Soll Steuergeld in die Sicherung des künftigen Schuldomizils fließen? Darüber haben sich die Lokalpolitiker gestritten. Im Mittelpunkt stand dabei eine Freikirche.

 

Limbach-Oberfrohna.

Auf dem Grundstück der ehemaligen Artiseda-Textilfabrik in Limbach-Oberfrohna hat sich zuletzt einiges getan. Im Auftrag der Eigentümer Silke und Rico Wrzal wurde das Gelände von Müll und Ablagerungen befreit. "Zudem haben wir das ehemalige Wohnhaus des Heizers und den sich anschließenden Garagenkomplex abgerissen", sagt Rico Wrzal, der den denkmalgeschützten Klinkerbau im August 2018 bei einer Zwangsversteigerung erworben hat.

Der Limbach-Oberfrohnaer hat mit der Fabrik noch viel vor: In etwa drei Jahren soll das Evangelische Schulzentrum, das in diesem Sommer den Betrieb in der früheren Wasserturmschule aufgenommen hat, in den Industriebau umziehen.* Dafür ist eine umfangreiche Sanierung nötig, die nach einer ersten Schätzung gut sechs Millionen Euro kosten könnte. Zunächst stehen aber Sicherungsmaßnahmen an. "Es geht darum, den Verfall zu stoppen", erklärt Wrzal. Weil das Dach undicht ist, dringt Feuchtigkeit ein. Deshalb ist Hausschwamm aufgetreten, ein holzzerstörender Pilz. Die Sicherung könnte etwa eine Million Euro kosten. Einen ersten Betrag in Höhe von 500.000 Euro hat die Sächsische Aufbaubank der Stadt, die die Zwangsversteigerung angestrengt hatte, als Fördermittel bewilligt.

Diesen Betrag wollte das Rathaus an die Wrzals weiterreichen und hatte dem Stadtrat am Montagabend einen entsprechenden Beschluss vorgelegt. Darüber entspann sich eine kontroverse Debatte. Iris Raether-Lordieck (SPD) machte darauf aufmerksam, dass am 10. November eine Freikirche namens C-3-Church einen Gottesdienst im Artiseda-Gebäude abhalte. Diese "will junge Leute missionieren", sagte Raether-Lordieck. Falls es eine Kooperation mit dem Evangelischen Schulverein als Träger des Schulzentrums gebe, "halte ich das für unerträglich", erklärte die Stadträtin. Sie habe sich an den Sektenbeauftragten der Evangelischen Landeskirche gewandt. Raether-Lordieck forderte die Stadt auf, diese Angelegenheit "besser zu kontrollieren".

Albert Klepper (Grüne) ging noch einen Schritt weiter und bezeichnete die C-3-Church als Sekte. Nach seinen Informationen zeichne sich die Freikirche durch ein fundamentalistisches Bibelverständnis aus und sei durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Daher könne er der Verwendung von Steuergeld für das Artiseda-Projekt nicht zustimmen, sagte Klepper.

Andere Stadträte äußerten Unverständnis angesichts der Vorwürfe. Diese seien "absolut deplatziert", betonte Enrico Fitzner (CDU). Bei dem Beschluss gehe es um die Sicherung eines Kulturdenkmals. Uwe Müller (AfD) ergänzte, die Stadt könne froh sein, einen Investor gefunden zu haben. Oberbürgermeister Jesko Vogel (Freie Wähler) konstatierte, bei einem Gottesdienst in dem Gebäude handele es sich um eine private Veranstaltung. "Das geht die Stadt nichts an." Am Ende gab es drei Nein-Stimmen aus den Reihen der Fraktion aus Linken, Grünen und SPD. Alle anderen Stadträte stimmten für die Finanzspritze.

Die C-3-Church mit Sitz in Leipzig baut derzeit ein Standbein in Limbach-Oberfrohna auf und will in der Stadt regelmäßig Gottesdienste abhalten. Pastor Mattis Thielmann weist den Sekten-Vorwurf auf Anfrage zurück. Er betont, dass die Teilnahme an Gottesdiensten für jedermann offen und völlig freiwillig sei. Man sei an einer Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und Gemeinden interessiert und Teil der Evangelischen Allianz, eines Netzwerkes von evangelisch-reformatorisch gesinnten Christen. Von jeglicher Form des Antisemitismus distanziere er sich, bekräftigt der Pastor.

"Das ist vollkommen haltlos", meint auch Rico Wrzal zum Sekten-Vorwurf. Er sei irritiert, dass angesichts solcher Behauptungen kein Stadtrat das Gespräch mit ihm gesucht habe, so Wrzal, der dem Vorstand des Schulvereins angehört. Die Leipziger Freikirche habe angefragt, ob sie das Artiseda-Gebäude nutzen könne. "Mit dem Schulverein hat das aber nichts zu tun."

Nach Angaben von Harald Lamprecht, dem Beauftragten für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelischen Landeskirche, gehört die C-3-Church zur sogenannten Pfingstbewegung, die sich durch ein breites Spektrum auszeichne. Die unabhängige Leipziger Freikirche als Sekte zu bezeichnen, halte er für "unangemessen", sagte er der "Freien Presse". Ähnlich äußerte sich der Verein Eltern- und Betroffenen-Initiative gegen psychische Abhängigkeit mit Sitz in Leipzig. Die C-3-Church sei unauffällig, sagte Mitarbeiterin Solveig Prass. Problematische Methoden seien ihr in diesem Zusammenhang nicht bekannt.


Kommentar: SteileThese

Man kann trefflich darüber streiten, ob Staat und Kirche in Deutschland noch strikter voneinander getrennt werden sollten, als dies bislang der Fall ist. Insofern sind die grundlegenden Bedenken von Linken, Grünen und SPD zum Artiseda-Projekt nachvollziehbar. Die Stadträte sind mit ihren Vorwürfen aber weit über das Ziel hinausgeschossen. Denn die Behauptung, bei der Leipziger C-3-Church handele es sich um eine Sekte, lässt sich nicht halten. Anstatt diese These in einer öffentlichen Stadtratssitzung in den Raum zu stellen, hätte die Fraktion im Vorfeld jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt. In Sachsen beschäftigen sich mehrere Vereine und Pfarrer mit Sekten. Zwei Anrufe, und die Befürchtungen wären ausgeräumt gewesen. Zudem hätte es zum guten Ton gehört, zunächst den Vorstand des Schulvereins um eine Stellungnahme zu bitten.