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Stöcker, Christian / Trumps Amerika - Das Horrorszenario ist schon Realität / 15.10.2019. - 18:12 / PUBLIC / Druck beenden


Trumps Amerika Das Horrorszenario ist schon Realität

Science-Fiction-Autoren sehen die Zukunft manchmal klarer als andere. Blickt man durch die Augen des oft prophetischen Neal Stephenson auf das Trump-Spektakel dieser Woche, kann einem angst und bange werden.

© SPIEGEL ONLINE

Eine Kolumne von

US-Präsident Trump: "Warum gehen sie nicht zurück?"
Brendan Smialowsk/ AFP

US-Präsident Trump: "Warum gehen sie nicht zurück?"

Sonntag, 21.07.2019   16:34 Uhr
"Die Interstate Highways bildeten das Netzwerk, das die realitätsbasierten Knotenpunkte der Gesellschaft miteinander verband. Die Leerstellen dazwischen (…...) waren das Reich der Fantasten, die sich von einer berauschenden Mischung aus selbstgemachten Pharmazeutika und die Sinne verwirrenden Memen ernährten."

Neal Stephenson, "Fall, or Dodge in Hell" (2019, eigene Übersetzung)

Der Romanautor Neal Stephenson ist einer der Propheten der amerikanischen Gegenwartsliteratur, auch wenn er selbst das auf Nachfrage höflich bestreitet. In "The Diamond Age" nahm er das Zeitalter der personalisierten High-Tech-Bildung vorweg, das wir gerade erst betreten, in "Cryptonomicon" erschaffen Supernerds einen auf Verschlüsselungstechnik basierenden sicheren Hafen für Daten und Geld - 10 Jahre vor dem Start von Bitcoin.

In Stephensons eingangs zitiertem neuen Buch (auf Deutsch noch nicht erschienen) geht es eigentlich um die Frage, ob sich menschliche Gehirne digitalisieren lassen. Auf dem Weg dahin aber beschreibt er ein furchteinflößendes Amerika nur etwa 20 Jahre nach unserer Gegenwart. Die USA sind darin in isolierte "realitätsbasierte" Gebiete zerfallen, die auf Karten blau dargestellt werden, so wie die Staaten, in denen heute die Demokraten Mehrheiten erringen.

"Wir erleben gerade eine Dystopie"

Dazwischen regieren Waffengewalt, religiöser Fanatismus, Verschwörungstheorien, Rassismus und teils blanker Wahnsinn, angefeuert von belohnungsreizoptimierten Strömen von Medieninhalten. Viele sind überzeugt, dass die Stadt Moab in Utah vor Jahren einem Nuklearangriff zum Opfer gefallen ist - dabei war das nur ein Internet-Hoax. Manche Bewohner dieser Regionen errichten 70 Meter hohe brennende Kreuze - oder kreuzigen selbst "Missionare", die versuchen, sie von etwas weniger abseitigen und rassistischen Ideen zu überzeugen.

"Ich glaube, in vielerlei Hinsicht erleben wir gerade eine Dystopie", hat Stephenson kürzlich in einem Interview gesagt. Aus seiner Sicht liegt das am Internet, ganz speziell an Facebook. Der Schriftsteller hält es da mit Jürgen Habermas: Das Publikum "zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen", hat der vor einigen Jahren geschrieben. "Die Leute haben keine gemeinsame Basis mehr, um miteinander ins Gespräch zu kommen", sagt Stephenson.

Euer Hass ist schon okay

Diese Woche konnte man diese zersplitterte Realität bei dem Trump'schen Erweckungsgottesdienst, der in North Carolina stattfand, wieder einmal live besichtigen. Minutenlang beschimpfte der Präsident des Einwanderungslandes USA vier weibliche demokratische Abgeordnete, die Tiraden kulminierten im kollektiven Skandieren der Phrase "Send her back!", wohlwollend entgegengenommen von einem bemüht präsidial dreinschauenden Trump.

Trump selbst hatte den vier Frauen, die allesamt US-Bürgerinnen sind, vorher schon per Tweet empfohlen "zurückzugehen" in die "total kaputten und vom Verbrechen infizierten Länder, aus denen sie gekommen sind".

Das gemeinsame Herausschreien dieses Hasses ist zu einem Wesensmerkmal von Trumps Massenshows geworden. Der Präsident brauchte einen ganzen Tag, um sich schließlich halbherzig davon zu distanzieren. Seine Anhänger wissen so etwas als Zugeständnis an die überkommenen Standards des Establishments zu deuten. Euer Hass ist schon ok, dass ist die kaum verhohlene Botschaft des Weißen Hauses von 2019.

Das Monster muss gefüttert werden

All das läuft so offenkundig bis vor kurzem elementaren amerikanischen Werten zuwider, dass sich nach längerem betretenen Schweigen wenigstens eine knappe Handvoll Republikaner dazu durchringen konnte, Trumps Äußerungen öffentlich zu verurteilen. In Wahrheit weiß die Partei, dass sie das von ihr selbst geschaffene Monster weiter füttern muss, wenn sie eine Chance auf Machterhalt haben will.

Weite Teile der republikanischen Wählerschaft leben längst in einer von Stephensons Parallelrealiäten. Zum Beispiel glaubt, je nach Studie, etwa die Hälfte der Anhänger der Republikaner noch immer, dass Barack Obama nicht in den USA geboren wurde. Die Verschwörungstheorie also, die Trump in seinem Wahlkampf ständig bemühte.

18 oder sogar 31 Prozent der US-Bürger geben an, je nach Befragungsmethode, dass Gott den Menschen in seiner gegenwärtigen Form erschaffen hat, ohne Evolution. 31 Prozent der erwachsenen US-Bürger glauben auch, dass es sich bei der Bibel buchstäblich um das Wort Gottes handelt, ohne Interpretationsspielräume. Unter den evangelikalen Protestanten sind es 55 Prozent.

Nächstenliebe ist optional

Interessanterweise findet ausgerechnet in dieser letzten Gruppe nur ein Viertel, dass die USA eine Verantwortung hätten, Flüchtlinge aufzunehmen - ein geringerer Anteil als in jeder anderen untersuchten gesellschaftlichen Gruppe. Nächstenliebe, Ehrlichkeit oder die eheliche Treue ihres Präsidenten sind für die Mehrheit der Evangelikalen in den USA optional, solange es gegen die Richtigen geht.

Baby im Trump-Strampelanzug in North Carolina.
Nicholas Kamm/ AFP

Baby im Trump-Strampelanzug in North Carolina.

Die toxische Kombination aus religiös unterfütterter Selbstgerechtigkeit, Rassismus, Besessenheit von Schusswaffen und einem nicht mehr verhohlenen Gefühl weißer Überlegenheit scheint in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben. Schuld daran ist aber wohl nicht nur das Internet, wie Stephenson vermutet, sondern mindestens ebenso sehr die von Rupert Murdochs Fox-Imperium und von Akteuren wie den Koch-Brüdern, Julian Sinclair Smith und der Familie Mercer betriebenen Propagandaimperien.

"Man bekommt ohne Fox News keine schäumende Menge, die 'Send her back' skandiert", titelte die auf die Beobachtung konservativer Medien spezialisierte Plattform "Media Matters" diese Woche. Talkmoderatoren wie Tucker Carlson haben einen offen rassistischen Diskurs, wie ihn Trump pflegt, längst normalisiert.

Die Frage ist, wo diese ausschließlich dem Machterhalt dienliche Wertverschiebung und Realitätsverleugnung die USA letztlich hinführen wird. Hoffen wir, dass Neal Stephenson nicht Recht behält.




Bibliographie

SPON 21.07.2019 / https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/usa-unter-donald-trump-die-dystopie-ist-schon-hier-kolumne-a-1278152.html


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-