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Engel, Heidi / Bhagwan-Jüngerin: Sie liebt den Guru noch immer / 17.01.2019. - 16:31 / PUBLIC / Druck beenden


Bhagwan-Jüngerin

Sie liebt den Guru noch immer

Bhagwan Shree Rajneesh (rechts, 1984)
 
Vor 30 Jahren scharte der Guru Bhagwan Tausende Jünger um sich. An seiner Seite: seine Sekretärin Sheela Birnstiel. Für den Kult ging sie ins Gefängnis. Bis heute lässt sie diese Zeit nicht los. Von Sarah Heidi Engel

 

18. Dezember 2018

Sheela Birnstiel empfängt ihren Besuch im Liegen. Sie hat sich auf einem großen, dunklen Ledersofa ausgestreckt. Eine Wolldecke liegt über ihren Beinen. Kurz blitzen geringelte Socken unter dem Tuch hervor. Die 68-Jährige zieht die Decke enger um ihren Körper und lässt ihre Füße darunter verschwinden. Über die grauhaarige Frau in der weinroten Kapuzenjacke, die zwei Pflegeheime in der Schweiz leitet, wurden schon viele Geschichten erzählt. Die bekannteste passierte vor mehr als 30 Jahren.

Anfang der Achtzigerjahre kaufte die gebürtige Inderin für den Guru Bhagwan Shree Rajneesh und seine Kommune ein riesiges Stück Land im US-Bundesstaat Oregon. Als seine Sekretärin machte sie aus der Steppe eine Stadt, Rajneeshpuram. Fortan pilgerten Bhagwans Anhänger nicht mehr nach Indien, sondern in die Vereinigten Staaten. Birnstiel wurde Bhagwans wichtigste Verbündete. Sie nannte sich Ma Anand Sheela und verbreitete seine Lehre. Das ging ein paar Jahre gut. Dann brach sie mit ihrem Meister – und er mit ihr. Wenig später wurde sie verhaftet und landete im Gefängnis.*

 

Die Achtzigerjahre sind nur ein Jahrzehnt im Leben von Birnstiel. Doch es ist das bewegendste. Bis heute lässt sie diese Zeit nicht los. Auch nicht, wenn sie auf der Couch liegt und Rückenschmerzen hat.

Vor wenigen Wochen erst wurde sie operiert. "Im Liegen kann ich es am besten aushalten", sagt Birnstiel. Also rollt ihre Mitarbeiterin einen Bürostuhl vor ihr Lager und bittet, darauf Platz zu nehmen. Allein in diesem Jahr will Birnstiel schon 120 Interviews gegeben haben. Meistens spricht sie mit Journalisten über ein Thema: Bhagwan.

Früher lauschten Hunderte Menschen begierig, wenn Birnstiel eine Ansprache hielt. Auf Bhagwans Farm in Oregon war ihr Tempel ein großer Saal und die Sanyasins, so nannten sich seine Anhänger, hingen an ihren Lippen. Heute ist ihr Tempel ein Aufenthaltsraum. Er liegt im Erdgeschoss eines Hauses, das an einem Hügel über dem kleinen Dorf Maisprach rund 20 Kilometer von Basel entfernt thront.

"Demenz-Mandir", Demenztempel, nennen sie und ihre Mitarbeiter das Zimmer, in dem neben der großen Couch zwei Schreibtische und fünf Betten stehen. Auf der einen Seite tippen und telefonieren die Mitarbeiterinnen. Während sie den Alltag des Heims organisieren, ruhen sich um sie herum die Demenzkranken aus. In anderen sozialen Einrichtungen sind Büros und Schlafzimmer voneinander getrennt. An diesem Ort aber wird zur gleichen Zeit gearbeitet und gelebt – und manchmal auch gestorben.

Sheela Birnstiel vor alten Bhagwan-Aufnahmen
SPIEGEL ONLINE

Sheela Birnstiel vor alten Bhagwan-Aufnahmen

Zwei Heime dieser Art leitet Birnstiel im Schweizer Kanton Basel-Landschaft. Sie hat sie nach ihren Eltern benannt, Matrusaden und Bapusaden – Haus der Mutter und Haus des Vaters. Mit diesen Einrichtungen hat sie sich neu erfunden.

Als Birnstiel Ende der Achtzigerjahre aus den Vereinigten Staaten in die Schweiz kam, hatte sie mehr als drei Jahre hinter Gittern verbracht. Sie änderte ihr Leben radikal: Krankenpflege statt Kommune. Vorher hatte sie es in den Dienst von Bhagwan gestellt, nun widmete sie es Alten und Kranken.

Ihre Vergangenheit begleitet Birnstiel trotzdem bis heute. Wer durch Matrusaden schlendert, spürt das in vielen Räumen. Die alten Zeiten hängen in Form von Fotos und Zeitungsausschnitten an den Wänden. Wer durch die Eingangstür des Heims am Demenztempel vorbei in die Küche läuft, sieht nicht nur Bilder von Birnstiels Eltern, sondern auch ein großes Foto von Bhagwan.

Es ist Mittagszeit. Bewohner und Mitarbeiter machen eine Pause. Im Wintergarten grübelt eine Frau auf ihrem Kugelschreiber kauend über einem Kreuzworträtsel, auf dem Hometrainer daneben tritt ein Mann in die Pedale und tippt auf seinem Smartphone herum. Andere haben sich schlafen gelegt. Während sich manche der Bewohner unter ihre Decken kuscheln, versammelt sich Birnstiels Team um den großen Tisch in der Küche. Sie essen gemeinsam, jeden Tag.

Ihr Leben bietet Raum für Interpretationen 

Das Leben von Birnstiel bietet Raum für Interpretationen. Die einen würden sagen: Birnstiel ist eine demütige Frau. Sie gibt ihr Leben für die Gemeinschaft. Früher für den Kult, heute für die Kranken. Die anderen würden sagen: Birnstiel ist eine berechnende Frau. Früher herrschte sie über die Kommune, heute über ihre Heime.

Die Kritik liegt in der Geschichte der Bhagwan-Bewegung begründet. Mitte der Siebzigerjahre zog der Guru mit seinen Reden von der Freiheit des Geistes und der Sexualität Tausende Sinnsuchende an. Seine Anhänger hüllten sich in rote Gewänder, trugen eine Kette mit einem Bild des Meisters um den Hals und lebten in materieller Enthaltsamkeit.

Für seine Lehre der grenzenlosen Freiheit ordneten sie sich dem Guru unter und suchten in Versammlungen, in denen sie heulten, einander schlugen und miteinander Sex hatten, die Erleuchtung. Vom "Sex-Guru" war in vielen Medien die Rede. Die negativen Schlagzeilen schwächten die Bewegung nicht. Im Gegenteil. Immer mehr junge Menschen aus dem Westen interessierten sich für den Kult aus Indien.

Bhagwan-Jünger (1981)
imago/ ZUMA/ Keystone

Bhagwan-Jünger (1981)

Als sich die Sanyasins Anfang der Achtziger in Oregon niederließen, gab es schnell Ärger. Die Einheimischen des nahe gelegenen Ortes Antelope fühlten sich von den neuen Nachbarn bedroht. Die bauten Zäune und Wachtürme, bildeten eine Privatpolizei aus, heirateten untereinander, um im Land zu bleiben, und wollten in der Politik mitmischen. Der Guru selbst begann ein ausschweifendes Leben zu führen. Er besaß mehr als 90 Rolls Royce, Brilliantuhren und eine eigene Flugzeugflotte.

Die Bhagwan-Jünger spielten nicht immer mit fairen Mitteln. 1984 luden sie Hunderte Obdachlose in ihre Kommune ein. Mit Bussen brachten sie die Menschen aus dem ganzen Land nach Oregon. Ihr Plan: Sie sollten bei den anstehenden Kommunalwahlen in Wasco-Country mitwählen und so den Sanyasin-Kandidaten zu einem Sieg verhelfen.

Im Oktober des Jahres erkrankten mehr als 700 Menschen aus der Stadt The Dalles an Salmonellen. Schnell gerieten die Sanyasins unter Verdacht. Sie wurden beschuldigt, einige Salatbars in der Bezirkshauptstadt vergiftet zu haben. Die Behörden vermuteten einen Bioterroranschlag. Sheela Birnstiel galt als mutmaßliche Drahtzieherin. Das FBI ermittelte.

"Bhagwan konnte sich nie vorstellen, dass ich ihn einmal verlasse"

In dieser Zeit kam es auch zu Konflikten zwischen Birnstiel und Bhagwan. Der Guru habe damals Drogen konsumiert, sagt sie. "Mit seiner Abhängigkeit hat er uns alle in Gefahr gebracht: Die Kommune, seine Lehre und sich selbst." Sie habe den inneren Konflikt nicht ausgehalten und am Ende die Reißleine gezogen. Am 13. September 1985 flog sie in die Schweiz. Dort leitet Urs Birnstiel, den sie später heiratete, einen Ableger der Gruppe.

Ihr Chef interpretierte das als Flucht. In Interviews beschuldigte der Guru seine frühere Sekretärin, hinter dem Salmonellenanschlag zu stecken und ein Attentat auf seinen Arzt initiiert zu haben. Als das FBI kurz darauf das Areal durchsuchte, eine Abhöranlage und unterirdische Räume fand, erklärte er, davon nichts gewusst zu haben. Auch dahinter würde Birnstiel stecken. Außerdem habe sie ihm 55 Millionen Dollar gestohlen.

Birnstiel lächelt die Vorwürfe weg. Damals wie heute.

"Bhagwan konnte sich nie vorstellen, dass ich ihn einmal verlasse", sagt sie. Deshalb habe er so wütend reagiert. Außerdem habe sie ihm damals in einem Brief mitgeteilt, dass sie als seine Sekretärin zurücktreten wolle. Alles hatte seine Ordnung, meint sie.

 Bhagwan-Jünger (1984)
imago

Bhagwan-Jünger (1984)

Die amerikanischen Behörden sahen das anders. Wenige Wochen nach ihrer Ausreise wurde Birnstiel von der deutschen Polizei festgenommen und in die USA ausgeliefert.

Fotos und Filmaufnahmen aus der Zeit zeigen, wie Polizisten sie in Handschellen ins Gericht führten. 1986 wurde Birnstiel zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Nicht für die Salmonellenattacke und den Leibarzt-Angriff, aber "für den Visa-Betrug und die Abhöranlagen", sagt sie.

Im Gespräch über diese Zeit rutscht sie vom Deutschen ins Englische. Es wirkt, als würde ihr die Sprache mehr Sicherheit geben. Die Journalisten fragen sie immer das Gleiche, sagt Birnstiel: Ob sie etwas bereue? "No, I regret nothing." 

39 Monate verbrachte sie hinter Gittern, sie hat ihre Strafe abgesessen. "Zwischen Hardcore-Kriminellen", ergänzt sie. Wegen guter Führung wurde sie freigelassen und ging zurück in die Schweiz, um wieder frei zu sein. Und ein neues Leben zu beginnen.

Sie hat die Verantwortung übernommen, findet sie. Jetzt, nach all den Jahren, könnte Ruhe im Leben von Birnstiel einkehren. Doch immer wieder gibt es neue Bücher, Filme und Dokumentationen. Wie zuletzt die Serie "Wild Wild Country" auf Netflix, die frühere Sanyasins wie Birnstiel, Dorfbewohner und Ermittler von den Geschehnissen in Oregon erzählen lässt.

Birnstiel im Garten ihres Pflegeheims
Gabriel Hill

Birnstiel im Garten ihres Pflegeheims

Auch Birnstiel hat vor vielen Jahren ein Buch geschrieben. In "Tötet ihn nicht" verteidigt sie Bhagwans Lehre und erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht. Nicht nur die Journalisten wollen über alte Zeiten sprechen. Sie selbst lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Obwohl sich die Dinge geändert haben.

"Früher war Bhagwan mein Chef", sagt Birnstiel. "Jetzt bin ich mein eigener Chef." Die frühere Sekretärin hat eigene Angestellte. Wenn sie mit ihnen am Mittagstisch zusammensitzt, bespricht sie die wichtigen Dinge des Tages. Einer der Bewohner trage immer ein viel zu kurzes T-Shirt, sagt Birnstiel. "Achte darauf, dass er gut angezogen ist", bittet sie eine Mitarbeiterin und hebt ihren Zeigefinger.

Birnstiel entgeht in ihrem kleinen Heim nichts. Sie lebt dort mit 17 Bewohnern und ihrer Schwester. Im obersten Stockwerk teilen sich die beiden ein Zimmer. Die Tür steht offen, ihr ehemaliger Chef ist auch in diesem Raum omnipräsent.

Über einem alten Sessel hängen vier Bilder. Sie alle zeigen Birnstiel und Bhagwan. Auf einem schließt die junge Sheela andächtig die Augen, während der Guru ihr "drittes Auge", das Stirnchakra, berührt. Ein anderes zeigt die beiden auf einem Flug von Indien nach New York. Sie schenkt ihm Champagner ein, er lächelt. Eigentlich habe Bhagwan keinen Alkohol getrunken, sagt Birnstiel. Doch dieses Glas hätten sie sich geteilt. "Weil er das, was ich für ihn getan hatte, erwidern wollte." Noch immer liegt in ihrer Stimme Bewunderung. Und Liebe.

Dabei verbrannten die Sanyasins nach seinen Anschuldigungen ihre Kleidung. Groll oder Wut verspüre sie trotzdem nicht. "Ich liebe ihn noch immer", sagt die 68-Jährige. 1990 verstarb Bhagwan in Indien. Birnstiel sagt, dass er sie Jahre vor seinem Tod als Opfer bezeichnet habe und, dass sie keine Kriminelle gewesen sei, sondern alles getan hätte, um die Kommune zu schützen. Trotzdem sprachen die beiden nach ihrem Weggang aus Rajneeshpuram nie mehr miteinander.

Bhagwan Shree Rajneesh (1985)
AP

Bhagwan Shree Rajneesh (1985)

Bis heute pilgern Menschen zu seinem Meditationszentrum im indischen Poona. Ins Baselland pilgern vor allem Journalisten, Dokumentarfilmer und Fotografen. Birnstiels Mitarbeiterin Mirjam Moravitz, 48, bewundert ihre Chefin für ihre Geduld. Immer gehe es um die Vergangenheit, sagt sie.

Birnstiel will die Doku von Netflix nur durchgespult haben, Moravitz hat sich alle Folgen angesehen und ist enttäuscht. Wieder würden Vorwürfe erhoben, obwohl es dafür keine Beweise gebe, findet sie. Moravitz arbeitet seit 14 Jahren für Birnstiel. Anfangs ahnte sie, dass die Geschichte ihre Chefin nie loslassen wird. Jetzt weiß sie es. Egal, wie sehr sie sich für Benachteiligte engagiert. Egal, wie lange sie schon ein anderes Leben führt. "Sie wird das mit ins Grab nehmen", sagt Moravitz.

Birnstiel weiß, dass sie manche für eine Attentäterin halten. Spricht man sie darauf an, lächelt sie wieder. Dieses Mal bestimmter und kontrollierter - und sie spricht in der dritten Person von sich, als ob sie die ganzen Gerüchte nichts angehen würden. "Die einen reden so über Sheela, die anderen so." Lässig wischt sie mit der Hand durch die Luft. "Ich bin ich. Trotz meines schlechten Rückens stehe ich gerade."

Sie scheint mit sich im Reinen und wird nicht müde, die Fragen zu den Anschuldigungen zu beantworten. Ihre Schwester versteht das nicht, sie wirkt genervt von dem anhaltenden Medientrubel. "Meine Schwester nimmt das alles viel persönlicher", sagt Birnstiel und lacht.

Und so bleibt Birnstiels Tür offen. Der Grund dafür sei ein Rat ihres Vaters, sagt sie: Wann immer du die Gelegenheit bekommst, zu sprechen und zu schreiben – nutze sie.

Also macht die 68-Jährige weiter und erzählt die immer gleichen Geschichten aus der Vergangenheit, die nie an Spannung zu verlieren scheinen. Interessenten gibt es dafür genug. Sie habe eine neue Anfrage für ein Buch und Bollywood plane einen Film. "Über Bhagwan und mich. Es wird eine Liebesgeschichte." Birnstiel ist frei und sie hat sich entschieden: Für ein Leben mit Bhagwan.

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Sarah Heidi Engel

Jahrgang 1987, aufgewachsen im hessischen Fulda. Studierte Politikwissenschaft, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien und schrieb nebenbei für deutsche und österreichische Medien. Danach ausgebildet bei der "Neuen Osnabrücker Zeitung", darauf Redakteurin im NOZ-Onlineressort. Anschließend zog es sie für "Welt" nach Berlin, seit Juli 2018 zurück im Norden als Redakteurin im Ressort Panorama.

 




Bibliographie

SPON 18.12.2018 / http://www.spiegel.de/plus/bhagwan-juengerin-sheela-birnstiel-sie-liebt-den-guru-noch-immer-a-cbbf2eab-d6a1-4a97-ac0f-c7b6ee2a661d


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-