buch2 V I D S - INFOTHEK PUBLIC
Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Schmundt, Hilmar / Wie sich Krisen, Kriege und Katastrophen auf den Glauben auswirken / 17.01.2019. - 15:43 / PUBLIC / Druck beenden


 

Religion - Wie sich Krisen, Kriege und Katastrophen auf den Glauben auswirken

 
Exklusiv für Abonnenten
Wie entstehen Religionen? Was hält sie zusammen, was schwächt sie? Computermodelle suchen die Ingredienzen der Frömmigkeit. Von Hilmar Schmundt
 

Eine liberale, offene Gesellschaft gesucht, in der Religion kaum eine Rolle spielt? Bitte schön, hier ist sie! Oder darf es eine repressive Theokratie sein, in der Eiferer ihre Mitbürger knechten? Voilà, haben wir parat.

Für LeRon Shults, Professor für Religionssoziologie an der norwegischen Agder-Universität, liegt der Unterschied in ein paar Zahlen, die er ins Notebook eingibt; er füttert eine Software damit – und sofort beginnt sein Computer zu rechnen, bis er ein Ergebnis aus den Daten destilliert.

So weiß Shults, dass existenzielle Bedrohungen wie Armut, Krieg oder fehlende Gesundheitsversorgung oft einhergehen mit einer stärkeren Bindung an Religion und Übernatürliches. Wenn der Staat versagt, so scheint es, bleiben oft nur Glaubensgemeinschaften, um Alten und Abgehängten Trost und Hilfe zu spenden. Derlei soziologische Beobachtungen kennt man aus sehr ungleichen Gesellschaften wie in den USA, wo sich Armut und Kirchen in starker Ausprägung finden.

 

Shults und sein Team haben solche Daten gesammelt und im Auftrag der Norwegischen Forschungsstiftung für eine Simulation verwendet, bestehend aus einer Vielzahl von "Agenten", die bestimmten Regeln folgen und sich gegenseitig beeinflussen, ein wenig wie Schachfiguren in einem soziologischen Gesellschaftsspiel. MODRN heißt das Projekt: Modeling Religion in Norway.

"Viele Theorien bestehen aus ein paar Tabellen, vor allem aber aus einer Erzählung, die die Vorgänge erklärt", sagt Shults. Sein Team habe nun diese Storys zu Algorithmen umformuliert, um sie in verschiedenen Szenarien durchzuspielen.

"Wir wollen nicht nur beschreiben, was ist, sondern auch Vorhersagen treffen", sagt Shults, ein charismatischer Kahlkopf, der streng religiös in San Marcos in Texas aufwuchs, dann evangelikaler Theologe wurde, bis er den Glauben verlor und zur Wissenschaft konvertierte.

Im Sommer hat Shults sein Projekt der Fachwelt vorgestellt, auf der weltweit wohl wichtigsten Wissenschaftskonferenz zum Thema Unglauben. Ausgerichtet wurde sie vom NSRN, dem Nonreligion and Secularity Research Network, diesmal am Londoner King's College.

"Die britische Gesellschaft ist heute zu 54 Prozent nicht in Kirchengemeinden aktiv", sagt Stephen Bullivant, der als Professor für Glaubenssoziologie an der St. Mary's University in London den nationalen Religionszensus ausgewertet hat. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl der nicht konfessionell Gebundenen heute bei rund einem Drittel, in den neuen Bundesländern sind es sogar mehr als 70 Prozent der Bürger.

Wird sich dieser Prozess der Säkularisierung weiter fortsetzen, bis religiöse Mitbürger einer kleinen Minderheit angehören? Bullivant hält das für unwahrscheinlich, vor allem weil viele Immigranten als gläubig gelten. "Peak Secular" nennen Beobachter diesen Effekt: Das Maximum des Unglaubens in Großbritannien könnte erreicht sein.

Das MODRN-Computermodell von Shults kommt zu anderen Ergebnissen. Sein Team hat die Simulation mit Datensätzen von 1991 bis 1998 gefüttert: Entwicklungsstand der Gesellschaft, Bildungsniveau, Aspekte des Glaubens. Erstaunlich präzise warf das Modell nach dieser Kalibrierung dann recht ähnliche Zahlen aus, wie sie im Jahr 2008 tatsächlich erhoben worden waren.

"Der Trend weg von der Religion könnte sich in den nächsten Jahrzehnten weiter fortschreiben bis zu einem Ungläubigenanteil von 80 Prozent", vermutet Shults. "Allerdings nur, wenn Sicherheit und Wohlstand herrschen." Ein Krieg, eine Katastrophe, ein autoritäres Regime dagegen dürften nach diesen Modellen den Glauben wohl erneut befeuern.

 

Das Erstarken der Religion in Zeiten der Krise lässt sich real beobachten. Am 22. Februar 2011 erschütterte ein Erdbeben die neuseeländische Stadt Christchurch und tötete 185 Menschen. Dort, wo besonders viele direkt betroffen waren, stieg in den folgenden Jahren die Zahl der Gläubigen um mehr als drei Prozent an.

Was, wenn ein solches Computermodell benutzt wird, um umgekehrt die Ingredienzen eines Gottesstaates auszutüfteln? Oder um herauszufinden, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, damit jegliche Religion zugrunde geht, wie es kommunistische Diktatoren einst wollten?

"Das ist eher unwahrscheinlich, denn wir legen all unsere Modelle offen, wir wollen Transparenz", sagt Shults: "Wir regen mit MODRN eine Diskussion an."

Ein schwerwiegenderer Einwand gegen die Simulation lässt sich mit der Formel "Schrott rein, Schrott raus" beschreiben. Will sagen: Ein Computermodell ist immer nur so gut wie die Datensätze, mit denen man es füttert. Im Fall der shultsschen Simulation entstammen diese zumeist Fragebögen – einer eher kippligen Methode. Denn "vor allem religiöse Menschen neigen zur Übertreibung", sagt Azim Shariff, Psychologe an der kanadischen University of British Columbia, die Heuchelei könne Umfrageergebnisse erheblich verzerren.

Sicherer, als die Zukunft vorherzusagen, erscheint da ein Blick zurück, und genau den haben Shults und seine Kollegen jetzt vor. "Als Nächstes wollen wir simulieren, wie die Religionen angefangen haben", sagt er. Die frühen Urmenschen seien nicht Jäger gewesen, sondern eher Gejagte. "Und diese existenzielle Bedrohung und die Hoffnung auf einen höheren Beistand stecken uns vielleicht immer noch in den Knochen."




Bibliographie

Spoiegel 2/2019/ http://www.spiegel.de/plus/glaube-was-haelt-religionen-zusammen-was-schwaecht-sie-a-00000000-0002-0001-0000-000161665903


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-