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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Hollenbach, Marleen / Der Bautzener Weg zur Wahrheit??? / 17.01.2019. - 16:32 / PUBLIC / Druck beenden


18.12.2018 06:00 Uhr

Der Bautzener Weg zur Wahrheit

Mit dem Polygrafen zur Wahrheit: Rechtspsychologin Gisela Klein nutzt das Gerät, um die Aussagen eines Angeklagten zu überprüfen. Schon zum dritten Mal kam die Maschine, die im Volksmund auch Lügendetektor genannt wird, bei einem Strafprozess in Bautzen z © dpa/Sebastian Kahnert

Das Gericht beschäftigt sich mit einer Vergewaltigung. Doch beim Prozess rückt die Straftat in den Hintergrund.

Bautzen. Wer an diesem Montag den Verhandlungssaal in Bautzen betritt, der könnte meinen, er säße in einem Vorlesungssaal. Seit mehr als einer Stunde referiert Sachverständige Gisela Klein über den Polygrafen, im Volksmund auch Lügendetektor genannt. Sie spricht über eigene Erfahrungen, erklärt die Funktion, zitiert aus mehreren Fachbüchern. Doch es sind keine Studenten, die ihr an diesem Tag zuhören. Ihr Vortrag ist Teil einer Verhandlung, Teil eines Prozesses, der bei all den Diskussionen um die stark umstrittene Methode fast in den Hintergrund rückt. *

Dabei geht es am Amtsgericht um einen schwerwiegenden Vorwurf. Im Frühjahr 2014 soll ein 54-jähriger Mann aus Großenhain ein 15-jähriges Mädchen aus Wilthen in seinem Auto vergewaltigt haben. Die Geschichte beginnt im Internet. In einem Chat für Rammstein-Fans lernen sich die beiden kennen. Sie schreiben und besuchen sich. Doch es bleibt nicht bei einer freundschaftlichen Unterhaltung. Via Facebook und Whatsapp tauschen die beiden auch sexuelle Fantasien aus. Die 15-Jährige habe diese Fantasien später auch erleben wollen, berichtet der Angeklagte. Daher habe man sich verabredet. Einvernehmlich sei es damals zu einer sexuellen Handlung gekommen.

Aussage gegen Aussage

Die junge Frau bestreitet das. 2016, zwei Jahre nach dem Vorfall auf der Rückbank des Autos, zeigt sie den Großenhainer an, wirft ihm vor, sie damals an den Handgelenken festgehalten und zur sexuellen Handlung gezwungen zu haben. Vor Gericht steht Aussage gegen Aussage. Doch am Ende ist Richter Dirk Hertle überzeugt: „Der Angeklagte wurde von Anfang an falsch verdächtigt.“ Der heute 58-Jährige wird freigesprochen. Das hatte zuvor nicht nur sein Rechtsanwalt, sondern auch die Staatsanwältin gefordert. Gründe für dieses Urteil gibt es viele. Hertle führt die detailarme Beschreibung an, mit der die junge Frau den Vorgang schildert. Vor Gericht habe sie die Chatgespräche mit dem Angeklagten nicht plausibel erklären können und zudem widersprüchliche Aussagen zum Tathergang gemacht. Die Vernehmung der Frau aus Wilthen vor Gericht musste am ersten Verhandlungstag abgebrochen werden, da sie in Tränen ausbrach. Für den Richter ist das kein Beweis ihrer Glaubhaftigkeit. Im Gegenteil: So ein Verhalten sei untypisch, da der Vorfall Jahre zurückliegt.

Zu diesem Urteil hätte der Richter auch ohne jenen Gast kommen können, der beim Prozess die Hauptrolle spielte. Zum dritten Mal kam bei einem Strafprozess am Bautzener Amtsgericht der Polygraf zum Einsatz. Der Verteidiger hatte diese Methode beantragt. Ein Wunsch, dem Richter Hertle gern zustimmte, gilt er doch als Befürworter der Maschine. Doch es gibt auch Kritiker. Der Anwalt des Mädchens gehört zu jenen, die skeptisch sind. Er stellte den Antrag, auf dieses Mittel im Prozess zu verzichten. Der Bundesgerichtshof stufe den Polygrafen als ein ungeeignetes Beweismittel ein, argumentierte er. Man könne zwar den Puls messen, daraus aber keine Rückschlüsse über Gründe ziehen. Auch sei das Gerät mit Drogen und Training manipulierbar.

Ergebnis nur ein Indiz

Der Richter lehnte den Antrag des Rechtsanwaltes ab, verzichtete nicht auf den Lügendetektor. Im Gegenteil: Er verteidigte die Methode. Sie könne dem Angeklagten helfen, den Wahrheitsgehalt seiner Aussage zu bekräftigen. Auch sei das Ergebnis nur ein Indiz und kein Beweis. Ob es am Ende verwertbar ist, müsse das Gericht entscheiden.

Bei dem Mann aus Großenhain fiel der Test eindeutig aus. Er wurde gefragt, ob er die damals 15-Jährigen zum Sex gezwungen habe und ob etwas gegen ihren Willen geschehen sei. Jede einzelne Frage habe er wahrheitsgemäß verneint, erklärt die Sachverständige Gisela Klein am Ende ihrer langen Rede.




Bibliographie

SZO 18.12.2018 / https://www.saechsische.de/plus/der-bautzener-weg-zur-wahrheit-5013174.html


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-