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Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle Psychoszene / Esoterik




Bartens, Werner / Tübingen bekommt umstrittenen Lehrstuhl für alternative Heilverfahren / 17.01.2019. - 15:41 / PUBLIC / Druck beenden


Medizin Tübingen bekommt umstrittenen Lehrstuhl für alternative Heilverfahren

Gefährliche Esoterik oder ernsthafte alternative Heilverfahren: Komplementärmedizin ist umstritten.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

  • Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat im Koalitionsvertrag beschlossen, eine Professur für Komplementärmedizin einzurichten.
  • Dabei ist oft gezeigt worden, wie wirkungslos ihre Verfahren sind.
  • Patienten mit heilbaren Krankheiten können wichtige Behandlungen versäumen, wenn sie auf komplementäre Verfahren setzen.

Von Werner Bartens

Was Norbert Schmacke auf die Palme bringt, ist das falsche Spiel mit der Hoffnung. Werden Schwerkranken unhaltbare Versprechungen gemacht, reagiert der Bremer Gesundheitswissenschaftler unwirsch. "Ich kenne kein alternatives Heilverfahren, das den Verlauf einer Krebserkrankung positiv beeinflusst, auch wenn dies die Vertreter von Homöopathie & Co. gebetsmühlenartig behaupten", empört sich der Arzt. "Dass alternative Heiler schaden, indem sie zum Teil von wirksamen Therapien abraten, ist bitter bis kriminell."

Die fragwürdigen Heiler bekommen nun eine prominente Bühne, akademisch geadelt. Die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg hat im Koalitionsvertrag die Einrichtung einer entsprechenden Professur beschlossen. * An der Universität Tübingen sollen künftig alternative Heilmethoden, Komplementärmedizin, Integrative Medizin und Naturheilverfahren beforscht und auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit geprüft werden. Die Robert-Bosch-Stiftung beteiligt sich an der Finanzierung.

 

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Norbert Schmacke, der in seinem Buch "Der Glaube an die Globuli" die Argumentation der Homöopathie-Anhänger entlarvt, findet deutliche Worte. "Dass jetzt auch die Universität Tübingen glaubt, zu Standardverfahren der Alternativmedizin forschen zu müssen, nachdem dieses Kapitel wirklich abgeschlossen ist, spricht leider dafür, dass auch die akademische Welt auf die Rutschbahn der Esoterik gelangt ist", so der Mediziner. "Man darf gespannt sein, wann der medizinische Fakultätentag und die Fachgesellschaften endlich aufwachen."

Unter den Uni-Medizinern in Tübingen war die Skepsis zunächst ebenfalls groß. "Die Einrichtung der Professur ist in unserer Fakultät kontrovers diskutiert worden", sagt Medizin-Dekan Ingo Autenrieth. "Bei vielen Kollegen - bei mir auch - löste das Thema Sorgen aus." Inzwischen hat sich die Perspektive offenbar verschoben. "Falls sich einzelne Verfahren als wirksam, sicher und vielleicht sogar überlegen erweisen, kann dies das Spektrum der wissenschaftlich fundierten Therapien erweitern", sagt Autenrieth. "Dann wären die Verfahren keine 'alternativen' Heilmethoden mehr, sondern eben Teil des Kanons der',klassischen' Medizin."

 
 

"Wir können auf diese Weise dazu beitragen, Unsinniges auszusortieren."

Im Moment finde sich aber noch viel "Unsinniges" unter dem Begriff Komplementärmedizin, zudem dürfe das Vertrauen der Patienten nicht aus Profitsucht oder ideologischer Überzeugung ausgenutzt werden. Die Professur müsse daher darlegen, "wie es derzeit mit der Evidenz aussieht". Da inzwischen klarer sei, was erforscht werden soll, und da Stiftung und Land die Finanzierung übernehmen, ist die neue Professur beschlossen worden. Zudem sollen sich Studierende kritisch mit Komplementärmedizin auseinandersetzen.

"Eine kompetent begleitete Reflexion über die ganze Bandbreite des Themas gehört dazu, weil Patienten ja danach fragen und eine fundierte Antwort wünschen", sagt Autenrieth. Im Gegenzug erwartet der Tübinger Dekan allerdings, dass öffentlichkeitswirksam vermittelt wird, wenn Verfahren unwirksam sind. "Wir können auf diese Weise dazu beitragen, Unsinniges auszusortieren und Klarheit zu schaffen", sagt Autenrieth. In der Bevölkerung sind homöopathische und naturheilkundliche Ansätze schließlich populär, 40 bis 80 Prozent der Krebspatienten nutzen "komplementäre" Methoden.

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In der Fachwelt konnten Wissenschaftler allerdings bisher nicht seriös belegen, dass die oft pauschal als "sanft" titulierten Behandlungen in ihrer Wirkung über den Placeboeffekt hinausgehen. Und die verbreitete Haltung, "schaden kann es aber auch nicht", hat sich insofern als gefährlich erwiesen, da oft wirksame Therapien unterlassen werden, wenn die Skepsis gegenüber der herkömmlichen Medizin ausgeprägt und der Vertrauensvorschuss in alternative Verfahren groß ist.

Die Gefahr alternativer Heilmethoden

Gerade hat eine Untersuchung in JAMA Oncology gezeigt, wie sich Krebspatienten verhalten, die auf alternative Verfahren setzen. Von den Tumorkranken, die komplementäre Behandlungen zuließen, verweigerten sieben Prozent eine empfohlene Operation, 34 Prozent eine Chemotherapie und 53 Prozent eine Bestrahlung, während in der Vergleichsgruppe fast alle Patienten den Therapien zustimmten, wenn ihnen dazu geraten wurde. "Patienten mit heilbaren Tumoren können wichtige Behandlungen versäumen, wenn sie auf komplementäre Verfahren setzen", so die Autoren um Skyler Johnson. "Das geht mit einer schlechteren Prognose einher, und Ärzte sollten daher eindringlich davon abraten."

Noch deutlicher wird Sven Mahner, Chef der Unifrauenklinik München. Bei Frauen mit Brustkrebs und anderen gynäkologischen Tumoren sei der Wunsch nach ergänzenden Behandlungen zwar verbreitet. "Allerdings gibt es wenige Bereiche in der Medizin, in denen sich Therapieempfehlungen auf eine so fundierte Basis aus großen Studien stützen, wie in der Krebsmedizin", sagt der Frauenarzt. "Wer in einer solchen Situation zu alternativen Behandlungen greift, spielt, salopp gesagt, mit seinem Leben."

Allerdings ergänzten komplementäre Behandlungen meist die konventionelle Krebstherapie und seien damit weniger riskant. Aber auch hier könne es zu Wechsel- und Nebenwirkungen kommen. "Daher ist es wichtig, dass Frauen komplementäre Behandlungen gegenüber dem Arzt nicht verschweigen, um wenigstens dieses Risiko zu minimieren", sagt Mahner. Der Frauenarzt hat beobachtet, dass Frauen, die sich komplementärmedizinisch betreuen lassen, ein stärkeres Gefühl von Autonomie und Eigeninitiative erleben - auch wenn sich eine spezifische Wirkung der Behandlung nicht nachweisen lässt. Das Gefühl, selbst auf die Krankheit Einfluss nehmen zu können, mache die Verfahren so beliebt - und könne womöglich im günstigsten Fall den Verlauf positiv beeinflussen.

Universitäre Weihen für Zauberei mit Zuckerkügelchen

Für Norbert Schmacke überwiegt jedoch eindeutig die negative Seite, wenn die Komplementärmedizin - wie bald in Tübingen - akademisch aufgewertet wird. "Man hört von Anhängern alternativer Verfahren immer wieder, dass die Schulmedizin nur wenig gegen Krebs ausrichten könne und mit heftigen Nebenwirkungen einhergehe", so der Arzt. "Von Fortschritten der Onkologie etwa bei Leukämien und Lymphomen oder in der Darmkrebschirurgie abzulenken, ist eine Gemeinheit und gefährdet Patienten. Dass es andere Tumoren gibt, bei denen die Fortschritte gering sind, und dass es immer gilt, über die teils erheblichen Nebenwirkungen im Verhältnis zum Nutzen einer Behandlung aufzuklären, ist richtig, spricht aber nicht für die Zauberei mit Zuckerkügelchen."

Davor, dass mit der neuen Professur der Ruf einer "Öko-Uni" drohe, haben sie in Tübingen offenbar keine Angst. "Wir wollen nur eine Medizin: eine, die wirksam, sicher und für Patienten angemessen ist, also evidence-based und value-based", sagt Autenrieth. "Kommen neue, als wirksam und sicher beforschte Methoden dazu, kann das nur gut sein. Und Ökologie bezeichnet wissenschaftlich ja die biologischen Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrer natürlichen Umwelt, also auch zwischen Mensch und Umwelt und auch bei Krankheit - das ist daher Bestandteil unserer ganzheitlichen Medizin."

 

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Bibliographie

SZ online 29.10.2018 / https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/lehrstuhl-komplementaermedizin-homoeopathie-1.4186658


Edition VIKAS 2006-/FEPA V 2.1-