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Autor / Datum / Thema /Status VIDS/Rühle / 2019-10-10 19:53 / Falun Gong - Wirklich nur eine von vielen Meditationen? / INFOTHEK printer abbrechen Kommentarfunktion aktiv
Zusammenfassung

(VIDS 10/2019) Falun-Gong auf Mission im Vogtland. Die Falun-Gong-Bewegung ist inzwischen im Vogtland keine unbekannte mehr. Eine ehemalige  Lehrerin und Physiotherapeutin aus Reichenbach hat 2014 diese Technik für sich entdeckt. Gemeinsam mit einer Systemischen Supervisorin initiiert sie seit 2016 Übungsgruppen im Vogtland. Die Vogtländer sind dank der lokalen Presse über die regionale Ausbreitung  stets auf dem laufenden, über Inhalte und Hintergründe weniger. Warum betonen eigentlich Praktizierende ungefragt, dass sie keine " Sekte " sind?

Falun-Gong-Bewegung: Nur eine von vielen Meditationen?

VIDS/Wolfgang Rühle/10.10.2019

Die Falun-Gong-Bewegung ist seit 2017 im Vogtland keine unbekannte mehr. Eine ehemalige  Lehrerin und Physiotherapeutin aus Reichenbach hat 2014 diese Technik für sich entdeckt. Gemeinsam mit einer Systemischen Supervisorin initiiert[1]  sie seit 2016 Übungsgruppen im Vogtland. Die Vogtländer sind dank der lokalen Presse über die regionale Ausbreitung  stets auf dem laufenden, über Inhalte und Hintergründe weniger.

 

Ideologie(i)

Falun Gong ist aus religionsgeschichtlicher Sicht ein Zweig des Qi Gong, einer spirituellen chinesischen Praktik. Diese kombiniert Meditation und  Körperübungen mit moralischen Grundsätzen basierend auf den drei Tugenden Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht. Das lässt viele Interpretationen offen. Eine davon: diese Grundsätze können durchaus positive Wirkung auf das Zusammenleben in einer Gesellschaft haben, sofern dem ideologischer  Überbau, Art des Praktizierens  und reale Lebenssituation nicht  entgegen stehen.

 Falun Gong wurde   erstmals 1992 von seinem Gründer Li Hongzhi als eine „höhere Art des Qi Gong“, als Falun Dafa  (das Große Gebot oder Buddha-Gebot) vorgestellt. Schon auf den ersten Seiten von Lis Hauptwerk ZHUAN FALUN[2]  wird deutlich, dass es sich bei Falun Gong nicht nur um eine neue Variante der zahlreich auf dem Esoterikmarkt angebotenen Meditationen handelt. China befand sich in dieser Zeit in einem gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch mit den damit verbundenen Prozessen sozialen Wandels, des Empfindens sozialer Bedrohung und extremer persönlicher Desorientierung. Die Gelegenheit,  sich auf traditionelle Ordnungen zu besinnen und darauf aufbauenden neue, „vollkommenere“ Systeme zur „Errettung“ der Menschheit zu propagieren.

Li spricht in seinem Hauptwerk dem Menschen jede Erkenntnisfähigkeit ohne göttlichen Beistand ab. „Wenn der Mensch das Rätsel des Universums … verstehen will, muss er sich nach einem aufrichtigen Gebot kultivieren, wahre Erkenntnisse gewinnen und die Ebene seines Lebens erhöhen. Erst wenn er über die „…menschliche Ebene hinausgeht, wird er das wahre Universum und die Lebewesen auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Räumen sehen und Kontakt mit ihnen aufnehmen können“. Diese hohen Ebenen – die tiefgreifende Einsicht in alle Geheimnisse, von Teilchen, von Molekülen bis zum Kosmos- können nur von Praktizierenden des Falun Gong, niemals aber von gewöhnlichen Menschen erreicht werden. „Dieser Weg ist nichts anderes, als die Menschen zu erlösen…Ich sage dir eine Wahrheit: Der ganze Prozess der Kultivierung ist ein Prozess, den Eigensinn des Anhängers allmählich zu beseitigen“. [2]

Nach eigener Darstellung ist Li der Einzige, der diesen „Kultivierungsweg“  zu diesen ‚hohen Ebenen‘ lehren kann. Mittelpunkt dieser Vorstellung ist das Falun, „.. ein sich drehendes intelligentes Wesen von hoher energetischer Substanz. Das von mir [Li, Anm. Red.] im Unterbauchbereich des Praktizierenden eingesetzte Falun dreht sich täglich ununterbrochen 24 Stunden lang, um ihm automatisch zu helfen“. Man könne es auch bekommen, wenn man eifrig die Übungen vollziehe oder intensiv die Bücher Lis lese.

Li beschreibt in  ZHUAN FALUN eine klare, exklusiv gestaltete Vision unermesslicher Erkenntnis, zu deren Erlangung aber unbedingte Unterordnung und Hingabe erforderlich sind. Er hat dem Falun Gong eine exklusive Sonderstellung zugedacht, sich selbst die eines „Meisters“, der als einziger diesen Weg lehren kann. Der Weg darf nur von ihm festgelegt werden, Abweichungen oder eigene Interpretationen der Praktizierenden sind nicht zulässig. Nur wer die eigene Lebensvorstellung – seinen Eigensinn - aufgibt, kann auf dem Weg der „Kultivierung“ erfolgreich sein und so zur Erlösung gelangen.

Neben seinem Alleinvertretungsanspruch (nur er kann den Falun in den Körper einsetzen) propagiert Li auch einen Heilungsanspruch. Falun Gong ist keine Heilungsbewegung, das Heilen ist den Praktizierenden sogar verboten. Gesundheit wird jedoch  als Begleiterscheinung für alle ernsthaft Praktizierenden versprochen. „Hier bei uns wird kein Qi geübt. Die Dinge auf den niederen Ebenen brauchst Du nicht mehr zu üben, wir schieben dich über sie hinweg und lassen deinen Körper den krankheitsfreien Zustand erreichen.“

Allein schon die Selbstüberhöhung des „Meisters Li“ und der mit dessen Lehre verbundene Heilungsanspruch, sind starke Merkmale eines destruktiven Kultes.

 

Struktur und Selbstdarstellung

Falun-Gong-Praktizierende betonen stets mit Nachdruck, dass es in der Bewegung keine Hierarchie gebe. „Alles geschieht ohne Gruppenzwang, Mitgliedschaft oder ähnliches – es entstehen keinerlei Kosten“ [3]. Dieser erwähnten Merkmale bedarf es zur Bildung von Strukturen innerhalb einer Bewegung auch gar nicht. Netzwerke bilden eine wesentlich effektivere Methode.  

Netzwerke weisen spezifische Eigenschaften der gegenseitigen Einflussnahme und  Strukturbildung auf. [4] Sie definieren  einen  Ort des sozialen Austausches, an dem es verstärkt zur Bildung sozialer Beziehungen kommt. Die Zusammensetzung der Personen an einem sog. Aktivitäts-Fokus bestimmt mit darüber, unter welchen Personen sich systematisch Sozialbeziehungen bilden. Oftmals bilden sich Freundschaften zwischen Personen mit ähnlicher kultureller Prägung.  Hier kommt es in der Kommunikation häufiger zu Übereinstimmungen in den Einschätzungen (Homophilie-Effekt). Netzwerkbeziehungen bilden sich zudem über  kulturelle Modell oder formale Rollen. Strukturbildende Effekte  ergeben sich vor allem über die allgemeine Neigung eines Akteurs, sich gegenüber anderen etwa so zu verhalten,  wie diese sich ihm gegenüber verhält (Reziprozität) und die Tendenz zu ausgewogenen Netzwerkkonstellationen. Beziehungen richten sich bevorzugt an populäre Akteure, die auch von vielen anderen als Beziehungspartner gewählt wurden (Preferential Attachment)

Daraus ergeben sich eine Reihe interessanter Effekte. Netzwerke üben auf die in Ihnen verbundenen Akteure sozialen Druck aus. Dichte Netzwerke erzeugen nicht nur Druck zur Kooperation, sie drängen Individuen auch ihre Weltsicht auf. Dies führt zur Anpassung von Netzteilwerkteilnehmern an die Verhaltens- und Denkweise der Gruppe.  Aussagen zur Koordination von gemeinsamen Handeln und die Auswirkungen auf Kategorien lassen sich aus der Struktur des Gesamtnetzwerkes erkennen.

Die Basisstruktur der Falun-Gong-Netzwerkes bilden die regionalen Gruppen, oft unter 10 Mitgliedern. Innerhalb solcher Gruppen ist stets die Möglichkeit einer direkten Kommunikation gegeben, es entwickelt sich schnell ein Gefühl der Verbundenheit. Gemeinsame Aufgaben und gemeinsame Ziele können effektiv  abgesteckt und direkt umgesetzt werden. Ein System gemeinsamer Normen und Werte entwickelt sich, ebenso ein Geflecht aufeinander bezogener sozialer Rollen, die auf das Gruppenziel gerichtet sind. Eine gute Basis, den Gedanken der „Kultivierung“ nach außen zu tragen. „Mittlerweile etabliert sich die Kultivierung vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda“.[3]  In mindestens 5 Städten des Vogtlandes sind inzwischen neue Gruppen entstanden.

Kontakte zu Praktizierenden in der Nähe und zu Gruppen in aller Welt können Interessenten zudem über die Internetseite falundafa.org des deutschen Falun-Dafa-Vereins mit Sitz in Berlin aufnehmen.  Die Übersicht über alle weltweit agierenden Gruppen vermittelt nicht nur Kontakte, sie vermittelt vor allem auch den Praktizierenden das erhebende Gefühl, Mitglied einer weltweit bedeutenden Organisation zu sein, deren Mitglieder vereint im Glauben Entscheidendes bewegen können.

Ein durchaus starkes Bindeglied innerhalb der Bewegung ist das Einbeziehen  aller  Praktizierenden über direkte Ansprache, z. B. per e-mail, bei der Vorbereitung überregionaler Aktionen. Die direkte Ansprache hat einen stark motivierenden Effekt und verbindet gleichzeitig  verschiedene Strukturebenen untereinander.

Die öffentliche Darstellung der Bewegung vor allem im Internet und auf öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen ist ein weiteres stärkendes Element. Im Internet ist die Bewegung kaum zu übersehen. Die Anfrage bei Google nach Falun Gong ergibt ungefähr 3.600.000 Treffer.   Schauen wir uns einige ausgewählte genauer an.

Eine zentrale Bedeutung scheint in Deutschland auch der seit 2004 in deutscher Sprache erscheinenden Epoch Times zuzukommen. Redakteure aus verschiedenen Regionen agieren vermutlich als direkte Bindeglieder zu regionalen Gruppen. Neben allgemeinen Nachrichten spezialisierte sich die Zeitung auf Themen wie Menschenrechtsverletzungen und Korruption in China und engagierte sich stets auch für die Belange von Falun Gong..[5]   Die Qualität des Portals ist in Deutschland sehr umstritten. Die Internetseite https://de.clearharmony.net/ (jetzt yuanming Europa)  widmet sich vor allem persönlichen Geschichten, der Verfolgung in China und der Unterstützung in Europa. Die Art und Weise der Berichterstattung hinterlässt den schalen Beigeschmack, dass hier das Leiden der Falun-Gong-Anhänger in China zur Werbung für die eigene Organisation instrumentalisiert wird. „Das Unrecht, das diesen Menschen in China zugefügt wird dient unmittelbar dazu, quasi einen Bonus für diese Organisation in Europa zu rechtfertigen. Zumindest psychologisch funktioniert diese Nummer auch in anderen Zusammenhängen: Wer zu unrecht leidet, erwirbt Mitgefühl und Sympathie. Auf genau diesen Bonus scheint es die Falun-Gong-Bewegung in ihrer Öffentlichkeitsarbeit abgesehen zu haben“[6]  Die Kulturgala „Shen Yun“ verpackt die Werbung für Falun Gong in eine farbenfrohe Präsentation „traditioneller chinesischer Kultur“. Der Verein „Ars Honesta – Deutscher Verein für Kunst und Menschenrechte e.V.“ macht mit Kunstwerken und dem Thema Menschenrechte auf sich aufmerksam. Beide verweisen stets auf Falun Gong und seine Prinzipien. Der von Falun-Gong-Anhängern gegründete Sender NTDTV (New Tang Dynasty Television) gehört ebenfalls zu einer wachsenden Gruppe von Medienorganisationen im Umfeld der Bewegung.

Bei öffentlichkeitswirksamen Anlässen auf Bundesebene, dem Tag der Sachsen oder einem Gesundheitstag in der Kommune, werben Falun-Gong-Praktizierende  exzessiv um Aufmerksamkeit.

 

Fazit

Die Falun-Gong-Bewegung sieht sich selbst weder als Religion noch als politische Organisation. Die Ideologie der Bewegung, ihre Organisation und öffentliche Selbstdarstellung und Aktivitäten stehen dem entgegen.

Nach unserer Auffassung erfüllt die Bewegung wesentliche soziologische Merkmale eines destruktiven Kultes.[7]

Thomas Heberer[8]  beschreibt Falun-Gong ebenfalls mit dem soziologischen Begriff des Kultes. Es handelt sich dabei um eine lose strukturierte religiöse oder religionsähnliche Gruppierung, der man nicht formell beitritt. Die Zugehörigkeit definiert sich primär über bestimmte Weltsichten und Praktiken. Die Glaubensinhalte sind in der Regel synkretistisch, esoterisch und individualistisch. Kulte entwickeln sich häufig um charismatische Führer und lassen auch Verbindungen zu anderen religiösen Gemeinschaften zu.

Diese Auffassung bestätigte auch das OLG Dresden[9] in einem Urteil vom 02.05.2005. Anlass für den Prozess war ein Bericht von Mitte Juni 2003 in einer Coburger Zeitung. Dort war die 1992 gegründete Bewegung als "neu religiöse Psycho-Sekte mit sehr hierarchischen Anhängerstrukturen" bezeichnet worden. Gegen diese und ähnliche Äußerungen in dem Beitrag, der auch im Internet erschien, wehrt sich der Deutsche Falun Dafa Verein erfolglos[10]

Harald Lamprecht schreibt in Confessio 4/2007 aus christlicher Sicht: Der Führungsanspruch von Li Hongzhi, der im Zhuan Falun niedergelegte exklusive Heilsanspruch und das bemerkenswerte Engagement der Anhänger stellen Falun Gong in eine Reihe mit anderen neuen religiösen Bewegungen wie z.B. die Neuapostolische Kirche, den Bruno-Gröning-Freundeskreis oder die Anhänger von Sri Chinmoy. Für sie gilt wie für alle anderen in Deutschland Religionsfreiheit: sie dürfen sich versammeln und für ihre Ideen werben, , auch wenn ihnen von christlicher Seite zu widersprechen ist.

 


(i) Ideologie =  an eine soziale Gruppe, eine Kultur o. Ä. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen

 




Bibliografie

[1] Freie Presse, Mit Falun Gong im Park auf dem Weg zur Vollkommenheit, 19.07.2016 Abruf 08.10.2019

[2] vgl.  Li Hongzhi, ZHUAN FALUN, PDF, https://de.falundafa.org/downloads/books/ZhuanFalun_U2_A5.pdf S. 6 ff, Abruf 08.10.2019

 

[3] Freie Presse, Wenn der Meister aus dem Smartphone spricht , 03.05.2018 Abruf 09.10.2019

[4] vgl. Jan Arendt Fuhse, Soziale Netzwerke, Konzept und Forschungsmethoden, UVK Verlagsgesellschaft mbH, S. 159 ff.

[5] https://meedia.de/2016/03/18/kopp-sputnik-epoch-times-co-nachrichten-aus-einem-rechten-paralleluniversum/

[6] vgl. Confessio 4/2007

[7] vgl. https://vikasserver.de/DATENPUBLICCALL/LEXIKONanzeigesatzpublicoam.php?LEXIZEIGCOUNT=350

[8] vgl. Thomas Heberer,  Falungong - Religion, Sekte oder Kult?

[9] OLG Dresden zu Falun Gong

[10] vgl. AGPF




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