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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Sander, Daniel / Psychotee Ayahuasca wird zur Modedroge - Plötzlich sprachen die Bäume / 17.01.2019. - 15:57 / PUBLIC / Druck beenden


Psychotee Ayahuasca wird zur Modedroge

Plötzlich sprachen die Bäume

 
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Südamerikanische Schamanen nutzen Ayahuasca seit Jahrhunderten als Heilmittel. Nun trinken auch Westler das psychedelisch wirkende Gebräu. Wie gefährlich ist der Sud? Von Daniel Sander

 

14. Dezember 2018

Erst kommen die Fratzen, die abgerissenen Körperteile. Sie hat sich auch schon in einem Spinnennetz hängen sehen. So fängt es an, wenn Katja Neumann Ayahuasca trinkt, das ist jedes Mal so, aber immerhin hat sie schon sehr lange nicht mehr dabei gekotzt. Die meisten Menschen müssen sich spätestens nach einer Stunde übergeben. *

Ayahuasca ("Liane der Seelen") ist ein entsetzlich schmeckender, psychedelisch wirkender Tee aus dem Amazonasgebiet. Schamanen in den Urwäldern Perus nutzen ihn seit Urzeiten als Heilmittel gegen alle mögliche Leiden und für den Kontakt mit der Pflanzengeisterwelt. In Brasilien verwenden einige Kirchengemeinden das Gebräu für religiöse Rituale und haben es in ihre zum Teil christlich inspirierte Mythologie eingebettet.

Mittlerweile ist der Rauschtee auch im Westen beliebt. In der Schweiz möchten Wissenschaftler den psychotherapeutischen Nutzen erforschen. Doch die Drogenbeauftragten der EU halten die Substanz für gefährlich.

Das liegt am Wirkstoff Dimethyltryptamin (DMT), der unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Er ist in den Blättern der Chakruna-Pflanze enthalten, einer der beiden traditionellen Hauptzutaten des Suds. Die andere ist die eigentliche Ayahuasca-Liane, von Botanikern Banisteriopsis caapi genannt – sie enthält den Stoff Harmalin, der verhindert, dass das DMT im Körper zu rasch abgebaut wird. So kann es nach dem Trinken ins zentrale Nervensystem gelangen und seine psychedelische Wirkung entfalten: Je nach Standpunkt kommt es zu Halluzinationen (Ayahuasca-Gegner) oder Visionen (Ayahuasca-Freunde). Viele vergleichen die Wirkung mit LSD, nur stärker. Manche sagen auch: tiefer gehend.

In Deutschland ist das Gebräu wie fast überall im Westen illegal, aber auch hierzulande bietet eine wachsende Zahl von Neoschamanen oder durchreisenden Heilern Ayahuasca-Zeremonien an – allein in Berlin und Umland sind es bis zu 30 an einem Wochenende, die meisten findet man ohne große Mühe über Facebook.

Mit 80 bis 250 Euro ist man dabei. Manche Teilnehmer versprechen sich Selbsterkenntnis – oder einfach nur den Rausch ihres Lebens. Oft sind es Menschen, die in den Augen von Drogenbeauftragten nicht als "substanzaffin" gelten: Unternehmer, Intellektuelle, Yogalehrer, Therapeuten, Bioladenbesucher, Mütter, Künstler.

Blätter der Chakruna-Pflanze
Beat Ernst
Blätter der Chakruna-Pflanze

Ayahuasca ist keine Straßendroge, man kann sie sich nicht einfach beim Dealer im Park besorgen. Wer es schafft, an die Zutaten zu kommen, muss den Psychotee auch brauen können – manche Schamanen lassen den Sud tagelang einkochen und geben noch bis zu 50 andere Kräuter hinzu.

Die allerwenigsten Konsumenten trinken Ayahuasca zu Hause vor dem Fernseher, auch in Deutschland folgt eine Zeremonie meist mehr oder weniger strengen Ritualen. Die meisten orientieren sich an den südamerikanischen Vorbildern – was dort in den Malocas stattfindet, den traditionellen Gemeindehütten, versucht man hier in Altbauwohnungen, auf Waldlichtungen und in Heilpraktikerpraxen nachzuempfinden.

Am Anfang sollte eine strenge Diät stehen: ein bis zwei Wochen lang kein Alkohol, kein Zucker, kein Pfeffer, kein Salz, kein rotes Fleisch, kein Kaffee. Die vorangehende Abstinenz dient der Vorbereitung – oder soll schlicht die Nebenwirkungen verringern. Wenn es so weit ist, breiten sich 4 bis 40 Teilnehmer auf ihren Matten aus, traditionell im Schneidersitz, hierzulande ist oft auch Liegen erlaubt.

Immer in Spuckweite: ein Eimer, meist selbst mitgebracht. Die Schamanin oder der Schamane verabreicht den Sud und stimmt die traditionellen Icaro-Gesänge an. Nach einer halben Stunde fangen die Ersten an, sich zu übergeben. Durchfall ist eine andere Nebenwirkung.

Was dann passiert, beschreibt Katja Neumann als eine vier- bis sechsstündige innere Reise, auf der es "ziemlich rumpeln kann". Die 46-jährige Heilpraktikerin hat dunkelrote Locken, ein entspanntes Lächeln und eine gemütliche Praxis im Berliner Erleuchteten-Hotspot Prenzlauer Berg. Neumann sagt, sie habe lange gezögert, bevor sie Ayahuasca ausprobiert habe; abgesehen von Rotwein, meide sie bewusstseinsverändernde Substanzen.

Andererseits habe sie als "Frau vom Fach" auch immer großen Respekt vor den jahrhundertealten Heilmethoden der südamerikanischen Schamanen gehabt und sei schlicht neugierig gewesen. Irgendwann überredete sie dann ein befreundeter Psychoanalytiker, ihn zu einer Zeremonie zu begleiten. Es habe sie umgehauen.

 

Martin M

ejia / picture-alliance / AP Photo

"Am Anfang ist es wirklich ungemütlich, diese fiesen Bilder, als würden erst die ganzen Gedankenparasiten rausgeschmissen", sagt sie. "Aber wenn das Kopfgequatsche aufhört und ich merke, dass ich loslassen kann, dann wandelt sich die Energie, und es wird überwältigend."

Jeder beschreibt das Erlebnis anders. Doch fast jeder sagt, man verstehe die Bilder und das Gefühl nur, wenn man selbst getrunken habe: "leuchtende Energienetze", das Gefühl, den eigenen Tod zu erleben, bunte Traumwelten, Albtraumvisionen, "die Nähe fremder Kräfte".

Ein 53-jähriger Heilpraktiker aus Berlin, der die Pflanzenmedizin der Shipibo-Konibo in Peru beobachtet hat und nun in Deutschland Ayahuasca-Zeremonien leitet, erzählt, die Bäume hätten sich ihm eines Nachts im Dschungel in ihrer Sprache offenbart. Seine Frau berichtet, wie die Schamanen dort die Dämonen aus den Menschen holen.

"Ich glaube, dass jeder irgendeine Präsenz wahrnimmt", sagt Neumann. "Für mich sind das Pflanzengeister und andere helfende Kräfte, daran glaube ich fest. Wer weniger spirituell unterwegs ist, redet vielleicht eher von unterschiedlichen Energiezuständen."

Henrik Jungaberle glaubt nicht an Pflanzengeister oder Energienetze. Der 50-jährige Sozial- und Gesundheitswissenschaftler hat 18 Jahre lang an der Universität Heidelberg zu Drogen aller Art geforscht. Heute ist er Vorstand von Finder, einem unabhängigen Institut für Präventionsforschung in Berlin; zusammen mit mehreren Universitäten hat er sich der Untersuchung psychedelisch wirkender Substanzen verschrieben. Neben dem berühmten Hamburger Schamanismus-Forscher Christian Rätsch dürfte sich in Deutschland kaum ein Experte so gut mit Ayahuasca auskennen wie er. Während Hippie-Ikone Rätsch selbst als Schamane durchgehen könnte, ist Jungaberle eher der pragmatisch-dynamische Typ mit blondem Kurzhaarschnitt und klaren Thesen.

Jungaberle schätzt, dass mittlerweile "mehrere Zehntausend Deutsche" regelmäßig Ayahuasca trinken. "Wir erleben einen weltweiten Boom", sagt er. Das habe viel mit dem rituellen Rahmen der Zeremonien zu tun, mit dem spirituellen Überbau. "Das Ritual wirkt unmittelbar, das suchen viele Menschen", sagt er. "Das hat auch mit dem sinkenden Glauben an Autoritäten zu tun, die früher gesellschaftlich geteilten Sinn vermittelt haben. Die Leute versuchen heute, durch eigene Erfahrung Antworten zu finden."

Ayahuasca-Sud
Eitan Abramovich / AFP
Ayahuasca-Sud

Aber welche Antworten liefert ein faulig und vergoren schmeckender Sud, der Erbrechen, Durchfall und albtraumhafte Visionen auslösen kann? "Ich bin Vertreter eines säkularen, rationalen Zugangs", sagt Jungaberle. Man wisse, dass unter dem Einfluss von Psychedelika wie LSD mehr Kommunikation zwischen bestimmten Teilen des Gehirns stattfinde, das könne besonders für die Psychotherapie einen Nutzen haben, den es professionell zu erforschen gelte – so wie es etwa die Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Zürich vorhat.

Aber die gesundheitlichen Risiken sieht er auch. Das Harmalin aus der Liane kann den Blutdruck steigen lassen, das kann für Vorerkrankte problematisch werden. Auch die Wechselwirkung mit Antidepressiva gilt als bedenklich. Aus neurotoxikologischer Sicht ist Ayahuasca jedoch wahrscheinlich deutlich weniger bedenklich als etwa Alkohol, sagt Jungaberle. Es gibt schon wegen der komplizierten Einnahmerituale und der Nebenwirkungen kein Suchtpotenzial. Nur verschwindend wenige Todesfälle lassen sich auf Ayahuasca zurückführen – und meist im Zusammenspiel mit anderen, synthetischen Substanzen.

"Die Horrorgeschichten von Selbstmorden oder Trips, auf denen man lange hängen bleibt, kennt man auch von LSD", sagt Jungaberle. "So etwas kann passieren – aber nur extrem selten."

Das größte Problem ist laut Jungaberle die Illegalität des Stoffes, denn die behindere nicht nur die Forschung, sondern erschwere es den Nutzern, professionelle Betreuung für die Einnahme zu finden. Denn bei einem so stark psychedelisch wirkenden Mittel sollte immer jemand dabei sein, der sich damit auskennt – in den Augen von Jungaberle idealerweise ein ausgebildeter Psychotherapeut.

"In Berlin zeigt sich mit dem Überangebot an Zeremonien gerade eine katastrophale Inkompetenz", sagt er. "Da kann man an Anfänger geraten, die sich Schamane nennen und sich weder mit Pharmakunde noch mit komplexen psychischen Prozessen auskennen."

Grob gesprochen gibt es drei Sorten von Menschen, die in Deutschland die Untergrundzeremonien anbieten: traditionelle Schamanen aus Peru, Kolumbien oder Brasilien, die ein paar Monate durch Europa touren, um sich Geld dazuzuverdienen; deutsche "Neoschamanen" mit südamerikanischer Ausbildung und Gurus, die ihr Wissen vor allem aus YouTube-Videos beziehen.

Heilpraktikerin Neumann: "Gedankenparasiten"
Fabian Melber / DER SPIEGEL
Heilpraktikerin Neumann: "Gedankenparasiten"

Jungaberle findet alle drei Gruppen problematisch. "Die Schamanen aus Südamerika arbeiten in ihrer Heimat in einem festen symbolischen Kosmos, hier haben sie es mit Befindlichkeiten von Wohlstandswestlern zu tun", sagt er. Die deutschen Neoschamanen wiederum "importieren Ideen und Rituale aus einer völlig anderen Kultur und mischen das mit dem psychotherapeutischen Ideenuniversum der letzten 50 Jahre".

Katja Neumann vertraut auf einen Heiler aus Ecuador, der sich mit dem Geld aus Europa ein Healing Center in der Heimat finanzieren will. Sie sei vorher regelmäßig bei einem Deutschen gewesen, bei dem irgendwann mehr als 50 Leute im Wohnzimmer gelegen hätten, bei nur einer Toilette. "Bei dem hat man schon die Dollarzeichen in den Augen gesehen", sagt sie.

Neumann hat 50 bis 60 Zeremonien hinter sich, heute trinkt sie nur noch ein- bis zweimal im Jahr Ayahuasca. Sie beschreibt das als Besuch einer warmherzigen, aber auch strengen Mutter.

"Ich würde die Zeremonie auf keinen Fall jedem empfehlen", sagt sie. "Das ist weder Modedroge noch Wundermittel – man muss Respekt haben und wissen, dass es hart werden kann." Ihr selbst habe es geholfen, Verletzungen der Vergangenheit aufzuarbeiten und "eine Schlammschicht nach der nächsten aus dem Unterbewusstsein wegzurollen". Wie Jungaberle plädiert sie für mehr Forschung. Sie glaubt, dass das medizinische Potenzial enorm sei, auch für physische Leiden.

Bei Kopfschmerzen reiche aber eine Aspirin.




Bibliographie

SPON 14.12.2018 / http://www.spiegel.de/plus/ploetzlich-sprachen-die-baeume-a-00000000-0002-0001-0000-000161350452


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-