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Autor / Datum / Thema /Status Jörg Schlee in "Der Wille zum Schicksal" /06.09.2009/ (1) / 2018-01-05 16:02 / So funktioniert Familienaufstellung nach Hellinger / INFOTHEK printer abbrechen Kommentarfunktion aktiv
Zusammenfassung

Beim Familienaufstellen nach Bert Hellinger handelt es sich um ein Verfahren, das mit dem Versprechen auftritt, existenzielle Fragen, berufliche Probleme oder jedwede sonstige Beeinträchtigungen bearbeiten und »lösen« zu können. Seinen Anwendern zufolge gibt es für seine Einsetzbarkeit praktisch keine Einschränkungen. Die bearbeiteten Beeinträchtigungen können von einem allgemeinen Unwohlsein über Paarkonflikte bis hin zur Auseinandersetzung mit lebensbedrohenden Erkrankungen reichen. Es wird nur vorausgesetzt, dass der Klient dem Therapeuten ein Anliegen nennen kann.

Das Konzept und die Methodik von Familienaufstellungen basieren auf bestimmten, von Hellinger vorgegebenen Annahmen. Insofern dürfen »Familienaufstellungen nach Bert Hellinger« keinesfalls mit anderen Verfahren verwechselt weren, die ihnen äußerlich ähnlich zu sein scheinen (Psychodrama, Familienskulpturen, Standbilder etc.). Hellinger geht von der Annahme aus, die Mitglieder einer Familie seien durch unsichtbare Bande miteinander verbunden. Daher seien sie in ihrem Handeln nie völlig frei. Die in einer Familie geltenden Beziehungen folgten einer Ordnung. Wenn einzelne Familienmitglieder gegen diese Ordnung verstießen, führe das zu so genannten »Verstrickungen«, die bewirkten, dass sich bei Mitgliedern nachfolgender Generationen Störungen ergäben. Das »Familiengewissen« als ordnende Instanz sorge in Gestalt von Schicksalswiederholung für eine Art Sühne. Durch Familienaufstellungen könnten die nach Hellingers Vorgaben arbeitenden Therapeuten diese verborgenen Zusammenhänge erkennen und dadurch dem Klienten zu einer Auflösung seiner Verstrickungen verhelfen.

 

So funktioniert Familienaufstellung nach Hellinger

Jörg Schlee in "Der Wille zum Schicksal" /06.09.2009/ (1)
Ob er seine eigene Herkunftsfamilie schon einmal aufgestellt habe? "Nein", antwortet Hellinger auf diese Frage. "Wozu soll das gut sein?" (2)


1. Das therapeutische Vorgehen
2. Zur Wirksamkeit von Familienaufstellungen
3. Blendwerk und Täuschung
4. Zusammenfassung der Kritik aus ethischer Sicht


Beim Familienaufstellen nach Bert Hellinger handelt es sich um ein Verfahren, das mit dem Versprechen auftritt, existenzielle Fragen, berufliche Probleme oder jedwede sonstige Beeinträchtigungen bearbeiten und »lösen« zu können. Seinen Anwendern zufolge gibt es für seine Einsetzbarkeit praktisch keine Einschränkungen. Die bearbeiteten Beeinträchtigungen können von einem allgemeinen Unwohlsein über Paarkonflikte bis hin zur Auseinandersetzung mit lebensbedrohenden Erkrankungen reichen. Es wird nur vorausgesetzt, dass der Klient dem Therapeuten ein Anliegen nennen kann.

Das Konzept und die Methodik von Familienaufstellungen basieren auf bestimmten, von Hellinger vorgegebenen Annahmen. Insofern dürfen »Familienaufstellungen nach Bert Hellinger« keinesfalls mit anderen Verfahren verwechselt weren, die ihnen äußerlich ähnlich zu sein scheinen (Psycho-drama, Familienskulpturen, Standbilder etc.). Hellinger geht von der Annahme aus, die Mitglieder einer Familie seien durch unsichtbare Bande miteinander verbunden. Daher seien sie in ihrem Handeln nie völlig frei. Die in einer Familie geltenden Beziehungen folgten einer Ordnung. Wenn einzelne Familienmitglieder gegen diese Ordnung verstießen, führe das zu so genannten »Verstrickungen«, die bewirkten, dass sich bei Mitgliedern nachfolgender Generationen Störungen ergäben. Das »Familiengewissen« als ordnende Instanz sorge in Gestalt von Schicksalswiederholung für eine Art Sühne. Durch Familienaufstellungen könnten die nach Hellingers Vorgaben arbeitenden Therapeuten diese verborgenen Zusammenhänge erkennen und dadurch dem Klienten zu einer Auflösung seiner Verstrickungen verhelfen.

 

1. Das Therapeutische Vorgehen

Praktisch-technisch findet die Familienaufstellung in größeren Gruppen statt. Ein Klient, der sein Anliegen bearbeiten möchte, beschreibt dies zunächst mit möglichst wenigen Worten. Anschließend wird er vom Therapeuten aufgefordert, sich zu »sammeln« und seine Familie »aufzustellen«. Dies geschieht dadurch, dass der Klient sich aus dem Kreis der Teilnehmer Personen aussucht, die er als »Stellvertreter« seiner Familienangehörigen auf einer freien Fläche - oft im Innenraum eines Stuhlkreises - so aufstellt, wie es ihm vor dem Hintergrund seines Anliegens als angemessen erscheint. Hierbei kann er nur den Standpunkt und die Blickrichtung der »Stellvertreter« bestimmen. Den »aufgestellten« Personen wird nur mitgeteilt, wen sie vertreten, ansonsten werden keine weiteren Hinweise gegeben. Sie kennen also nicht die inneren Beweggründe des Klienten, warum er sie gerade so und nicht anders »aufgestellt« hat. Wenn alle benötigten Personen - zunächst meist Vater, Mutter und Geschwister - in dieser Weise aufgestellt sind, positioniert der Klient eine weitere Person in dieses Gefüge, die ihn selbst vertritt. Danach zieht er sich aus der Szene zurück an einen Punkt, von wo aus er nun alle weiteren Schritte und Ereignisse gut beobachten kann.*
Es wird nun von Bert Hellinger und seinen Anhängern angenommen, es baue sich durch diese Platzierungen ein »energetisches Kraftfeld« auf, das es den Stellvertretern ermögliche, exakt die Gefühle und Einstellungen jener Personen wahrzunehmen, für die sie aufgestellt wurden. Durch diese Wahrnehmungen könnten die Dynamik und die bestimmenden Beziehungsstrukturen bzw. deren Irritationen und »Verstrickungen« innerhalb eines Familiensystems herausgefunden werden. Konkret bedeutet das, dass der Therapeut im Anschluss an die Aufstellung durch den Klienten die Stellvertreter der einzelnen Familienmitglieder befragt, wie es ihnen an dem ihnen zugewiesenen Platz ergehe bzw. was sie dort wahrnähmen. Die Befragten beschreiben nun sowohl körperliche als auch seelische Empfindungen oder sie nehmen aus der Sicht ihrer »Rolle« zu ihren Eindrücken Stellung. Ihre Antworten sollten jedoch keineswegs ausführlich und detailliert sein, vielmehr nur als knappe Hinweise erfolgen. Der Therapeut erhalte nun - sc wird behauptet - aus ebendiesen Angaben der Stellvertreter Informationen über Ereignisse in der Vergangenheit der zur Rede stehenden Familiengeschichte des Klienten. Zugleich könne er aus diesen Angaben die erforderli che Veränderung in der Platzierung der Familienmitglieder zueinander herleiten. Entsprechend weist er ihnen andere Plätze oder Blickrichtungen zu und erkundigt sich anschließend bei ihnen, ob sich dadurch Veränderungen in ihrem Empfinden oder in ihren Eindrücken ergeben hätten.

Durch die Angaben der Stellvertreter und daraus hergeleitete weitere Umstellungen mit erneuten Auskünften könne der Therapeut schließlich zu einer Konstellation finden, in der sich die aufgestellten Personen an einem angemessenen Ort glauben. Zugleich richtet der Therapeut nunmehr auch weitere Auskunftsfragen an den Klienten selbst, der zu diesem Zeitpunkt das Geschehen noch von außen beobachtet. Dabei interessieren ihn besonders solche Ereignisse, die als »Verstöße gegen die familiäre Ordnung« interpretiert werden können (z. B.: »Gab es in deiner Familie eine Scheidung?«). Nachdem der Therapeut sich auf diese Weise weitere Details aus der tatsächlichen Familiengeschichte erfragt hat, stellt er hierzu weitere Personen bzw. deren Stellvertreter auf. Meist handelt es sich um Angehörige aus der Generation der Großeltern. Es können somit auch Personen in die Aufstellung einbezogen werden, die bereits verstorben sind. Hierzu zählen insbesondere auch fehlgeborene oder abgetriebene Kinder. Durch das Umstellen und das Hinzufügen weiterer Personen wird die ursprüngliche Situation zunehmend verändert. Durch die suggestiven Fragen des Therapeuten stellt sich immer heraus, dass der Klient wichtige Personen in seinem Bild der Familie übersehen oder vergessen habe, die nun nachträglich und ergänzend durch den Therapeuten aufgestellt werden müssten.

Wenn auf diese Weise ein Ensemble entstanden ist, in dem sich jedes Mitglied auf einem angemessenen Platz empfindet, wird der Klient gegen seinen eigenen Stellvertreter ausgetauscht, sodass er nun direkt in die Dynamik der Familienaufstellung einbezogen wird. Der Therapeut konfrontiert ihn nun mit einigen Stellvertretern seiner Familie. Dabei bestimmt er durch präzise Regieanweisungen das weitere Geschehen zwischen den beteiligten Personen. Er schreibt ihnen nicht nur ihre Handlungen, sondern auch ihren Dialogtext exakt vor (Schau ihn an! Verbeuge dich tief! Nun nimm ihn in den Arm! Leg dich vor ihm auf den Boden! Tritt näher! Leg ihm die Hand auf die Schulter! Sprich: »...«! Sag ihm: »...«! Antworte: »...«!). Auf diese Weise entwickelt sich durch körperliche Nähe, durch intensiven Blickkontakt und durch »lösende« Sätze eine starke Emotionalität, die sich meist in Tränenausbrüchen und innigen Umarmungen entlädt. Fast immer sind die Klienten innerlich sehr berührt und meinen, einen tiefen Blick in
naüen. sie giauDen, nun aeren ZAisammennange erKennen zu Können, eine Familienaufstellung kann von 15 Minuten bis zu 90 Minuten dauern. In den meisten Fällen wird sie jedoch nach 25 bis 35 Minuten vom Therapeuten abgeschlossen. Danach wird nicht über ihren Inhalt oder ihren Verlauf geredet. Ein Austausch unter den beteiligten Personen ist nicht vorgesehen. In Lehrveranstaltungen oder Demonstrationen von Bert Hellinger kann es zu Ausnahmen kommen. Doch antwortet dann nur Hellinger mit knappen Belehrungen auf die Fragen von wenigen Zuschauern aus dem Publikum. Die an einer Aufstellung unmittelbar beteiligten Personen kommen fast nie zu Wort.



Zur Wirksamkeit von Familienaufstellungen

Familienaufstellungen führen in der Regel bei allen Beteiligten zu starken emotionalen Bewegungen. Nicht zuletzt daraus ergibt sich die große Faszination, die sie auf viele Menschen ausüben. Es gibt kaum ein anderes Verfahren, mit dessen Hilfe Klienten in so kurzer Zeit so dramatische Erfahrungen machen können. Zur Nachhaltigkeit der Veränderungen liegen allerdings keine systematischen Untersuchungen vor. Es sind mehrere Möglichkeiten denkbar, sich diese ungewöhnlich große Eindrücklichkeit zu erklären. Zwei davon möchte ich vergleichend darstellen. Und zwar werde ich die Erklärungen, die von Hellinger und seinen Anhängern vertreten werden, solchen gegenüberstellen, die sich aus der Sicht des Forschungsprogramms Subjektive Theorien (Groeben et al., 1988) anbieten. Sie beruhen auf unterschiedlichen und unverträglichen Annahmen. Das führt zu kontrastierenden Bewertungen von Familienaufstellungen, nicht zuletzt unter ethischer Perspektive.

Ein diametraler Gegensatz besteht in den Auffassungen, wie Menschen erkennen. Hellinger lehnt es beispielsweise ab, Erkennen als einen aktiven und konstruktiven Prozess zu begreifen. Er nimmt deshalb für sich eine »phänomenologische Haltung« in Anspruch, die er folgendermaßen beschreibt: »Also, bei der phänomenologischen Vorgangsweise ziehe ich mich von meinen Gedanken und Vorstellungen, die ich über eine Sache oder einen Vorgang habe, zurück. Ich vergesse, sozusagen, was ich darüber weiß. Dann bin ich ohne besondere Absicht und ohne Furcht vor dem, was sich zeigen könnte. (...) Wenn man nun so in die leere Mitte zurückgezogen ist, dann taucht manchmal plötzlich etwas auf: ein Bild oder ein Wort oder eine Einsicht. Völlig unmittelbar kommt das ans Licht. Bei der Psychotherapie ist das, was ans Licht kommt, zugleich Handlungsanweisung, der man sich überlassen muss, ohne dass man sie versteht. Denn wohin sie führt, ist erst am Ende sichtbar. (...) Je mehr nun dieses Sich-Zurückziehen gelingt, desto mehr kann geschehen. Denn mit dem Mich-Zurückziehen gebe ich dem, was abläuft, den Raum, in dem es sich entfalten kann. Dieser Vorgang ist sehr demütig und ist das Gegenteil von Wissenschaft. Aber es ist äußerste Empirie, reine Erfahrung dessen, was sich zeigt« (Hellinger, 1998b, 16 f.).

Hellinger sieht sich bzw. den Therapeuten also als passiv-empfangend. Er überlässt sich plötzlich auftauchenden Bildern und Eingebungen, die er als Handlungsanweisung begreift. In seiner therapeutischen Arbeit versteht er sich als ein Offenbarungen empfangendes Medium und nicht als Akteur. Mit diesem Verständnis von Erkennen und Handeln sieht er sich - meines Erachtens sehr zu Recht - im Gegensatz zum geltenden Wissenschaftsver-ständnis. Im konstruktivistischen Selbstverständnis gelten Menschen hingegen als aktive und autonome Subjekte, die sich in ihren Handlungen und Gestaltungen von ihren inneren, d. h. persönlichen und subjektiven Vorstellungen leiten lassen. In ihrer Suche nach Sinn und Bedeutung gehen sie, ähnlich wie Wissenschaftler, konstruktiv-erfinderisch vor (Groeben et al., 1988,11 f.).

Um Familienaufstellungen vor diesem Hintergrund theoretisch wie ethisch besser bewerten zu können, sollen Hellingers Vorstellungen, die oben bereits skizziert wurden, noch einmal etwas ausführlicher dargestellt werden. Seine wichtigste Annahme - in seinem Verständnis: eine empirisch belegte Tatsache - besagt, dass zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Familie energetische Beziehungen mit ordnungshaften Regeln bestünden. Wenn diese Ordnung verletzt würde, ergäben sich zwangsläufig Schwierigkeiten und Störungen im Familiensystem. Hellinger und seine Anhänger sprechen in diesem Fall von »Verstrickungen«. Als solche Verstrickungen gelten alle als ungewöhnlich empfundenen Ereignisse. Ulsamer (1999, 241 f.) zählt davon einige beispielhaft auf: früh verstorbene Geschwister, Totgeburten, früh verstorbene Eltern, früh verstorbene Geschwister der Eltern oder der Großeltern, Tod bei einer Geburt, schwere Geburtsschäden, Verbrechen, schweres Unrecht, sexueller Missbrauch, Verwicklungen im Nationalsozialismus, unrechtmäßiges Erbe, Selbstmord, körperliche oder geistige Behinderung, Psychatrie- oder Gefängnisaufenthalte, finanzielle Pleiten, Homosexualität, Auswanderung, uneheliche Lieburten, Adoptionen, Pflegeeltern, Flucht oder Heimatvertreibung, Eltern unterschiedlicher Nationalität, tragisches Schicksal oder ein Familiengeheimnis.

Derartige Verstrickungen als Verstoß gegen die von Hellinger (vermeintlich) entdeckte Ordnung wirkten sich nun schädlich auf die nachfolgenden Generationen aus. Hiervon werde insbesondere die Enkelgeneration betroffen. So wird angenommen, dass ein »Familiengewissen« als »die innere Instanz der Familienmitglieder« (Ulsamer, 1999, 51) für eine Art Sühne sorge. Anders formuliert: Wenn Menschen unter Problemen und Schwierigkeiten litten, könne man im Umkehrschluss folgern, dass familiäre Verstrickungen - zumeist in der Großelterngeneration - hierfür verursachend seien. Insbesondere müssten Gefühle und Vorstellungen, die man sich nicht erklären könne und die einem deshalb als »fremd« erschienen, als Anzeichen dafür gelten, dass nicht die aktuellen Gegebenheiten, sondern Ereignisse aus der familiären Vergangenheit ihren Einfluss ausübten: Das »Familiengewissen« veranlasse, dass die Nachgeborenen das Schicksal ihrer Vorfahren wiederholten oder stellvertretend für diese deren Aufgaben bearbeiteten bzw. deren Probleme zu lösen versuchten.

Wenn nun allerdings - und das ist eine weitere zentrale Annahme Hellingers und seiner Anhänger - einem Klienten durch die Familienaufstellung die »richtige Ordnung« vor Augen geführt werde, könne sich die familiäre Verstrickung ebendadurch auflösen. Wie die richtige Ordnung auszusehen habe und wie sie wiederherzustellen sei, erfahre der Therapeut aus den Hinweisen der als Stellvertreter aufgestellten Personen. Diese könnten in dem durch die Aufstellung entstandenen »wissenden Energiefeld« die inneren Zustände der Familienmitglieder, die sie vertreten, nachempfinden. Indem sie deren »Schwingungen« und »Energien« (Glöckner, 1998; Ulsamer, 1999) aufnähmen, seien sie in der Lage, Auskünfte zu geben, aus denen der Therapeut Hinweise für die Wiederherstellung der verletzten Ordnung entnehmen könne. Zugleich könne er daraus erschließen, welche »schicksalsträchtigen Ereignisse« sich zugetragen hätten bzw. haben müssten. Wenn, auf der Grundlage dieser »Informationen«, durch das Umstellen der Stellvertreter und durch einen versöhnenden Dialog der Beteiligten die »richtige Familienordnung« wiederhergestellt sei, werde die Verstrickung in ihrer Wirksamkeit geschwächt. Da der Klient in die Verstrickungen eingebunden sei, könne er sie weder selbst erkennen noch sich aus eigener Kraft von ihnen befreien. Erst die Lösungsangebote des Therapeuten ermöglichten ihm ein klärendes Erkennen. Die in der abschließenden Aufstellungsform entstehenden Bilder wirkten beim Klienten auf einer »tieferen Ebene« (Ulsa-mer, 1999, 50), wo sie ihre Kraft und heilende Wirkung entfalteten.

Darüber hinaus lasse sich nach Hellinger jede Familienaufstellung auch als evaluative Bestätigung der von ihm entdeckten Ordnungen verstehen. So hätten sich die von ihm vertretenen Konzepte über Familienbindungen und ihre Wirkmechanismen nach seiner und der Überzeugung seiner Anhänger aus den Erfahrungen bei den Aufstellungen zwingend ergeben.



Blendwerk und Täuschung

Unter der Annahme, dass sich Menschen gedankliche Konstruktionen bilden, mit deren Hilfe sie Sinn und Handlungsorientierung gewinnen, lassen sich die in einer Familienaufstellung ablaufenden Prozesse und Wirkungen anders und vor allem einfacher und plausibler beschreiben und erklären, als Hellinger und seine Anhänger dies tun. Die positiv erlebten Veränderungen des Klienten ergeben sich dann nicht durch die Befreiung aus einer »Verstrickung« mit den Kräften der »Familienordnung«; auch nicht aus der »Versöhnung« mit einem »Familiengewissen«, das irgendwelcher Verstöße wegen als Schicksalskraft nach Rehabilitation und Sühne dränge. Vielmehr kommt die Wirksamkeit einer Familienaufstellung dadurch zustande, dass dem Klienten ein neues »belief-system« (Ellis, 1979) aufgenötigt wird. Es wird ihm durch undurchsichtige und suggestive Vorgehensweisen die Konstruktion neuer Annahmen und Sichtweisen nahe gelegt. Durch die Überlagerung seiner Konstruktionen mit anderen Interpretationsangeboten verliert für den Klienten das ursprüngliche Problem seine Konturen. Das methodische Arrangement einer Familienaufstellung veranlasst den Klienten, seine bisherigen Prämissen zu Gunsten neuer Annahmen aufzugeben. Seine ursprüngliche Problemsicht wird somit durch eine ihn (vordergründig) entlastende Vorstellung ersetzt.

Aus der Sozialpsychologie sind zahlreiche Beobachtungen und experimentelle Untersuchungen bekannt, die belegen, dass Menschen durch Instruktionen, durch die Autorität des Versuchsleiters, durch Gruppendruck, durch Ablenkungen und Blendwerk, durch kanalisierte Kommunikationswege oder durch andere Maßnahmen in ihren Situationsauffassungen derart getäuscht werden können, dass sie Zusammenhänge für gegeben halten, die sie bei einem freien Zugang zu Informationen oder bei ausreichenden Erkundungs- und Reflexionsmöglichkeiten nicht als »wahr« oder »richtig« eingestuft hätten. Je weniger der einzelne Mensch Einsicht in situative Zusammenhänge hat, desto stärker ist er auf sinnstiftende Bedeutungskonstruktionen angewiesen. Mit der Zunahme von Undurchsichtigkeit wächst seine Bereitschaft bzw. die Notwendigkeit, auch ungewöhnliche Vorstellungen zu entwickeln und unwahrscheinliche Deutungen für »wahr« zu halten. In frappanter Weise führen uns das die Kunststücke von Bühnenmagiern und Gauklern vor Augen. Als relativ harmlose Form einer derartigen Manipulation sind Gruppenspiele in vielfältiger Modifikation bekannt, bei denen ein Teilnehmer »hinter das Licht« geführt wird. Unter einem Vorwand muss er kurz den Raum verlassen. In seiner Abwesenheit verabreden sich alle anderen Mitspieler auf heimliche Vorgehensweisen, die ihm anschließend die Existenz von übernatürlichen Kräften, besonderen Fähigkeiten (z. B. Gedankenlesen) oder Botschaften aus dem Jenseits suggerieren (sollen).

Bei einer Familienaufstellung liegt exakt dieses Arrangement vor. Allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen, denn hier treiben nicht alle Mitglieder einen harmlosen Scherz mit einer einzelnen Person, sondern der Therapeut treibt seinen durchaus harmvollen, weil existenziellen »Ernst« mit allen übrigen Beteiligten. Da er als Einziger die Regeln und Mechanismen des Spiels kennt, braucht niemand zum Zwecke der heimlichen Absprachen zuvor vor die Tür geschickt zu werden. Durch das Erzeugen von Intranspa-renz und durch eine geschickte Inszenierung von Ablenkungen veranlasst er sowohl den Klienten als auch die »Stellvertreter« und Zuschauer dazu, in ihren Sinn- und Bedeutungskonstruktionen neue Bezugspunkte und Zusammenhänge anzuerkennen. Während er sie glauben lässt, er re-agiere nur auf ihre Impulse, hält er in Wirklichkeit alle Fäden in der Hand. Denn frei nach Watzlawick kann er sich nicht nicht verhalten. In mehr oder minder unauffälliger Weise nötigt er jeden Beteiligten, sich aus den einzelnen Äußerungen seiner »Mitspieler«, die durchaus in »Wahrhaftigkeit« erfolgen, ein Gesamtbild zu konstruieren. Die starken emotionalen Bewegungen ermöglichen ihm dessen Verankerung in der subjektiven Gewissheit der Beteiligten. Abschließend bekommt die neue Konstruktion durch einen scheinbaren Konsens und durch Zustimmungen unter den beteiligten Personen eine quasiobjektive Qualität.

Aus konstruktivistischer Sicht wirken Familienaufstellungen unabhängig davon, ob der jeweilige Therapeut seine Ablenkungsmanöver absichtlich oder - Hellingers Ideen akzeptierend - gutgläubig durchführt. In jedem Fall geht es darum, den Klienten zur Aufgabe seiner bisherigen Sichtweisen zu veranlassen und zur Konstruktion alternativer Vorstellungen anzuregen. Dies geschieht in einer Familienaufstellung in mehreren Schritten, die für den Veränderungsprozess eine jeweils spezifische Funktion haben. Sie sollen nun ausführlicher erläutert werden.


Erster Schritt

Zunächst kommt es darauf an, den an einer Familienaufstellung beteiligten Personen die Annahme nahe zu legen, ihre persönlichen Schwierigkeiten und Probleme ergäben sich aus ihrer jeweiligen Familiengeschichte. Eine explizite Auseinandersetzung mit dieser These gibt es auf den Seminaren Hellingers und seiner Anhänger nicht. Doch kann mit der Anmeldung zu einem dieser Seminare eine (zumindest latente) Bereitschaft der Teilnehmer vorausgesetzt werden, diese Annahme zu akzeptieren. Spätestens wenn der Klient der Aufforderung des Therapeuten folgt, seine Familie »aufzustellen«, bejaht er implizit die Prämisse, seine Problematik rühre aus familiären Konfliktzusammenhängen her. Das Positionieren der so genannten Stellvertreter kann der Klient nicht vornehmen ohne sich etwas dabei zu denken. Es könnte somit sein, dass er die Aufstellung im Hinblick auf sein Anliegen vornimmt. Er könnte folglich Vorstellungen haben, die in mehr oder weniger direktem Zusammenhang zu seiner Problematik stehen. Es läge dies nahe, braucht jedoch nicht so zu sein.

Stattdessen bleibt für alle Beteiligten völlig undurchsichtig, aus welchen Gründen der Klient seinen Familienmitgliedern bzw. ihren Stellvertretern bestimmte Positionen zuweist. Die aufgestellten Stellvertreter verfügen über keinerlei Hinweise auf die inneren Beweggründe des Klienten. Sie sind daher notwendigerweise auf ihre Phantasien oder Spekulationen angewiesen. Damit startet die Arbeit in einer Familienaufstellung mit einer sehr zwiespältigen Situation, gewissermaßen mit einer Art Doppelbotschaft: Einerseits soll die Positionierung der Stellvertreter von hoher Bedeutsamkeit und großem Informationswert sein. Andererseits darf darüber nicht gesprochen werden. Durch diese Verunklarung wird die Position des Therapeuten erheblich gestärkt.

In diesem ersten Schritt hat sich der Klient durch das Aufstellen der Stellvertreter auf die Prämisse des Hellinger'schen Denkens eingelassen. Er hat damit sozusagen den Rubikon überschritten: Er hat den entscheidenden Schritt zur Um- und Neukonstruktion seiner subjektiven Theorien getan. Alle folgenden Schritte dienen nur noch der Ausformung und Festigung dieses Vorganges.


Zweiter Schritt

Nun kommt es darauf an, vor dem Hintergrund der geschaffenen Unklarheit die Beteiligten - für sie unmerklich - zur Konstruktion von sinngebenden Bedeutungen anzuregen. Dies wird dadurch erreicht, dass den Stellvertretern vom Therapeuten zunächst sehr offene Fragen gestellt werden (»Was ist mit dem Vater?«; »Was ist mit der Frau?«). Die Stellvertreter können - wiederum frei nach Watzlawick - auch in intransparenten Situationen nicht nichts empfinden und äußern daher ihre Gedanken, Gefühle oder Körperempfindungen spontan und »wahrhaftig«. Dabei können vielfältige Reaktionen auftreten: von empathisch geäußertem Mitgefühl über nüchterne Situationsbeschreibung bis hin zur Mitteilung teils heftiger Körperreaktionen (Herzklopfen, Temperaturschwankungen, Schweißausbrüche etc.). Gerade die Körperreaktionen sind völlig normal und nachvollziehbar: Da Familienaufstellungen in der Regel vor Publikum stattfinden, ist bei den Protagonisten allemal von einer erhöhten Adrenalinausschüttung auszugehen.

Der Therapeut muss nun diese Äußerungen - völlig unabhängig von ihrem Inhalt oder ihrer Form - so affirmieren, dass die Stellvertreter den Eindruck erhalten, etwas Bedeutungsvolles und Wichtiges mitgeteilt zu haben. In den meisten Fällen reicht es aus, ein paar zustimmende Zeichen (»Mhm«, Kopfnicken o. Ä.) zu geben. Auf diese Weise werden die Stellvertreter allmählich in ein kleines Szenario eingesponnen. Der Therapeut moduliert die jeweiligen Äußerungen so, dass sie zunehmend in Bezug stehend erscheinen zu den Äußerungen der anderen »Familienmitglieder«: Zufällig »Passendes« wird aufgegriffen, Unpassendes wird entsprechend »übersetzt«. Einspruch gibt es nicht. Dem Klienten, der das Schauspiel von außen her verfolgt, wird damit eine erste Konturierung der Ausgangsthese geboten, dass sein Problem aus seiner Familienkonstellation resultiere.

Die Äußerungen der Stellvertreter sind im Sinne einer Selbstkundgabe (Schulz von Thun, 1981) wahrhaftig und authentisch. Allerdings haben sie keinerlei Informations- oder Bedeutungswert. Gerade solcher wird den Teilnehmern und Zuschauern jedoch suggeriert, vor allem dadurch, dass der Therapeut sicn ausarucKiich affirmativ - gestisch, verbal oder mit einer Umstellung der Szenerie - darauf bezieht. Auch in dieser Situation hat der Therapeut darauf zu achten, dass sich die Stellvertreter nur sehr knapp äußern, um die generelle Undurchsichtigkeit des Verfahrens nicht zu gefährden. Dies erreicht er mit der Behauptung, dass einerseits ein guter Therapeut nur wenige Informationen benötige und dass andererseits Klienten und Stellvertreter durch ausführlichere Berichte »geschwächt« oder »irritiert« würden.

Je sparsamer dann die Äußerungen der Stellvertreter ausfallen, umso besser eignen sie sich als Projektionsfläche und umso leichter kann der Therapeut sie untereinander auf »Passung« bringen.


Dritter Schritt

Nachdem auf diese Weise dem Klienten erste Konturen für ein neues Denkmuster vorgeführt worden sind, kommt es nun im dritten Schritt darauf an, ihm die Bezugspunkte seiner bisherigen Annahmen und Vorstellungen zu erschüttern oder gar völlig auszuhebeln. Das geschieht dadurch, dass der Therapeut irgendeine Bemerkung der Stellvertreter zum Anlass nimmt, den Klienten danach zu fragen, ob sich in seiner Familie »etwas Besonderes« zugetragen habe.

Da es für dieses »Besondere« keine verbindlichen Kriterien gibt und auch der fragliche Personenkreis nicht präzise bestimmt wird, können die Klienten immer irgendwelche Sachverhalte oder Vorfälle benennen. Andernfalls würde der Therapeut - als Joker sozusagen - ein »Familiengeheimnis« in das Szenario einfügen (tatsächlich würde dabei eine Person aus dem Publikum die Rolle »Das Familiengeheimnis« übernehmen). Im Anschluss an die knapp gehaltenen Äußerungen des Klienten erweitert der Therapeut die bisherige Anordnung von Stellvertretern um ad hoc aus der Zuschauerschaft rekrutierte weitere Stellvertreter. Dergestalt bekommen Personen oder Ereignisse eine besondere Wichtigkeit für den Klienten, denen er in seinen bisherigen Konstruktionen keine Bedeutung beigemessen hatte. Dies wird dadurch unterstützt, dass mehr oder weniger ausdrücklich von der »Schicksalsträchtigkeit« der Ereignisse gesprochen wird. Damit verändert sich das bislang konstruierte Beziehungs- und Erklärungsgefüge. Außerdem bekommen Beziehungen, die bislang eine beschreibende Qualität hatten, plötzlich und unter der Hand einen Kausalcharakter. Durch das Auftauchen der neuen Gesichtspunkte und Gewichtungen verschiebt sich für den Klienten das Gefüge seiner subjektiven Theorien: Die neuen Annahmen verändern seinen gedanklichen Bezugsrahmen.

Insgesamt wird durch dieses Vorgehen ein doppelter Effekt erreicht. Zum einen wird das bisherige Gedanken- und Orientierungsgefüge des Klienten erschüttert und zum anderen wird ihm eine alternative Sichtweise familiärer Verstrickungen konkretisiert, sprich: oktroyiert. All dies geschieht vor dem Hintergrund eines Zirkelschlusses: Es wird ihm nahe gelegt, seine Problematik als Folge einer familiären Verstrickung zu interpretieren, für deren Existenz und Wirksamkeit nun eben seine Problematik als Beleg herangezogen wird.


Vierter Schritt

Bislang hat der Klient das Geschehen der Familienaufstellung nur von außen verfolgt. Nun kommt es im vierten Schritt darauf an, ihn zu einer Identifikation mit den neuen Bedeutungskonstruktionen zu veranlassen. Er soll das, was ihm gewissermaßen nur vorgespielt wurde, übernehmen und sich zu Eigen machen. Deshalb wird er nun gegen seinen Stellvertreter ausgetauscht und mit Personen aus dem umgestellten Ensemble direkt konfrontiert. In dieser Phase der Familienaufstellung gibt es für den Klienten und die anderen beteiligten Personen keine Freiheitsgrade mehr. Der Therapeut schreibt ihnen alle Schritte, Gesten und Dialoge exakt vor. Der Klient muss sich in geringer Distanz vor den anderen Personen aufstellen und ihnen direkt in die Augen blicken (»Schau ihn an!«). In manchen Fällen hat er auf Anweisung des Therapeuten auch symbolische Gesten wie Verbeugungen, Niederwerfen oder das Überreichen einer schweren Last zu vollziehen. In jedem Fall muss er aber vorgesprochene Sätze und Anreden (»Lieber Papa!«) wörtlich nachsprechen. Im Zusammenspiel mit dem langen Blickkontakt erzeugt dieses Arrangement einen emotionalen Uberdruck, der fast immer zu Tränen und innigen Umarmungen führt. In einer solchen Situation sind Klienten wie Stellvertreter empfänglich für die vorgesprochenen Sätze, die durch ihren weiten Interpretationsspielraum (»In meinem Herzen gebe ich dir einen Platz!«) bei den Beteiligten vielfältige Bedeutungskonstruktionen zulassen. Wenn dann der Klient sich selbst derartige Sätze sprechen hört, kann er sich unter der hohen, situativen Emotionalität als authentisch erleben und es fällt ihm nicht mehr schwer, sich mit dem neuen Interpretationsangebot zu identifizieren. Damit ist das eigentliche Ziel einer Familienaufstellung erreicht: Die Übernahme eines neuen Deutungsmusters.

 

Fünfter Schritt

Wenn der Klient und die Stellvertreter diese Schritte gegangen sind, kommt es abschließend darauf an, ihre vermeintlichen Erfahrungen und »Einsichten« (tatsächlich: Suggestionen) gegen Skepsis und Zweifel abzusichern. Daher sind im Anschluss an Familienaufstellungen Nachfragen oder ein präzisierender Austausch nicht vorgesehen. Damit wird für alle Beteiligten ein Prüfen und Vergleichen ihrer Bedeutungskonstruktionen verhindert. »Durch eine Nacharbeit oder Erfolgskontrolle würde nach Meinung Bert Hellingers die Kraft der Aufstellung zerstört« (Tillmetz, 2000, 150). Sollten bei einer Person dennoch Bedenken auftauchen, wird das Resultat der Familienaufstellung »nur als Angebot« für den Klienten klassifiziert, der darin frei sei, es anzunehmen oder zu verwerfen. Mit diesem Rückzug in die Un-verbindlichkeit weicht man klärenden Auseinandersetzungen aus. Eine vergleichbare Funktion haben Doppelbotschaften wie beispielsweise: »Wenn ich so eine Aufstellung mache, und es wird dann so gesammelt gemacht, wie die das hier gemacht haben, dann kann man davon ausgehen, dass die, die hier das sagen, die Gefühle der wirklichen Personen widerspiegeln. Dass die fühlen, was bei denen ist. Nicht, dass man das jetzt wissenschaftlich überprüfen könnte. Wozu auch?« (Hellinger, 1998c, 331).

Den Klienten wird die Uberprüfung ihrer neuen Konstruktionen bzw. deren Entstehungsprozess erschwert durch die Maßgabe, die Familienaufstellung nicht zu schnell zu wiederholen. Wenn ein Klient dennoch eine weitere Aufstellung durchführen möchte, wird er befragt, ob er beim ersten Mal seine Herkunfts- oder seine Gegenwartsfamilie aufgestellt habe. Entsprechend wird ihm dann das jeweils andere Familiensystem zum Aufstellen vorgeschrieben. Dadurch verringert sich die Wahrscheinlichkeit einer kontrollierenden Wiederholung.

Eine weitere Möglichkeit, das Verfahren der Familienaufstellung gegen Kritik abzusichern, besteht darin, dem zweifelnden Klienten vorzuhalten, er habe nicht »richtig« oder nicht »gesammelt« genug aufgestellt. Mit dieser Position werden sowohl das Verfahren als auch der Therapeut unangreifbar, da es weder für »richtiges« noch für »gesammeltes« Aufstellen Kriterien geben kann; vielmehr nur zirkuläre Begründungen nach dem Motto: »Wenn die Aufstellung keinen zufrieden stellenden Verlauf nimmt, dann waren Klient oder Stellvertreter nicht gesammelt, was man an dem nicht zufrieden stellenden Verlauf erkennen kann«. Als weitere Immunisierungen können z. B. das Abbrechen einer Aufstellung bei kritischen Anmerkungen oder der alleinige Mikrofonbesitz des Therapeuten gelten. Letztlich ist die gesamte Konzeption des Verfahrens so angelegt, dass der Therapeut sich nie rechtfertigen muss. Da er vorgibt, nur auf die Impulse der Stellvertreter zu reagieren, lenkt er von seiner Funktion als Akteur ab. Da er sich weiterhin unter Berufung auf eine angeblich »phänomenologische Haltung« als nur rezeptiv »Wahrnehmender stilisiert, der seine Handlungsanleitungen aus der Leere und Tiefe einer demütigen Begegnung mit der Wirklichkeit erhalte, muss er sich für nichts mehr verantworten. Hellinger führt hierzu aus: »Ich schaue immer wieder neu hin, denn die Wahrheit des einen Augenblicks wird von der Wahrheit des anderen Augenblicks abgelöst. Deswegen gilt für mich das, was ich sage, nur für den Augenblick. Diese Ausrichtung an der Wahrheit des Augenblicks meine ich übrigens, wenn ich meine Vorgehensweise phänomenologische Psychotherapie< nenne« (zit. nach Ulsamer, 1999, 220}. Entlarvender kann die Unzuverlässigkeit und UnVerbindlichkeit einer angeblichen Psychotherapie gar nicht formuliert werden.



Zusammenfassung der Kritik aus ethischer Sicht

Die Veränderung von subjektiver Selbst- und Weltsicht ist das Ziel aller Beratungs- und Therapiekonzepte. Dies ist ein völlig legitimes Vorhaben. Das Verfahren der Familienaufstellung ist hierbei offensichtlich hochwirksam, weil die Klienten mit seiner Hilfe innerhalb kürzester Zeit zu einem anderen Annahmen- und Vorstellungsgefüge gelangen können, vor dessen Hintergrund sie ihre Probleme - zumindest vorläufig - aufgeben oder sehr viel leichter ertragen können. Die Modifikation von subjektiven Sichtweisen scheint hier also besonders gut zu klappen. Zweifelhaft und diskussionswürdig sind jedoch die Mittel, mit denen die Veränderungen erreicht werden. Denn Methoden sind nicht wertneutral. Sie haben nie nur einen einzigen Effekt, sondern, im Gegenteil, immer viele Effekte, die verharmlosend oft als Nebeneffekte bezeichnet werden. Daher sollte ein Verfahren nicht allein nach seiner Effizienz beurteilt werden. Es sind immer auch die ethischen Implikationen der methodischen Vorgehensweisen mitzubedenken. Um dieses zu ermöglichen, habe ich die Vorgehensweise der Familienaufstellungen nach Hellinger ausführlicher und vor einem kontrastierenden theoretischen Hintergrund dargestellt.

Dabei wird nun deutlich, dass sich die Klienten in Familienaufstellungen ihre neuen Vorstellungen nicht durch eigentätiges Erkunden, Ausprobieren, Reflektieren oder Abwägen selbst erarbeiten können, sondern dass diese ihnen vor einem undurchsichtigen Hintergrund durch manipulatives Vorgehen gleichsam aufgepfropft werden. Es kommen dabei Vorgehensweisen ins Spiel, wie sie prinzipiell auch bei Gaukeleien und Täuschungsversuchen eingesetzt werden. Auf diese Weise werden die Klienten weder in ihrem Rationalitäts- und Reflexivitätspotenzial noch in ihrem Autonomiepotenzial gefordert. Damit wird eine Chance vertan, sie in der Entwicklung ihrer Selbsthilfepotenziale zu unterstützen und zu stärken. Stattdessen wird von ihnen erwartet, unhinterfragte bzw. unhinterfragbare Konzepte zur Beschreibung und Erklärung von scheinbar ungewöhnlichen Vorgängen zu akzeptieren. Sie sollen »den Wunsch nach Verständnis dem Wahrnehmen von Wirkungen opfern« (Hellinger, 1998b, 17). Damit erkaufen sie sich ihr vermeintliches »Heil« mit der Unterwerfung unter unbegriffene Vorgänge.

Das Erzeugen von Doppelbotschaften, das Agieren bei Intransparenz und der Einsatz von Ablenkungen hat mit Machtausübung und Verführung zu tun. Dies wird besonders bedenklich, wenn die Akteure vorgeben, nicht in eigener Verantwortung zu handeln, sondern, unter Berufung auf schicksalsträchtige Kräfte, nur als deren ausführende Organe. Hellinger behauptet, Ordnungen, Kräfte und Dynamiken nur ans Licht zu bringen, »demütig« und »absichtslos« (vgl. Nelles, 2000a, 514). Tatsächlich verdunkelt er seine eigene massive Einflussnahme.

Obwohl Hellinger und seine Anhänger immer wieder behaupten, Familienaufstellungen basierten auf empirischen Erfahrungen, haben weder die Konzepte noch die Prozeduren etwas mit Empirie zu tun. Die unzähligen Beispiele, die in der Hellinger-Literatur aufgeführt werden (»Ein Beispiel dazu ...«), haben nur scheinbar einen belegenden Charakter. Tatsächlich jedoch sind sie nur Glieder in zirkulären Begründungen. Um den Anspruch auf Empirie mit Recht erheben und einlösen zu können, müssten auf der Basis eindeutiger Begriffe Hypothesen aufgestellt und unter systematischen sowie transparenten Bedingungen geprüft werden. Stattdessen sind Konzeption und Verfahren der Familienaufstellungen vielfach gegen Zweifel und Kritik - damit auch gegen empirische Bewährungsprüfungen - immunisiert worden.

Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien, das ich hier als Bezugspunkt für meine Darstellungen herangezogen habe, fühlt sich der Entwicklung und dem Wachstum der menschlichen Potenziale zu Rationalität, Reflexivität, Kommunikation und Autonomie verpflichtet. Vor diesem Wertehintergrund sind alle Verfahren abzulehnen, die Menschen in diesen Potenzialen beschneiden. Die Konzeption und die Vorgehensweise von Familienaufstellungen schränken die Möglichkeiten der Klienten zu rationalem, reflexivem, kommunikativem und autonomem Handeln ein. Sie beschneiden den Klienten in seiner Fähigkeit zur Selbsthilfe und machen ihn stattdessen abhängig von Personen, die sich ihrerseits für die von ihnen inszenierte Dynamik nicht verantworten wollen oder können.

Die Frage, ob die Implikationen von Familienaufstellungen ethisch vertretbar sind, lässt sich auch dadurch prüfen, dass man ihre Konzepte und Vorgehensweisen mit den Ansprüchen des Selbstanwendungsprinzips konfrontiert. Würden also Hellinger und seine Anhänger es gutheißen, wenn man sie in einem therapeutischen Kontext mit vagen, empirisch nicht prüfbaren Konzepten und mit intransparenten, manipulierenden Täuschungstechniken »heilen« wollte? Im Sinne des Kant'schen Kategorischen Imperativs ließe sich weitergehend fragen, ob die Techniken von Familienaufstellungen generell für Erziehung, Beratung, Therapie - oder ganz allgemein für den Umgang von Menschen miteinander - ethisch zu vertreten wären. Da einerseits die Anwendung der Verfahren von seiner Konzeption her nicht eingeschränkt ist und andererseits von Hellinger-Anhängern immer neue Verfahrensmodifikationen entwickelt werden (vgl. Weber, 1998), ist dies keine rein hypothetische Frage. Im Falle ihrer Bejahung würden Undurchsichtigkeit und manipulierende Täuschungen zu allgemeinen Prinzipien für den mitmenschlichen Umgang erhoben. Vor diesem Hintergrund sind Familienaufstellungen nach Hellinger - unabhängig davon, ob ihre Akteure in Unkenntnis oder in Kenntnis um deren »Nebenwirkungen« handeln -aus ethischen Erwägungen als höchst bedenklich einzuschätzen und abzulehnen. Und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer hohen Veränderungswirksamkeit.

 


Bibliographie

(1) Jörg Schlee: "Hinters Licht geführt - So funktioniert Familienaufstellung nach Hellinger", in "Der Wille zum Schicksal", Colin Goldner, Ueberreuther-Verlag Wien, 2003, S. 23 ff.

(2) ebenda S. 22

 




Bibliografie

(1) Jörg Schlee: "Hinters Licht geführt - So funktioniert Familienaufstellung nach Hellinger", in "Der Wille zum Schicksal", Colin Goldner, Ueberreuther-Verlag Wien, 2003, S. 23 ff.

(2) ebenda S. 22




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