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Tobias Wolf, Ulrich Wolf, Marta Orosz, David Schraven / Der Dresdner Anwalt, der Stephan E. vertritt / 15.10.2019. - 17:53 / PUBLIC / Druck beenden


Der Dresdner Anwalt, der Stephan E. vertritt

Frank Hannig beriet Pegida, verteidigte einen Justizmitarbeiter, der Haftbefehle leakte. Nun vertritt er den Verdächtigen im Mordfall Lübcke.

Frank Hannig bei einem Prozess. © dpa

Von Tobias Wolf, Ulrich Wolf, Marta Orosz* und David Schraven* 

Er ist in Dresdner Gesellschafts- und Wirtschaftskreisen gut vernetzt und hat es zu einiger Berühmtheit gebracht: Frank Hannig, Rechtsanwalt. Nun dürfte seine Bekanntheit noch steigen. Am Dienstag hat er die Verteidigung des mutmaßlichen Mörders Stephan Ernst übernommen, der den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen haben soll.

Gegenüber sächsische.de bestätigt Hannig, dass er vom Bundesgerichtshof (BGH) als Verteidiger von Stephan Ernst bestellt wurde. Der Tatverdächtige widerrief daraufhin sein zuvor gemachtes  Geständnis. Auswirkungen auf die Ermittlungen gegen ihn dürfte das jedoch nicht haben. „Herr Ernst hat in der Tat sein Geständnis heute in der Verhandlung widerrufen.“ Der BGH hat einen Haftbefehl erlassen. Der Generalbundesanwalt teilt auf Anfrage mit: „Daran sieht man, dass weiterhin dringender Tatverdacht besteht.“

Aber wer ist der Rechtsanwalt, der den Rechtsextremisten vertritt? Warum übernimmt der 49-Jährige den Fall eines mutmaßlichen politischen Attentäters, der sein Opfer per Kopfschuss getötet haben soll. Er selbst will dazu derzeit nicht weiter äußern, bittet dafür um Verständnis. Fest steht, Hannig hat keinerlei Berührungsängste und sucht immer wieder die Öffentlichkeit.

In sozialen Netzwerken wird er als Pegida-Anwalt bezeichnet und hat Kontakte ins Umfeld der rechten Bewegung. Für den Chef des Dresdner Christopher Street Day Vereins (CSD) soll er ermitteln, „aus welcher Richtung Vorwürfe verbreitet werden“, die sich auf das Engagement seines Mandanten in der Flüchtlingsbetreuung bezögen. Zenker war vorgeworfen worden, Sex mit Schutzbefohlenen, mit jungen homosexuellen Asylbewerbern gehabt zu haben.

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Ein überaus wendiger Anwalt

Hannig vertritt derzeit auch den sächsischen Justizangestellten Daniel Z., der zugegeben hatte, den Haftbefehl eines irakischen Asylbewerbers fotografiert und weitergegeben zu haben. Der Iraker wurde verdächtigt, an der Tötung 35-jährigen Daniel H. in Chemnitz Ende August 2018 beteiligt gewesen zu sein. Hannig wirbt auf seiner Internetseite sogar um finanzielle Unterstützung für den angeklagten Justizmitarbeiter. Der Anwalt hat nach eigenen Angaben im Auftrag von Mandanten auch den Journalisten Jakob Augstein angezeigt – wegen dessen Kolumne „Immer wieder Sachsen“ auf Spiegel online.

Für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat

Hannig half, den Pegida-Förderverein zu gründen, beriet ihn und führte ein Konto für den Verein. Vor dem Amtsgericht Kamenz vertrat er einen von vier Männern, die im Mai 2016 einen psychisch kranken Iraker aus dem Netto-Markt in Arnsdorf bei Dresden gezerrt und an einen Baum gefesselt hatten. Ein Video dazu war zehntausendfach in Sozialen Netzwerken geteilt worden. Der junge Iraker war später tot im Wald von Tharandt gefunden worden. Der Fall hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Einer der Angeklagten war damals CDU-Gemeinderat. Inzwischen ist der Mann zur AfD gewechselt. Den Prozess hatte der Kamenzer Richter eingestellt. Hannig selbst sitzt nach der Kommunalwahl nun für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat.

Hannig ist sein Leben lang umtriebig. Als die DDR zusammenbrach, war er 19. Trotz seiner Jugend hat er schon eine ansehnliche Stasi- Vergangenheit, die Akte dazu umfasst 120 Seiten. Unter dem Decknamen „Starter“ hat er demnach Mitschüler und Freunde bespitzelt, über eine Kirchengruppe berichtet, mehrere Schüler als "aktive Christen" denunziert und Vorbereitungskurse für die Einstellung als hauptamtlicher Stasi-Mann absolviert. Er stehe hinter der Politik der DDR steht in der Akte, er stehe zu seinem Berufsziel als Offizier und bereite sich darauf vor. Er wird der Hauptabteilung „Kader und Schulungen“ zugeordnet. Hannig soll Kriminalistik lernen.

Nach der Wende studiert Hannig Jura, gründet in Dresden eine Kanzlei und tritt der CDU bei. Hannig engagiert sich: als Präsident des Handballclubs Dresden, als Sprecher der Gewerbetreibenden in Heidenau, als Vorsitzender der Bürgerinitiative „Mügeln ohne Müll und Lärm“.

In der nordsächsischen Kleinstadt tritt er sogar als Bürgermeisterkandidat an, scheitert aber. Hannig zeigt sich auf den großen gesellschaftlichen Partys Dresdens, posiert mit Models wie Gina Lisa Lohfink, heiratet im Sommer 2014 auf Schloss Wackerbarth eine 19 Jahre jüngere Frau. Bei den Dresdner Filmnächten wirbt er für seine Kanzlei mit einem Spot, in dem eine blutverschmierte Frau mit einer Kettensäge durch die Gegend stapft. „Darf ein Anwalt das?“, fragt die Bild-Zeitung.

Der sonst so selbstbewusst und selbstsicher auftretende Anwalt verliert die Contenance, wenn man ihn auf seine Stasi-Zeit anspricht. Ist es Scham? Ist es Wut? "Ich war im Wachregiment Feliks Dzierzynski", sagt Hannig. Deshalb habe er eine Stasi-Akte. "Die kriege ich nie wieder los, ja, mit 18 Jahren ist das halt so. Dieses Schicksal teile ich mit vielen jungen DDR-Bürgern."

Von Pegida losgesagt

Anfang 2010 schafft es der Anwalt in die überregionale Presse. Der Grund ist seine Anzeige gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen des Kaufs von Schweizer Steuer-CDs. Er, der seine Mitschüler bespitzelte, sieht darin eine „Aufforderung zum Denunziantentum“. Für die Bundesregierung sei das „moralisch ein Armutszeugnis“. Dass er zu dieser Zeit CDU-Mitglied ist, stört ihn nicht.

Mit MDR-Fernsehmann Fernsehmann Peter Escher hatte Hannig 2015 die "Escher hilft GmbH" gegründet, die später Insolvenz anmelden musste. Im Oktober 2015 vertrat er eine Elterninitiative, die gegen eine Flüchtlingsunterkunft im Dresdner Stadtteil Prohlis protestiert. Die Notunterkunft könne die Sicherheit der Schulkinder gefährden, teilte er mit.

Wenn es um den Justizangestellten Daniel Z. geht oder die Strafanzeige gegen Jakob Augstein, schreibt Hannig auf seiner Internetseite immer wieder vom Rechtsstaat. In sozialen Netzwerken schrieb er in der Vergangenheit unter anderem: „Merkt Ihr es denn immer noch nicht??? Wir haben unseren freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat bereits abgeschafft!“? Oder: „Ich denke: Was für Menschen mit Aufenthaltserlaubnis ein U-Haftgrund ist, muss für Asylbewerber ein Abschiebungsgrund sein! (…) Dringender Tatverdacht + Wiederholungs- oder Verdunklungsgefahr = RAUS!“

2016 versicherte Hannig, er habe sich von Pegida losgesagt und das Mandat für den Förderverein niedergelegt. Jetzt verteidigt er einen Mann, der das erste rechtsextremistische Attentat auf einen Politiker der Bundesrepublik begangen haben soll.

*Marta Orosz und David Schraven sind Mitarbeiter des Recherchezentrums Correctiv. Die Redaktion finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Correctiv gibt seine Recherchen grundsätzlich kostenlos an andere Medien ab, ist unabhängig und nicht gewinnorientiert.




Bibliographie

SZO 03.07.2019 / https://www.saechsische.de/plus/der-dresdner-anwalt-der-stephan-e-vertritt-5090060.html


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-