Erde: repräsentiert den Spätsommer und die Farbe gelb. Hier ist die Umwandlung von aufgenommener Nahrung in Qi möglich. Probleme in der Erde resultieren in Schleimbildung, Emotion ist die Besorgnis, Organe sind Milz und Magen.
  • Metall: repräsentiert den Herbst, den Verfall und die Farbe weiß. Auch hier gibt es ein zugeordnetes Organpaar: Lunge (deren Kreislauf bei Hautkrankheiten meist beeinträchtigt ist, da der Herbst die Poren reguliert) und Dickdarm.
  • Wasser: repräsentiert schließlich den Winter und die Ruhe, den Speicherort des Qi und die Farbe schwarz. Die TCM gibt hier den hilfreichen Tipp, möglichst keine schweren Krankheiten oder Schicksalsschläge zu durchlaufen, da diese das Qi im Übermaß verbrauchen.

Es sei angemerkt, dass diese Theorien, wenngleich im Indikativ geschrieben, sich jeder wissenschaftlichen Untersuchung entziehen und deswegen nicht als glaubwürdig oder seriös zu betrachten sind.

 

Weitere Grundlagen: Meridiane und Heilungsprinzipien

 Zur TCM gehören neben der Tee-Medizin auch die Akupunktur und einige weitere Disziplinen. Ihnen gemein ist das metaphysische Fundament, das auch die Existenz von Meridianen behauptet. Das sind Bahnen, die sich vom Scheitel bis zur Sohle ziehen,  vorgefertigte Wege für den Qi-Fluß darstellen und von Nadeln oder Wirkstoffen beeinflussbar sind. Wird das Qi auf dem Weg über die Meridiane beispielsweise blockiert, hat das für den Betroffenen schädigende Auswirkungen. Die Hauptursache für Krankheiten aller Art ist jedoch ein Ungleichgewicht zwischen Yin und Yang, das mit entsprechenden Teezubereitungen wieder ins Lot zu bringen ist. Dazu werden die Arzneimittel unterteilt, und zwar in fünf Geschmacksrichtungen, die den Wandlungsphasen zugeordnet werden (scharf, sauer, bitter, süß, salzig), vier Temperaturverhalten, die den Kreislauf beeinflussen (heiß, warm, kalt, kühl), Toxizität oder freier: Wirksamkeit, Wirkrichtungen (steigen, schweben, fallen, sinken) und den Bezug zu den Meridianen. Diese Einteilungen sind wichtig für die Komposition der Tees, da Interaktionen eine große Rolle spielen. So wird zum Beispiel angenommen, das Drogen sich entweder gegenseitig in der Wirkung verstärken oder beispielsweise ihre Toxizität durch die Kombination ausgelöscht wird. Ferner werden die Rezepturen nach einer strengen Hierarchie gestaffelt: es gibt eine Kaiserdroge (bekämpft das Hauptleiden), eine Ministerdroge (verstärkt die Kaiserdroge), einen Assistenten (kompensiert entweder Nebenwirkungen oder wirkt an Nebenschauplätzen) und eine Melde-Droge (sie unterrichtet die Meridiane über das Vorhandensein des Arzneimittelgemisches). Zudem werden die Drogen vor ihrer Auslieferung meist durch verschiedene Verfahren aufgearbeitet, zum Beispiel durch Behandlung mit Reiswein, Wasser, Honig oder durch Rösten. Beim Apotheker schließlich werden die Drogen in der richtigen Reihenfolge gemischt und auf Wunsch auch gleich zubereitet: durch Quellen im Wasserbad und anschließendes Kochen eines Dekokts, das lauwarm in mehreren Portionen am Tag getrunken wird (und, das muss erwähnt werden, weder eine Nasen-, noch eine Gaumenfreude ist).

 

 Famulatur in der TCM-Apotheke

„Frau Graneis, ich habe mir überlegt, dass sie in der TCM-Abteilung anfangen!“ So wurde ich am ersten Tag meiner Famulatur begrüßt und freute mich natürlich, ein wenig auf Undercover-Mission im Dschungel des Irrsinns gehen zu können. Ich wurde nicht enttäuscht: bereits am ersten Tag mischte ich Tees aus Drogen, die mir, um es milde auszudrücken, ein ungläubiges Kopfschütteln entlockten. Natürlich waren einige Zutaten dabei, die jeder, der Drogenkunde bereits absolviert hat, in- und auswendig kennt. Doch es waren auch Exoten darunter, von denen ich gleich berichten werde. Zunächst jedoch zur Schilderung des Alltags im TCM-Labor: da es in der Stadt, in der ich arbeitete, nur sehr wenige TCM-Apotheken gibt, kamen Unmengen von Rezepturen jeden Tag hineingeflattert. Die mussten zunächst sorgfältig in den Computer eingegeben und auf Plausibilität geprüft werden, wobei diese Prüfung nur aus der Unterschrift eines Bogens bestand, auf welchem vermerkt war, dass der Nutzen der TCM durch ihren jahrtausendelangen Gebrauch und ihren Status als „Erfahrungsmedizin“ ja wohl schon bewiesen wäre. Dann wurden die Teedrogen herausgesucht (bei den bis zu 20 verschiedenen Zutaten eine langwierige Arbeit), gemischt und entweder sofort abgepackt, pulverisiert oder direkt aufgekocht, wobei der Kunde sich das unappetitlich aussehende Dekokt dann mit nach Hause nahm. Die Preise für solche Tees sind schlichtweg grotesk und machen ein TCM-Labor zu einer lukrativen Unternehmung.

 

 Kinderwunsch und Milz-Qi-Schwäche

In meiner Heimatstadt dürfen nur Heilpraktiker und Ärzte Rezepturen für chinesische Tees ausstellen; die Drogen werden nicht rezeptfrei abgegeben. Das ist auch besser so, wobei bezweifelt werden darf, dass eine esoterisch-spirituelle Ausbildung entsprechende Kompetenzen im Umgang mit zum Teil giftigen, zum Teil schlicht widerlichen Ingredienzien verleiht. Der Kundenstamm entsprechender „Heiler“ und Apotheken besteht dementsprechend aus der Esoterik arg zugetanen Freunden der „sanften Medizin“, aus Pharmaskeptikern und, das fand ich bemerkenswert, aus Paaren mit Kinderwunsch. Das erschien mir besonders perfide: da kauften sich Frauen, anstatt einen ordentlichen Reproduktionsmediziner aufzusuchen, lieber jahrelang teure Tees (was natürlich eine enge, erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheke erfordert) und werden am Ende entweder nicht schwanger oder nach Ewigkeiten doch, wobei sie den Erfolg natürlich dem Zaubergebräu zuschreiben. Die Labormitarbeiter schwankten zwischen Enthusiasmus bzw. uneingeschränkter TCM-Gläubigkeit und einem schulterzuckenden „Irgendwie muss es ja wirken“. Kryptisches Geschwurbel um einen eventuell vorhandenen Milz-Qi-Mangel, ein rebellisches Qi oder „pervertierte Körperflüssigkeiten“ sind dabei nur Zutaten zu einem aus Geld, Zeit und Placebo-Effekt bestehenden, äußerst ertragreichen Gesamtkonzept.

 

Abstruse Zutaten: Tierkot, Gips und Giftstoffe

Gerade bei Frauen mit Kinderwunsch kam es öfter vor, daß ich eine Mischung aus Tierexkrementen (getrockneter Fledermaus- und Flugeichhörnchenkot) in den Mixer geben musste; die entsprechenden Partner hatten beizeiten gelatiniertes Hirschhorn zur Potenzsteigerung im Tee. Doch auch zerhackte Zikaden, zerbröselten Gips oder Freund Regenwurm findet man nicht gerne in der heimischen Teetasse (wobei die Drogen unkenntlich gemacht und nur mit ihren lateinischen Namen versehen werden, damit der Kunde nicht sieht, was er da trinkt. Es lebe das informierte Einverständnis). Blättert man entsprechende Lehrbücher durch, so entdeckt man noch einige andere Inhaltsstoffe, deren pharmakologische Wirkung bezweifelt werden darf: so zum Beispiel „Fossilia dentis mastodi“, also die fossilierten Zähne großer ausgestorbener Säugetiere oder deren Knochen („Fossilia ossis mastodi“). Sie wirken „absenkend auf den Herzmeridian“ und beruhigen auch die Leber. Einsetzbar sind diese Drogen laut TCM unter anderem bei Angst und Epilepsie. Aber auch „Magnetitum“, zu deutsch Magneteisenstein, darf in dieser Liste nicht fehlen. Es handelt sich hier um magnetisches Eisenerz, das „Yang-absenkend“ wirkt und Keuchatmung lindert. Zuletzt noch „Cinnabaris“: Quecksilber(II)-sulfid. Diese Verbindung ist praktisch nicht wasserlöslich, was ihr die Toxizität nimmt. Doch das stellt auch die Wirkung als Teedroge in einem Wasser-Dekokt in Frage, zudem muss hier auf saubere Verarbeitung geachtet werden, da der Rohstoff stets noch mit dem giftigen Quecksilber(I)-sulfid verunreinigt ist. Eine solche kann aber bei TCM-Zutaten nicht immer gewährleistet werden. Das Anwendungsgebiet klingt ebenso abenteuerlich: „Herz-Feuer löschend, Hitze kühlend und entgiftend“.

Das war nur eine kleine Auswahl an Merkwürdigkeiten, vor denen die chinesische Medizin nur so strotzt. Einige weitere wären Seidenraupenlarven und -exkret, Ochsengallensteine, Krötengift, Quecksilber(I)-chlorid, Krotonfrüchte, Schildkröte, Igelhaut, Eisenspäne, Gecko, Endothel des Hühnermagens, Hämatit, Blutegel, Käferlarven, Schuppentierschuppen, Eier der Gottesanbeterin, Süßwasserperlen und diverse Muscheln, Glaubersalz, Tausendfüßler, Skorpione, Bimsstein, Pyrit, Antilopenhorn, Bernstein und Fliegen.

 

Gefahren und Probleme: Inhaltsstoffe

Wie bereits oben angeführt, enthalten TCM-Rezepturen oft unappetitliche oder nutzlose, dafür aber teure Inhaltsstoffe. Doch das ist nicht das einzige Problem: einige der verwendeten Pflanzen sind in all ihren Bestandteilen giftig, so zum Beispiel die Früchte des Kroton oder das Pinellien-Rhizom. Auch Seidenbast ist sehr toxisch. Der Eisenhut, eine der giftigsten europäischen Pflanzen, findet breite Anwendung in der chinesischen Medizin und wird dort als allenfalls „aus westlicher Sicht giftig“ bezeichnet. Vergiftungen durch kanzerogene, nephro- und genotoxische Aristolochiasäuren wurden in den vergangenen Jahren bekannt.

Zudem werden recht häufig auch geschützte Tier- und Pflanzenarten als Teezutaten verwendet: so zum Beispiel das Horn des Nashorns oder diverse Schildkrötenpanzer. Des Weiteren  sind einige Methoden zur Gewinnung dieser Rohstoffe äußerst fragwürdig: so wird bei den Seidenraupenlarven zunächst eine Infektion herbeigeführt, an der diese elend verenden und dann weiterverarbeitet werden. Für die Gewinnung von Bärengalle zur Behandlung von Leberschäden in der TCM werden Bärenfarmen unterhalten, auf denen die Tiere unter unwürdigsten Bedingungen gehalten werden: ohne Anästhetika wird die Bauchdecke durchstoßen, um Gallenflüssigkeit ablaufen zu lassen, wobei es unter den unhygienischen Umständen rasch zu tödlichen Infektionen für die Bären kommt. Auch Tiger und Schneeleopard werden für den TCM-Markt in ihrem Bestand bedroht. Die Verwendung solcher Zutaten wird von deutschen Verbänden verurteilt, dennoch nimmt man es in Fernost mit dem Tierschutz oft nicht ganz so genau und es gibt einen florierenden Schwarzmarkt.

 

Nutzlose Monographien, fragliche Standards, mangelhafte Forschung

Während für die in Deutschland verwendeten „Standard-Teedrogen“ hochwertige, sorgfältig ausgearbeitete Monographien im Arzneibuch zur Verfügung stehen, sieht es mit den TCM-Monographien eher dürftig aus. Diese sind unzureichend ausgearbeitet und informationsarm, zudem ist die im Chinesischen Arzneibuch vorgeschriebene sensorische Prüfung für mitteleuropäische Standards völlig ungeeignet: hier müssen Geschmacksrichtung und Temperaturverhalten geprüft werden, und das könne ja wohl nur ein erfahrener TCM-Apotheker gewährleisten. Er muss mittels der organoleptischen Methode herausfinden, ob genug Qi in der Droge vorliegt. Das sind natürlich keine harten Prüfkriterien. Ebenso fehlen deutschen Apotheken für die Prüfung solcher Inhaltsstoffe oft die Referenzsubstanzen. Hier müssen zunächst neue Richtlinien und Standards geschaffen werden. Die uneinheitliche Nomenklatur stellt ein weiteres Problem dar, ist man sich ja nicht einmal in China einig, welche Pflanze(nteile) nun wie benannt wird (werden).

Außerdem sind Interaktionen mit „normalen“ Arzneimitteln und dem Leberenzymstoffwechsel kaum erforscht – dies kann ein großes Problem in Bezug auf Wechselwirkungen darstellen. Insbesondere Patienten mit ausgeprägter Niereninsuffizienz können hiervon betroffen sein.

 

Verunreinigungen und Qualitätsprobleme

Große Defizite hat das Chinesische Arzneibuch im Bereich der Reinheitsprüfungen aufzuweisen. So werden für die in deutsche Apotheken gelieferten Drogen zwar Prüfzertifikate ausgestellt, diese erweisen sich jedoch oft als wertlos. Entweder fehlen wichtige Prüfungen oder es wurden Grenzwerte im Bereich der Schwermetalle, Pestizide, Mykotoxine und mikrobiellen Verunreinigungen zum Teil deutlich überschritten. Dies macht eine weitere, intensive Prüfung in der Apotheke unabdingbar. Auch bei der Vorverarbeitung muss aufgepasst werden: sie soll gewährleisten, dass toxische Inhaltsstoffe harmlos gemacht werden. Doch hin und wieder geschieht auch dies nur unzureichend. Die Chinesische Regierung hat die Umsetzung der GMP (Good Manufacturing Practice) und der GACP (Guidelines for Good Agricultural Practice) gefordert und verspricht sich davon mittelfristig eine Verbesserung. Hier gilt also für deutsche Apotheken größte Sorgfaltspflicht.

 

Wirkungslosigkeit und fehlender Fortschritt

Doch das größte Problem auf diesem Gebiet ist natürlich der esoterische Charakter der fernöstlichen Heilslehre. Es gibt keine Belege für die Wirksamkeit dieser Art von Medizin, die aber auch für sich in Anspruch nimmt, aufgrund ihres individualisierten Charakters nicht in klinischen Studien untersuchbar zu sein. Doch der pharmakologische Nutzen von Gips und gelatiniertem Hirschhorn sowie Dekokten aus nicht-wasserlöslichen Verbindungen darf mit Recht angezweifelt werden, erst recht das dem zugrunde liegende Gedankenkonstrukt, das mit einer höchst unwissenschaftlichen Vorstellung der Beschaffenheit und Funktionsweise des Körpers aufwartet. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für die Existenz eines Qi, eines Yin oder Yang oder der Meridiane, geschweige denn anatomische Korrelate. Diese Ideen widersprechen den uns bekannten naturwissenschaftlichen Konzepten und würden die Vergabe mehrerer Nobelpreise nötig machen, könnte man deren Richtigkeit beweisen. Es gibt keine belastbaren Daten aus qualitativ hochwertigen Studien, die eine Erhabenheit der TCM über die gängige Phytomedizin belegen. Auch ist eine Methode, die sich damit rühmt, seit mehreren tausend Jahren unverändert und nach den selben Prinzipien zu agieren, fortschrittsfeindlich und steht im deutlichen Widerspruch zu dem, was wir im Westen unter evidenzbasierter Medizin verstehen.

 

Perspektiven der TCM

Was also tun? Es ist nicht zu leugnen, dass die chinesische Kräuter- und Exkrementmedizin im Westen auf dem Vormarsch ist. Es müssen also Wege gefunden werden, damit umzugehen. Zunächst kann man seine Drogenkunde-Erkenntnisse anwenden und herausfinden, was denn überhaupt eine Wirksamkeit entfalten kann. Dass es in der Phytomedizin potente Arzneistoffe gibt, weiß jeder, der diese Inhaltsstoffe schon einmal hat auswendig lernen müssen. Es finden sich faszinierende und hilfreiche Pflanzenstoffe, die bei minderschweren Erkrankungen sehr gut eingesetzt werden können. Die gibt es auch in der TCM, einige Pflanzen, die dort Verwendung finden, sind auch in mitteleuropäischen Gefilden heimisch und schon lange in der Anwendung. Dazu müssen sie nicht einmal nach einem esoterischen Konzept aufbereitet werden.

 

Chinesische Medizin evidenzbasiert betreiben

 Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Wirkung von TCM-Rezepturen auf wissenschaftliche Weise zu untersuchen. Ein kluges Studiendesign stellt sicher, dass auch eine noch so individualisierte Medizin in großen, qualitativ hochwertigen Studien untersucht werden kann, wenn man die Parameter entsprechend gestaltet. Diese Ausrede darf man nicht länger gelten lassen. Auch Fall-Kontroll-Studien sind ein Feld, über das nachgedacht werden muss. Und in jedem Fall sollte man abwägen, ob man Theorien, welche die Grenzen der gängigen physikalisch-chemischen bzw. physiologischen Ansichten sprengen und diese Felder in Schutt und Asche legen würden, wirklich bis ins Detail erforschen muss. Interessant ist also nicht, ob gekochter Eichhörnchenkot oder Venusmuschelschalen die Leber-Winde beflügeln oder das Herz-Qi beruhigen, sondern ob es in fernöstlichen Kräutern neue, nutzbare Wirkstoffe gibt, welche die Phytotherapie, aber auch die konventionelle Pharmazie bereichern könnten.

 

Und wenn nicht?

Keinesfalls sollten die Teezutaten direkt aus China über das Internet bezogen werden! Und wenn die Lage in der TCM so bleibt, so sollte man den aktuellen Bestrebungen, TCM-Arzneimittel in Deutschland allesamt zuzulassen, entschieden entgegentreten. Die Qualitätsprobleme, die damit verbundene Gefährdung von Patienten, und der schlechte Forschungsstand zu Wechselwirkungen sind nicht hinnehmbar. Auch die Tendenz, die Medizin in Deutschland und Europa durch Esoterik zu verseuchen halte ich für inakzeptabel. TCM beruht, wie Homöopathie, Schüßler-Salze oder Bachblütentherapie auf dem Placebo-Effekt: auf einer aktiven Vortäuschung eines physiologischen Geschehnisses, auf welches der Patient vertraut. Wenn man als Heiler oder Apotheker selbst an derlei glaubt, weicht man von der evidenzbasierten Methode ab und gefährdet den Patienten. Wenn man derlei nicht glaubt und dem Patienten dennoch dazu rät, entmündigt man ihn und verwirft so das in den letzten Jahrhunderten so schwer erkämpfte Konzept des informed consent, des von Aufklärung getragenen Einverständnisses des Patienten. Das steht uns, die wir im Dienste der Gesundheit unserer Patienten und Kunden handeln sollten, nicht zu.


->  Video zum Thema auf einer  Veranstaltung der Rhein-Ruhr-Skeptiker


Wie immer vielen Dank der Autorin für den Gastbeitrag und wer nun mit Claudia Graneis in Kontakt treten möchte, kann den Kommentarbereich nutzen oder mir eine E-mail schreiben, die ich ihr dann weiterleiten werde. Und wer die Gastautorin auch einmal sehen und hören möchte, kann sich diesen Vortrag zum Gastbeitrag im Rahmen einer Veranstaltung der Rhein-Ruhr-Skeptiker ansehen, der  auch nebenan schon erwähnt wurde:



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Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-